Voll auf die Frauen gesetzt
Dass Holland im Final der Frauen-WM steht und die übermächtigen Amerikanerinnen fordert, ist kein Zufall. Sondern das Resultat konsequenter und teurer Aufbauarbeit.

Das haben sie nun davon. Als Europameisterinnen und WM-Finalistinnen lernen sie sie langsam kennen: die grob geschätzt 17 Millionen Nationaltrainer, die es in Holland gibt. Die männlichen Kollegen, die auch schon Europameister waren und WM-Finalisten, haben bestimmt von ihnen erzählt. Dass es nicht immer gleich einfach war, Arjen Robben zu sein.
Wo Erfolg ist, sind Nörgler nie sehr weit. Deshalb ist es derzeit auch nicht immer gleich einfach, Shanice van de Sanden zu sein. Die Stürmerin von Olympique Lyon fällt auf im Team der Holländerinnen, mit ihren pinkfarbenen Haaren und dem knallig roten Lippenstift, mit ihrer kräftigen Postur und ihrer Schnelligkeit. Doch den WM-Final haben die Holländerinnen ohne ein Tor Van de Sandens erreicht. Das ruft Kritiker hervor.
«So läuft das an einer WM», beschwichtigt Nationaltrainerin Sarina Wiegman, «das ist jetzt eben unser Leben, und damit müssen wir umzugehen lernen. Wir sind Europameisterinnen und derzeit ziemlich präsent.»
5 Millionen TV-Zuschauer
Daran, täglich die Nachrichten zu dominieren, müssen sich Hollands Fussballerinnen aber erst noch gewöhnen, auch jetzt noch, trotz EM-Titel vor zwei Jahren im eigenen Land. Und sie brechen auch jetzt wieder alle Rekorde: Das 1:0 im Halbfinal gegen Schweden fand zu Hause ein TV-Publikum von 5 Millionen, was die Werte des Champions-League-Halbfinals von Ajax Amsterdam gegen Tottenham übertraf. Die Löwinnen sind in diesem holländischen Sommer der letzte Schrei. An den Tankstellen gibt es Plastikfiguren der Spielerinnen zu kaufen.
Der Erfolg, morgen in Lyon die Amerikanerinnen im Kampf um den WM-Titel herauszufordern, mag die Holländerinnen gerade etwas überrumpeln, doch er ist nichts als das Ergebnis konsequenter Aufbauarbeit. Sie reicht zurück ins Jahr 2007, als der Fussballverband KNVB die Ehrendivision der Frauen gründete.
Bildstrecke: Holland steht im WM-Final
Er liess sich dieses Projekt einiges kosten. Bis 500'000 Euro pro Jahr erhielt jeder Verein, der sich daran beteiligte, doch angefragt wurden nur die grossen Männerclubs des Landes – denn nur sie hatten die Infrastruktur vorzuweisen, die dem KNVB genügte. Und teilnehmen an der geschlossenen Profiliga durfte nur, wer den Frauen die komplette Infrastruktur sowie einen professionellen Trainerstaff zur Verfügung stellte.
«Mit dieser Liga legte der Verband das Fundament für die heutigen Erfolge», ist Nora Häuptle überzeugt. Die Schweizer U-19-Nationaltrainerin erlebte die Pionierphase hautnah, vom solothurnischen Amateurclub FFC Zuchwil 05 hatte sie zu Twente Enschede gewechselt. Twente galt als besonders vorbildlich: «Wir hatten alle erdenklichen Trainingsmöglichkeiten und waren den Männern gleichgestellt, was die Infrastruktur betraf», erzählt Häuptle. Natürlich habe sie nicht so viel verdient wie Blaise Nkufo, der einstige Schweizer Nationalstürmer, damals wie sie bei Twente unter Vertrag, «aber das Training war gleichwertig».
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Drei Jahre lang subventionierte der KNVB das Prestigeprojekt, doch nicht alle Vereine konnten oder wollten es sich danach leisten. Zudem fehlten Spitzenclubs wie Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven lange. Das änderte sich 2015, als nach Jahren einer grenzüberschreitenden Liga mit Belgien die Ehrendivision reaktiviert wurde. Auch Ajax und PSV stiegen ein, die Amsterdamer wurden seither zweimal Meister und stellen im holländischen WM-Kader vier Spielerinnen.
Das Tief der Männer half
2015 waren die Holländerinnen auch erstmals an einer WM dabei, genau wie die Schweiz, und wie damals das Team von Martina Voss-Tecklenburg erreichten sie in Kanada den Achtelfinal. MIt dem Wissen, zwei Jahre später die Heim-EM auszurichten, startete Holland durch: Der KNVB startete eine Imagekampagne und stellte voll die Frauen in den Mittelpunkt. Im Land machte sich das Fussballfieber breit – auch ganz ohne die erfolgsverwöhnten Männer, die 2016 die EM verpassten und 2018 die WM ebenso.
Dass der Hype um den Frauenfussball in Holland derzeit geradezu elektrisierend sein kann, durften die Schweizerinnen in der WM-Barrage miterleben. 25000 euphorisierte Zuschauer trieben das Heimteam im Hinspiel im vergangenen Spätherbst in Utrecht zum klaren und vorentscheidenden 3:0. Im Rückspiel blieb der Schweiz ein 1:1.
Die fortschrittliche Einstellung der Holländer in Sachen Gleichstellung sowie die riesige Fussballbegeisterung sorgten für diese Ausnahmesituation in Holland, glaubt Nora Häuptle. Was das Land von der Schweiz unterscheidet, formuliert sie so: «In Holland hat es in jedem noch so kleinen Dorf eine Kirche, eine Beiz und drei Fussballfelder. In Bern beispielsweise ist es viel schwieriger, einen Platz zu finden. Und sozialkulturelle Fragen wie jene eines Vaterschaftsurlaubs diskutieren wir hier auf einem ganz anderen Niveau.»
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