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Lausanne-Trainer Contini muss liefern«Vergeigen wir es, habe ich hier nichts mehr zu suchen»

Der Aufstieg mit Lausanne ist für den 46-Jährigen Pflicht. Die reichen Clubbesitzer verfolgen ehrgeizige Pläne – und denken dabei an das Konstrukt von Red Bull.

Steht unter Druck: Lausanne-Coach Giorgio Contini.
Steht unter Druck: Lausanne-Coach Giorgio Contini.
Keystone/Urs Flueeler

Der Anruf kam aus Nizza und sorgte bei Giorgio Contini für Klarheit. Als Anfang Juni Lausannes Sportchef Pablo Iglesias entlassen wurde, meldete sich Julien Fournier beim Trainer, um ihm die Massnahme zu erklären und gleichzeitig zu versichern: «Giorgio, du hast nichts zu befürchten. Du bleibst im Amt.»

Fournier sitzt zwar an der Côte d’Azur, bestimmt aber sehr wohl mit, wenn es beim Schweizer Challenge-League-Club um bedeutende Personalfragen geht. Er ist der Sportdirektor von OGC Nice und auf dem Planeten Ineos eine Schlüsselfigur.

Zieht im Hintergrund die Fäden: Nice-Sportdirektor Julien Fournier.
Zieht im Hintergrund die Fäden: Nice-Sportdirektor Julien Fournier.
Getty

Ineos, der Chemiegigant aus England mit Hauptsitz in Rolle VD, besitzt nicht nur eine Radsportgruppe, sondern leistet sich auch zwei Fussballclubs: Das Unternehmen kaufte zuerst Lausanne, danach Nice, und es hält Ausschau nach einem Verein, der in Europa ganz grosse Strahlkraft hat und sich im Portfolio gut machen würde. Jim Ratcliffe ist der milliardenschwere Chef von Ineos, sein Bruder Bob führt Lausanne und Nice als CEO. Und Fournier soll dafür schauen, dass möglichst viele Synergien genutzt werden.

Das 13-Punkte-Polster

Giorgio Contini steckt inmitten eines Projekts, das Ineos mit aller Kraft und reichlich Geld vorantreibt. Als Vorbild dient das Konstrukt von Red Bull: Der Getränkehersteller hat sein Imperium längst auf den Sport ausgeweitet und die Fussballclubs von Salzburg sowie Leipzig gross gemacht. Was Lausanne angeht, ist der Aufstieg ein erster, aber auch zwingender Schritt. Wenn das geschafft ist, verlängert sich Continis Vertrag automatisch. Zweifel gibt es kaum welche, 11 Runden vor Schluss beträgt der Vorsprung 13 Punkte auf Vaduz und GC. Der 46-Jährige sagt selber: «Wenn wir es vergeigen, habe ich hier nichts mehr zu suchen.»

Neulich sass er an einem Meeting in Monaco mit den Mächtigen von Ineos zusammen, mit Fournier und auch Patrick Vieira, dem Trainer von Nice. Er fühlte sich wohl in der Runde, spürte aber auch, dass die Erwartungen hoch sind. Contini hat mit Geschäftsleuten zu tun, für die der Sport nicht bloss eine lustige kostspielige Freizeitbeschäftigung ist, sondern ein Wirtschaftszweig, der rentieren soll. Lausannes Trainer betont zwar, dass er autonom arbeiten dürfe und ihm niemand vorschreibe, welche Taktik er zu wählen habe. Aber wenn er Transfervorschläge unterbreitet, muss er gut argumentieren, «sonst unterschreibt Ratcliffe nicht». Ein Hinweis ist Contini noch wichtig: «Es ist auch nicht so, dass 25 Spieler mit dem Bus aus Nizza zu uns gebracht werden und es dann heisst: Die müsst ihr nun einsetzen.»

Verspätet ins neue Stadion

Normalerweise schaut Ratcliffe, der in London lebt, alle zwei Wochen in Lausanne vorbei und empfängt dann Contini schon gerne einmal in seiner Suite eines vornehmen Hotels. Und im Herbst wird er einen öffentlichen Auftritt haben, wenn das neue Stadion eröffnet wird. Im Norden von Lausanne, 1,5 Kilometer von der Pontaise entfernt, ist die Arena mit ihren 12’000 Plätzen hochgezogen worden. 70 der rund 90 Millionen Franken Kosten übernimmt die Stadt, für den Rest kommt Ineos auf. Vincent Steinmann, im Verein zuständig für das Marketing, führt durch das Stadion, dessen Schlüssel Mitte Mai hätten übergeben werden sollen. Corona verursachte aber eine zweieinhalbmonatige Zwangspause auf der Baustelle, und darum wird es Herbst, bis der Umzug von der Pontaise ins schmucke Stade de la Tuilière stattfinden kann.

Nellen, der Bayern-Fan

«Der erste Eindruck ist der wichtigste», sagt Stefan Nellen, «wir gehen erst ins neue Stadion, wenn alles wirklich fertig ist. Sonst bekommt der Besucher kein gutes Gefühl.»

Nellen ist der Vizepräsident des Vereins, Statthalter von Ratcliffe und Türöffner, weil er bestens vernetzt ist in der Region: «Ich kenne alle und alles in der Gegend.» Gibt es Gesprächsbedarf mit einer politischen Instanz, stellt er die Verbindung her; braucht ein Spieler eine WohnungNellen kümmert sich darum. Der gebürtige Oberwalliser liebt Fussball, ist Fan des FC Bayern, als Kind verehrte er Franz Beckenbaueraber der Sport ist gleichwohl nur ein Hobby. Geld verdient er mit seiner Firma, die sich auf die Verkleidung von Decken und Trennwände spezialisiert hat.

Jim Ratcliffes rechte Hand: Vizepräsident Stefan Nellen.
Jim Ratcliffes rechte Hand: Vizepräsident Stefan Nellen.
Keystone/Jean-Christophe Bott

Er ist in einem gelben Lamborghini vorgefahren und erzählt von seiner Rolle, als der vorherige Präsident Alain Joseph einen Käufer für Lausanne-Sport suchte. Nellen war Präsident von Team Vaud, unterstützt von Ineos. Er stellte den Kontakt zwischen den Parteien her und besetzt nun im Organigramm ein nicht unbedeutendes Feldchen. Er steht Ratcliffe nahe, aber manchmal wird auch er von ihm überraschtetwa dann, wenn Sportchef Iglesias ab- und drei Wochen später der 42-jährige Ivorer Souleymane Cissé eingesetzt wird, ein ehemaliger Profi und zuletzt bei Bordeaux tätig.

In solchen Momenten gibt sich Nellen aber betont gelassen: «Was soll ich sonst tun? Vielleicht heisst es auf einmal: Sorry, Stefan, das wars auch für dich.» Und: «Ich habe nicht von allen Plänen Kenntnis, ich weiss aber eines: Jeder Franken, den Ineos investiert, muss Sinn machen.»