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Geldblog: Zukunft der Bell-AktieViel Fleisch am Knochen?

Die Coop-Tochter Bell Group zählt zu Europas grössten Fleischverarbeitern. Die Vor- und Nachteile ihrer Papiere.

Oft unterschätzt: Die Bell Group mit CEO Lorenz Wyss erreicht einen Umsatz von 4 Milliarden Franken.
Oft unterschätzt: Die Bell Group mit CEO Lorenz Wyss erreicht einen Umsatz von 4 Milliarden Franken.
Foto: Patrick Straub (Keystone)

Ich besitze schon länger Aktie von Bell. Darf ich da noch auf eine Erholung hoffen? Leserfrage von R.H.

Gegessen wird immer– auch in der Krise, lautet an der Börse ein Spruch, wenn man die Vorzüge von Aktien aus dem Nahrungsmittelsektor betonen will. Das ist im Grundsatz richtig und gilt nicht nur für die hierzulande bekannteste Nahrungsmittelaktie Nestlé, sondern auch für die Fleischverarbeiterin Bell Group. Dennoch ist die Sache im Fall von Bell komplexer: Obwohl auch in der Corona-Krise viel gegessen wurde, ist Bell ebenfalls von der Pandemie betroffen.

Wegen der Lockdowns in vielen Ländern waren die Verkäufe im Bereich Food Service während Wochen stark gesunken. Weil viele Leute weniger unterwegs sind und im Homeoffice bleiben, leidet Bell im Bereich Convenience mit seinen Take-away-Sortimenten ebenfalls unter rückläufigen Umsätzen. Dies hatte auch im zweiten Halbjahr negative Spuren in den Zahlen der Gruppe hinterlassen. Einen positiven Einfluss im Heimmarkt Schweiz hatte dagegen der geringere Einkaufstourismus, der wegen Corona zweitweise ganz gestoppt wurde und später weniger ausgeprägt war als in anderen Jahren. Zeitweise profitierte Bell laut eigenen Angaben im Kerngeschäft mit Fleisch und Fleischwaren sogar von Hamsterkäufen und verzeichnete im Absatzmarkt Retail eine deutliche Steigerung, die den Rückgang im Food Service kompensieren konnte.

Auf der Suche nach Wachstum setzt Bell vermehrt auf fleischlose Produkte.

Wenn hierzulande von Bell die Rede ist, wird das Unternehmen oft unterschätzt und auf den Heimmarkt reduziert. Dabei ist Bell mit über 12´000 Mitarbeitenden an 53 Standorten in 15 Ländern tätig und erreicht mit einem breitgefächerten Produktportfolio einen Umsatz von über 4 Milliarden Franken. Damit zählt das Unternehmen zu den führenden europäischen Produzenten von Fleisch und Convenience-Produkten. In der Schweiz ist Bell mit den Marken Bell, Eisberg, Hilcona und Hügli die Marktführerin in der hiesigen Fleischbranche.

Trotz der negativen Einflüsse der Pandemie hatte Bell nach dem Gewinneinbruch im Vorjahr im ersten Semester 2020 wieder deutlich schwarze Zahlen geschrieben und sich gut erholt. Ich gehe davon aus, dass der positive Trend anhält, rechne aufgrund des zweiten Lockdowns in mehreren europäischen Ländern jedoch erneut mit einem leicht negativen Einfluss auf das Geschäft des Fleischverarbeiters. Bell ist unter dem Strich nicht dramatisch von der Pandemie betroffen und dürfte im aktuellen Geschäftsjahr voraussichtlich solide Zahlen erwirtschaften. Eine ganz andere Frage ist, ob und woher die Aktien von Bell, die von der Grossaktionärin Coop dominiert wird, Wachstumsimpulse erhalten.

Hier bin ich weniger optimistisch. Grosse Wachstumschancen sehe ich für Bell im europäischen Fleisch- und Convenience-Sektor nicht. Auf der Suche nach Wachstum setzt Bell vermehrt auf fleischlose Produkte und hat sich mit weiteren 5 Millionen Euro an der nächsten Finanzierungsrunde der niederländischen Mosa Meat beteiligt, bei der sie bereits vor zwei Jahren 2 Millionen Euro eingeschossen hatte. Mosa Meat ist eine Herstellerin von industriell kultiviertem Kunstfleisch. Ob sich diese Beteiligung auszahlen und sich in diesem Bereich tatsächlich Wachstum generieren lässt, muss sich erst noch zeigen. Die Aktien von Bell stufe ich auf dem aktuellen Niveau als moderat bewertet ein. Eine baldige Erholung auf frühere Höchstwerte von über 450 Franken, halte ich für unrealistisch. Positiv ist immerhin die ansprechende Dividendenrendite von über zwei Prozent, die kaum gross gekürzt werden dürfte.