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MimpfeliVon den Medien, bunten Abenden und Comedians von einst

Als «Schreiber», der über Vereinsabende in Quartiersälen berichten musste, kamst du hierarchisch gleich nach dem «Redaktionsdiener», der den Redaktoren die damals noch übervollen Aschenbecher leerte.

Meine «Bunte Abende»-Besprechungen wurden bald zu Berichten, in denen ich vor allem die Conférenciers immer über den grünen Klee lobte.
Meine «Bunte Abende»-Besprechungen wurden bald zu Berichten, in denen ich vor allem die Conférenciers immer über den grünen Klee lobte.
Illustration: Rebekka Heeb

JOURNALISTEN HABEN ES HEUTE NICHT EINFACH.

HATTEN SIE ES NIE.

Zeitungen pfeifen aus dem letzten Loch. Die Löhne werden von den Verlegern gedrückt. Fazit: mehr Arbeitswochen – weniger Zahltag.

Der Ruf der «Medienschaffenden» ist zur Sau.

UND DAS SCHLIMMSTE: DU WIRST ALS REPORTER WIE AUCH ALS NACHRICHTENHÖRER TÄGLICH VON NEWS-LAWINEN ZUGEMÜLLT.

Millionen von Studis und Studien bringen neuste Erkenntnisse auf den Computer. Am andern Tag werden diese Studien bereits widerlegt.

Die Medienleute geben die Meldungen oft ungefiltert raus – es fehlt die Zeit für die genaue Recherche: Ein Konkurrenz-Sender oder ein anderes News-Portal könnten zuerst sein. Und es gibt im Jahrhundert der Social Media und der neusten Horror-Schlagzeilen nichts Schlimmeres, als zu spät mit einem «Knaller» online zu gehen.

NUR GAR NICHT PRÄSENT ZU SEIN, IST MIESER – SO ETWAS IST DER TOD IM DIGITALEN LEBEN, QUASI.

Es gilt im Medien-Zirkus dasselbe wie in der Formel 1: VOM ZWEITEN REDET NIEMAND. EIN ZWEITER BRINGT KEINE QUOTEN. ALSO MUSS MAN AUF TEUFEL KOMM RAUS DER ERSTE SEIN!

Natürlich hatten wir Jung-Schreiber der 60er-Jahre auch damals schon Zeitdruck. Man musste innert drei Stunden eine Geschichte liefern. Fertig. Und das ging schon vor einem halben Jahrhundert auf Kosten der Qualität.

Ich erinnere mich, als der alte Chefredaktor Heinrich Kuhn mich zu sich rief und erklärte: «Bubi – du wirst nach dem Monstre-Trommelkonzert direkt auf die Zeitung kommen. Dich auf deine fünf Buchstaben hocken. Und sofort den Bericht runterklappern. Wir wollen ihn vor der Konkurrenz im Blatt haben. Kapiert?»

Damals schleppte sich ein «Drummeli» noch endlos hin. Die Cliquen staubten in miefigen Cortège-Kostümen auf der Küchlin-Bühne. Und nagten nerventötend am vereierten «Querpfyffer». Hatte der letzte Tambourmajor endlich abgewunken, war Mitternacht längst vorbei.

Ich jagte auf den Äschenplatz. Hämmerte auf meine uralte «Remington» ein. Und die Setzer rupften mir Zeile für Zeile direkt von der Rolle.

ABER DIE DOPPELSEITE «S DRUMMELI – E GLUNGENE UFFTAGGT ZUR FASNACHT!» ERSCHIEN DREI STUNDEN SPÄTER IM BLATT. HEEEE, SENSATION!

Weniger sensationell las sich mein Bericht. Er war gespickt mit Fehlern, Verwechslungen, falschen Cliquennamen und entsprechenden giftigen Bemerkungen: «Sagen Sie Ihrem birnenweichen Schreiber, ‹Schnurebegge› schreibe man mit einem u – und einem r!»

Es gibt nichts Heiligeres als die Fasnachtswelt und deren Namen.

Wir brachten dann drei Spalten Berichtigungen. – A B E R: WIR WAREN DIE ERSTEN GEWESEN.

JA HALLO!

Wenn ich lese, sehe oder höre, was Corona jeden Tag von sich zu berichten gibt, bekomme ich Temperatur. UND SO ETWAS DARF HEUTE JA KEINER MEHR HABEN.

Ich vernehme, dass Masken nicht immer sicher sind. Dann lese ich, dass Maskentragen der einzige Weg sei, die Epidemie in Schranken zu weisen. Gleich darauf muss ich in den Mittags-News hören, dass eine neuste Studie beweist, dass Maskenträger sich am eigenen Atem anstecken können. LUSTIG, GELL!

Mit den politischen Nachrichten ist es dasselbe – ich werde mit Zahlen aus den USA bombardiert. Dazu mit Titeln, die du einfach nicht übersehen kannst: «DIESE LÜGE LÄSST TRUMP SCHEITERN!»

Am andern Tag höre ich, dass laut neuster Statistik die Chancen des Hallodri stark gestiegen sind. Drei Stunden später kommt eine Extra-Sendung aus dem NEWS-Studio: «DIE SCHARFEN ÄUSSERUNGEN VON NICHTE MARY BRINGEN DEN TRUMP-MYTHOS ZU FALL!» Der Kommentator schliesst: «Lügen haben kurze Beine …»

Da bist du echt sprachlos. Endlich weiss jeder, dass Trump kurze Beine und eine scharfe Nichte hat. MEHR WEISS KEINER NICHT!

Als ich mich für den Beruf des «Medien-Schaffenden» entschied und dann von der Journalistenschule aufgenommen wurde, war da auch das Fernsehen, weil es sich um den ersten Kurs dieser Art in der Schweiz handelte.

«WESHALB WOLLEN SIE JOURNALIST WERDEN?» – fragte der «Tagesschau»-Reporter. Ich: «Aus Lust am Schreiben …»

Meine Mutter rief mich an: «Musst du bei dem einzigen Satz, den du rauslässt, gleich mit den Wimpern klimpern wie Judy Garland im ‹Zauberer von Oz›?»

Da war mir klar, dass ich als Journalist nichts taugen würde.

Man schickte den Schreiber dann an «bunte Abende». Das war damals «die Samstags Abend Show» des gemeinen Volkes. Oder das «HOLT MICH HIER RAUS» von heute.

Die Abende wurden jeweils vom Jodelchor und einem Handorgelverein in Quartiersälen auf die Beine gestellt. Das Programm war aus eigenem Boden – der Conférencier war es nicht. Es gab sechs Stück in der Szene. Und jeder brachte dieselben Witze.

Da ich an einem Samstag gleich drei solcher Anlässe besuchte, um finanziell über die Runden zu kommen, machte ich mir die Conférenciers zu Freunden. Statt der Witze erzählten sie mir, was gelaufen war und weiterhin laufen würde. So wurden es dann drei Berichte, in denen ich vor allem die Conférenciers immer über den grünen Klee lobte.

NUN – ES GAB KEINEN PULITZER-PREIS.

Aber es gab auch keine Berichtigungen.

Es war einfach so.

Als «Schreiber», der über «bunte Abende» berichten musste, kamst du hierarchisch gleich nach dem «Redaktionsdiener», der den Redaktoren die damals noch übervollen Aschenbecher leerte.

Jahre später avancierte ich zum Berichterstatter im Clara-Variété. Vater Thöni spendierte ein Bier – und ich musste mich von halb nackten Tänzerinnen mit Boafedern streicheln lassen.

Heute findet die Bunte-Abend-Unterhaltung auf Netflix, einem Podcast oder auf Youtube statt. Jeder publiziert dann im Facebook seine eigene Kritik dazu.

DIE CONFÉRENCIERS HEISSEN JETZT «COMEDIANS».

Nur die Witze sind dieselben geblieben …

2 Kommentare
    Niklaus Rege

    Naja immer dieselbe Kamelle. Es wäre an der Zeit in Pension zu gehen.