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SRF-Experte Marc Surer«Vettels Zug ist abgefahren»

Der Schweizer Ex-Pilot schätzt die Situation von Alt-Weltmeister Vettel bei Ferrari ein. Und er beantwortet drängende Fragen wie: Ist Hamilton Fluch oder Segen für die Formel 1?

Vor dem Ende seiner Formel-1-Karriere? Sebastian Vettel hat bei Ferrari längst nicht erreicht, was von ihm erwartet wurde.
Vor dem Ende seiner Formel-1-Karriere? Sebastian Vettel hat bei Ferrari längst nicht erreicht, was von ihm erwartet wurde.
Foto: Getty Images

Ein Satzund Marc Surer ist 60 Jahre jünger. «Als ich nach drei Monaten endlich wieder in einen Gokart sitzen konnte, war das wie Weihnachten.» Pause. «Ja, wie Weihnachten.»

68 ist der einstige Formel-1-Pilot und heutige SRF-Experte im letzten September geworden. In diesem einen Moment vor ein paar Wochen war er wieder ein Kind. Rennfahrer ist der Baselbieter geblieben, im Herzen, wie so viele, die sich in der Formel 1 bewegen. Und das, glaubt Surer, sei der Grund, weshalb sie bereits am kommenden Sonntag in Österreich in ihre 71. Saison starte. Es gehe nicht nur ums Geld, um Werbung für Red Bull, das zur Hetzfahrt auf seinem Ring in Spielberg lädt, oder darum, die drohenden Ausfälle von Fernsehgeldern, Sponsorenbeiträgen und Gebühren der Veranstalter abzuwenden mit möglichst vielen Rennen in kurzer Zeit. «Das sind alles Rennfans, vom Mechaniker bis zum Teamchef. Sie wollen einfach, dass es endlich losgeht.»

Am 5. Juli also kehrt ein Stück Normalität zurück in den Rennsport, 16 Wochen nach dem geplanten Start in Melbourne. Ohne Zuschauer, mit beschränkter Teambesetzungund mit vielen drängenden Fragen. Surer beantwortet sie.

Wie gefährlich ist ein angezählter Vettel?

Es ist nicht das Ende, das sich die Ferraristi und Sebastian Vettel ausgemalt hatten, als er 2015 mit reichlich Pathos vorgestellt wurde als neuer Fahrer der Scuderia. Er, der Deutsche, in den Fussstapfen seines Idols Michael Schumacher. Auf der Jagd nach Pokalen wie der Rekordweltmeister Anfang der 2000er-Jahre. So stellten sie sich das vor.

Vettel verlässt das Team nach dieser Saison – wohl ohne WM-Titel. Es könnte das Ende seiner Formel-1-Karriere bedeuten. «Vettels Zug ist abgefahren», sagt Marc Surer. Ausser, es geschehe bei den anderen Top-Teams noch Wundersames. Die Zukunft bei Ferrari jedenfalls gehört Charles Leclerc.

Ein halbes Jahr also noch, 15, vielleicht 18 Rennen, in denen der 32-jährige, vierfache Weltmeister beweisen kann, dass die Italiener einen grossen Fehler begingen. Wie gefährlich kann das werden für das Team? «Es wird Unruhe geben», sagt Surer. «Wenn sie jetzt vom Kommandostand eingreifen wollen, wird Vettel wohl des Öfteren sagen:Was? Ich kann euch nicht hören.›» «Und wer weiss», sagt Surer noch, «vielleicht kämpft er dann plötzlich um den Titel. In einer kurzen Saison ist vieles möglich.»

Doch gerade unter Druck, die grossen Momente vor Augen, machte Vettel immer wieder Fehler. «Die einzige Frage ist, ob ihm das Auto liegt. Vettel fährt schneller in die Kurve als Leclerc, bremst in die Kurve hinein und braucht deshalb ein stabiles Heck.» Noch extremer, sagt Surer, der auf seiner Finca im spanischen Jávea an der Costa Blanca elf Pferde betreut, sei das mit der Abstimmung nur bei Rössern. «Machen sie nicht genau, was du willst, ist es ein ständiger Kampf.»

Oft schon hat sich der Cavallino Rampante vergaloppiert, das schwarze Pferd der Edelmarke.

Wie schwach ist Ferrari wirklich?

Chancenlos gegen Mercedes und Red Bull – diesen Eindruck von Ferrari konnte gewinnen, wer die Testtage in Barcelona Ende Februar verfolgte. Und nun konnten die Teams während der Corona-Pause wohl unzählige Daten analysieren, aber kaum an ihren Autos arbeiten. Deshalb: Wie schwach startet Ferrari in die Saison? «Es hat zwei Probleme», sagt Surer, «den Motor und sein neues Konzept.»

Nach der Affäre um den Wundermotor der Italiener, bei dem es um Schummelei bei der Benzineinspritzung ging, schwächelt der Antrieb. Und neu haben sie das Auto stark angestellt, sprich: Es hat nun eine stärkere Neigung nach vorne, wie es auch Red Bull seit Jahren hat. «Das ist eine gewaltige Änderung, da geht es um Schwerpunkte und um jedes Detail. Sehr leicht kann sich da ein Fehler einschleichen», sagt Surer. «Eines ist sicher: Der Ferrari ist langsamer auf den Geraden, vor allem wegen des grösseren Luftwiderstands.»

Dafür soll er schneller durch die Kurven hetzen – «vielleicht funktioniert er ja gerade auf dem Red-Bull-Ring hervorragend. Aber: Weil es keine Tests gab, keine Rennen, keine zusätzlichen Informationen nach Barcelona, wird es sehr schwer für Ferrari.»

Ist Hamilton Fluch oder Segen für die Formel 1?

Den siebten Titel vor Augen: Lewis Hamilton, mittlerweile 35-jährig.
Den siebten Titel vor Augen: Lewis Hamilton, mittlerweile 35-jährig.
Foto: Getty Images

Die Dominanz ist erdrückend. Seit 2014 ist Mercedes nicht zu schlagen. Drei von vier Rennen gewann ein Fahrer des deutschen Rennstalls, 89 von 121 Grands Prix.

Und ein Pilot ragt über alle hinaus: Lewis Hamilton. In dieser Saison greift der 35-Jährige nach einer magischen Marke: dem siebten Titel, womit er zu Schumacher aufschliessen würde. «Er hätte es absolut verdient, diesen Rekord einzustellen», sagt Surer. «Er gewinnt Rennen, die er gar nicht gewinnen sollte. Und wenn er merkt, dass es nicht geht, wird er halt Zweiter. Er ist so unfassbar cool, er ist einfach der Beste, da braucht keiner zu diskutieren.»

Den Unterschied mache er im Kopf. «Er kann am Funk diskutieren, schimpfen und jammern, dass man meint, er habe die Konzentration verloren. Dann fährt er eine schnellste Runde nach der anderen.» Die Frage sei nur, ob er den Fokus auch immer behalten könne. Denn den Popstar der Formel 1 treibt so einiges um neben dem Rennsport. Der Klimawandelso paradox das ist als Mann dieser Berufsgattungbeschäftigt ihn. Für die Black-Lives-Matter-Bewegung setzt er sich wortgewaltig ein und teilt gegen die Formel 1 aus oder deren ehemaligen Chef Bernie Ecclestone, der sich in einem Interview mit CNN in die Aussage verrannte: «In vielen Fällen sind schwarze Menschen rassistischer als weisse.»

Und Hamilton wird gehört. «Es gab noch nie einen wie ihn», sagt Surer. «Er ist dermassen populär auch in Kreisen ausserhalb der Formel 1. Hamilton kennt man, in Hollywood, überall.» Kurz: «Er ist ein Segen für die Formel 1.»

Dauert die Dominanz von Mercedes an?

 «Hat ein Team Vorsprung, ist es wahnsinnig schwer, es einzuholen»: Besucher schauen sich den Mercedes-AMG F1 W09 EQ Power+ an, mit dem Nico Rosberg 2018 Formel 1 Weltmeister geworden ist.
«Hat ein Team Vorsprung, ist es wahnsinnig schwer, es einzuholen»: Besucher schauen sich den Mercedes-AMG F1 W09 EQ Power+ an, mit dem Nico Rosberg 2018 Formel 1 Weltmeister geworden ist.
KEYSTONE

In der Formel 1 heisst es, die Verfolger würden davon profitieren, wenn ein Reglement lange bestehen bleibt, weil sie in der Entwicklung aufholen könnten. Surer sieht es anders: «Hat ein Team Vorsprung, ist es wahnsinnig schwer, es einzuholen. Es hat eine gute Basis gelegt und Kapazitäten frei, um Neues auszuprobieren.» Und als Beispiel: «Im letzten Jahr hat Mercedes in jedem zweiten, dritten Rennen einen neuen Frontflügel gebracht. Es brauchte nicht wie die anderen mit Ach und Krach etwas zu versuchen, um einen Schritt näherzukommen, sondern konnte in Ruhe sagen: Wir schauen einmal, wie dieses Teil funktioniert.›»

Zumindest Red Bull aber scheint Mercedes nun gefährlich nahe gerückt. «Jede Phase hat ein Ende», sagt Surer. Die Frage ist nur: Wann? In dieser Saison? 2021? Doch auch dann wird mehr oder weniger mit dem gleichen Auto gefahren wie nun. Vor der Corona-Krise war noch ein grosser Reglementsumbruch angedacht für 2021, der nun um ein Jahr nach hinten verschoben wurde.

Wie sehr verändert der Budgetdeckel die Formel 1?

Ein grosser Einschnitt – gerade für Mercedes – kommt aber im nächsten Jahr: der Budgetdeckel. 145 Millionen Dollar pro Jahr. Klingt nach viel, ist ein Klacks für die grossen Teams der Königsklasse.

Bis zu einer halben Milliarde haben sie bislang ausgegeben für ihre zwei Autos. Ab 2021 können sie das nicht mehr, ausgenommen vom Betrag sind allerdings unter anderem die Fahrergehälter. Dennoch könnte es zur Revolution kommen und das Feld eng zusammenrücken. Surer glaubt daran. «Allerdings wird es eine Weile dauern, weil die hellsten Köpfe nach wie vor bei den grossen Firmen arbeiten.»

Diese haben zudem die Möglichkeit, Gelder an den Kontrollen vorbeizuschleusen, etwa indem sie Teile an Rennwagen in anderen Serien ausprobieren, ehe sie sie in der Formel 1 einsetzen. «Es wird Schlupflöcher geben, aber das ist auch in Ordnung. Lasst die Hersteller doch einen kleinen Vorteil haben. Es reicht schon, wenn das Feld ausgeglichener und die Rennen unberechenbarer werden.»

Wird Verstappen noch der jüngste Weltmeister?

Max Verstappen stand sich mit rüpelhaften Aktionen manchmal selber im Weg: Der Niederländer auf der Teststrecke in Barcelona.
Max Verstappen stand sich mit rüpelhaften Aktionen manchmal selber im Weg: Der Niederländer auf der Teststrecke in Barcelona.
KEYSTONE

Eine Saison bleibt Max Verstappen noch, dann ist die Chance vorbei, sich einen Eintrag in den Formel-1-Geschichtsbüchern als jüngster Weltmeister zu sichern. Diesen Platz hält Sebastian Vettel, der 2010 mit 23 Jahren und 134 Tagen das erste von vier Mal triumphierte.

Dass der Niederländer, der Ende September 23 wird, die Fähigkeiten hat zu ganz Grossem und in diesem Jahr mit dem Red Bull vielleicht auch das Auto dazu, stellt keiner infrage. Zu oft allerdings stand sich Verstappen mit seinen emotionalen, manchmal rüpelhaften Aktionen auf und neben der Strecke selbst im Weg. Daher sagt Surer: «Ich traue es ihm absolut zu. Wenn er nicht wieder die Nerven verliert.»

Wie fährt es sich ohne Zuschauer?

Verstappen ist der Fan-Magnet. Massen in Orange, Zehntausende feierwütige Niederländer säumen Wochenende für Wochenende die Tribünen der Formel 1. Gerade in Spielberg. Normalerweise.

Nun blicken die Fahrer auf leere Sitze. Was macht das mit ihnen? «Vor allem bei den Trainings wird es fad für die Piloten, auch in den Momenten vor dem Start. Aber: Wenn es losgeht, kämpft jeder gegen die Gegner, vergisst die Zuschauer», sagt Surer. Die Ambiance werde zwar fehlen, «aber Rennsport ist ein Fernsehsport», oft sitzen über 100 Millionen Menschen vor den Bildschirmen, wenn die Boliden um die Strecken rasen. So wie nächsten Sonntag wieder.