Zum Hauptinhalt springen

MimpfeliVom letzten Besuch der Liesel und Mozarts «Tuttifrutti»

Die Gräfin Liesel, ihre riesigen Möpse und der sabbernde Innocence – das ist zu viel für Autor -minu. Bis ihn die Adlige irgendwann zu Tränen rührt.

Knochige Finger, die den Klunkern von einst keinen Halt mehr geben.
Knochige Finger, die den Klunkern von einst keinen Halt mehr geben.
Illustration: Rebekka Heeb

«DIE GRAFEN KOMMEN…», Innocent sagt es mit einem leisen Zögern. Er weiss, dass ich jetzt verstaubt bin. Und die volle Krise bekomme. Corona hat mir alles durcheinandergewirbelt. Ich will keine Besuche. Ich will keine Kocherei. Vor allem will ich kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. UND BEI LIESEL SIND ES ZWANZIG BÄUME MIT BLÄTTERN!

Wir haben die Grafen vor einem gefühlten Jahrhundert in Salzburg kennen gelernt. Die adlige Schlampe stürzte sich sofort auf Innocent. Liess ihre Möpse kreisen. Und flüsterte ihm Heisses in seine haarigen Löffel. Da Innocent schon damals schwer auf den Ohren, aber klar auf dem Auge war, schielte er nur zu den kreisenden Melonen. Er wehrte die Zunge im Ohr kichernd ab. «Das kitzelt, gnädige Frau!»

«Ich bin die Liesel…», strahlte sie. «Und das ist mein Alter: Graf Hubertus…WIR NEHMEN ES ABER MIT DER ETIKETTE NICHT SO GENAU. GELL HUBI!». Das konnte man wohl sagen.

Die Liesel passte weniger in die festliche Salzburger Eröffnungs-Premiere als in das neuste Programm vom Crazy Horse. SIE TRUG EIN PAILLETTEN-KLEID, DAS DEN SAUM KURZ UNTER DEM BAUCHNABEL HATTE. Graf Hubi aber sah aus, als wäre er direkt aus der Hütte der Förster-Liesel ausgespuckt worden: Hütchen mit Gamsbart. Rote Wollsocken. Und ein «Wamserl» mit Edelweiss-Knöpfen. Fehlte nur noch der geschossene Hase auf dem Rücken.

Sie trug ein Pailletten-Kleid, das den Saum kurz unter dem Bauchnabel hatte.

Später hat sich herausgestellt, dass das Treffen zu den Salzburger Festspielen ein abgekartetes Spiel war: Liesel und der Basler Hallodri hatten sich nämlich in Abano im Fango getroffen. Im Fango ist es heiss. Und man hat sich einiges zuzuflüstern. Muss ich ausholen? ICH WILL ES EUCH ERSPAREN!

Jedenfalls wunderte ich mich doch sehr, als Inncoent , der bei Verdis «Nabucco» stets glaubt, das Ganze sei eine italienische Zahnpasta, ich wurde also skeptisch, als der Alte plötzlich flötete: «Wollen wir nicht einmal an der Eröffnungs-Fete in Salzburg mitfeiern?»

Ich: «Salzburg ist Oper. Gesang. Geige. Da stellst du doch immer die Lauscher auf AUS.» Er: nicht bei Mozart. Mozart liiiiebe ich. Sie geben sein berühmtes «Tuttifrutti»…UND SO WURDEN UNS KARTEN FÜR «COSI FAN TUTTE» GESCHICKT. Für das Geld eines einzigen Sitzplatzes hätten wir unser Haus neu streichen lassen können.

ITEM – DAS TREFFEN VOR DEM GROSSEN FESTSPIELHAUS HÄTTE REIN ZUFÄLLIG AUSSEHEN SOLLEN. ICH AHNUNGSLOSE TUSSE WURDE VON INNOCENT MITTEN INS FEUER VORANGETRIEBEN: «Schau dort diese nette Dame – sie kommt mir irgendwie bekannt vor…» ICH: «WENN D A S EINE DAME IST, BIN ICH ZARAH LEANDER!» Er: «Tu nicht so vornehm…sie ist eine Lady und du nur eine Trämlerstochter!»

DIE «TRÄMLERSTOCHTER» HAT ER MIR IMMER WIEDER AUFS BROT GESTRICHEN. Dabei war meine Kindheit mit Kultur durchtränkt. Noch stark besoffen hat mein Vater mit der Schweine-Arie aus dem Zigeunerbaron brillieren können…DAS IST AUCH KULTUR!

Innocent schob mich also vor dieses schrille Gestell, das aussah wie eine explodierte Faschingsbombe: «Küss ihr schon die Hand!» WO WAR DA EIN STÜCK HAND ÜBRIG? DA WAR ALLES HOCHKARÄTIG VOLLGEKLUNKERT! «Ach, das Buaberl wird sich schon noch ans Lieserl gewöhnen…», kicherte die Schiessbuden-Attraktion.

Noch stark besoffen hat mein Vater mit der Schweine-Arie aus dem Zigeunerbaron brillieren können. Das ist auch Kultur!

Da bin ich einfach zur Nebenpartei. Habe den Grafen geküsst. ER SAGTE «OH MAI!». KIPPTE AUS DEN ROTEN WOLLSOCKEN. Und wir mussten ihn dann zu dritt mit einem Fläschchen 4711 wieder in die wirkliche Welt zurückholen.

Natürlich gingen wir nicht zu Mozarts «Tuttifrutti» – sondern direkt aufs Gut des Grafen. Dort gab es Knödel mit hausgeschossenem Hirsch – die Knödel zu weich, der Hirsch zu hart. Aber da Innocent eh nur noch Augen für die hopsenden Pfanni-Kugeln der Gastgeberin hatte, war es Wurst. Es wurde dann der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, die Innocent immer wieder schmachten und den Blick in die Donnermelonen der Frau Gräfin eintauchen liess.

Mit den Jahren wurden die Kugeln aufgespritzt. Wenn es in Salzburg regnete – und das tut es dort oft – hört man das gemütliche «dlaggdlaggdlagg» beim Aufprallen der Tropfen auf dem Silikon. UND NUN ALSO: «SIE KOMMEN…» Jetzt wird Innocent plötzlich leiser «…vermutlich zum letzten Mal. Die Liesel – so hat mir Hubertus am Telefon geflüstert – ist nicht mehr ganz in unsrer Welt…»

ACH GOTT – DAS WAR SIE NIE.

Als dann der Wagen mit dem Grafen-Wappen bei uns in der Wildnis vorfuhr, als da ein mageres, verhutzeltes Persönchen am Arm des Fahrers herbeigeführt wurde – als Liesel sich unsicher umschaute und ihre Augen beim Meer zu strahlen begannen: «Ja wo sammer denn da Wunderbares» – da habe ich die Tränen runtergewürgt. Und sie fest in die Arme genommen.

Sie streichelte mir über die Wange: «Wer bist du, alter Mann?»

Ich habe ihre Hände geküsst – knochige, magere Finger, die den Klunkern von einst keinen Halt mehr geben konnten.

1 Kommentar
    Babette Schwarz

    Wunderbar Minu - Entschuldigung Herr Minu

    einfach unglaublich diese Geschichten / Erzählungen / Stories.

    Gibts denn auch Bücher von Ihnen?