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Trotz Corona-KriseUS-Wirtschaft wächst um 33 Prozent – doch der Rekord trügt

Kurz vor der Wahl ist die Zahl für Trump ein riesiges Geschenk. Doch sie täuscht aus mehreren Gründen über die Gefahren hinweg.

Trotz guter Wirtschaftszahlen: Corona hat die USA weiter im Griff. Das dürfte die Konjunktur weiter belasten.
Trotz guter Wirtschaftszahlen: Corona hat die USA weiter im Griff. Das dürfte die Konjunktur weiter belasten.
Foto: Spencer Platt (AFP)

Es ist eine Nachricht, die wohl auch andere, weniger selbstverliebte Menschen ins Schwärmen bringen würde – für Donald Trump jedoch ist sie fünf Tage vor der Präsidentschaftswahl das bestmögliche Geschenk und ein in Zahlen gegossener Beweis seiner Einzigartigkeit: Die US-Wirtschaft ist nach dem coronabedingten Einbruch im Frühjahr historisch gewachsen. Über die Sommermonate Juli bis September legte das Wirtschaftswachstum – auf das Gesamtjahr hochgerechnet – um sagenhafte 33,1 Prozent zu, wie die Regierung in Washington am Donnerstag bekannt gab. Es ist der mit weitem Abstand beste Vierteljahreswert, den das Land seit Einführung des jetzigen Messsystems im Jahr 1947 je verbucht hat. Der bisherige Rekord lag bei 16,7 Prozent, erzielt im ersten Quartal 1950.

Die enorme Wachstumsrate zeigt zunächst einmal, wie schnell und kräftig sich die US-Wirtschaft von dem weitgehenden Lockdown im März und April erholt hat. Viele Bundesstaaten, darunter grosse wie Kalifornien und New York, hatten Firmen, Schulen, Gaststätten, Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe im Frühjahr geschlossen, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Die meisten Gouverneure hoben die Beschränkungen jedoch bald wieder auf und ermöglichten so den Wiederaufschwung.

Doch es gibt ein Problem: Die Rekordzuwachsrate ist zwar mathematisch korrekt ermittelt, zeichnet aber ein verzerrtes, um nicht zu sagen falsches Bild der aktuellen Wirtschaftslage – und das aus gleich mehreren Gründen. Der eine hat mit Statistik zu tun. Die Amerikaner haben die Eigenheit, Dreimonatsergebnisse auf zwölf Monate hochzurechnen. Anders gesagt: Die Wirtschaft ist im Zeitraum Juli bis September keineswegs um 33 Prozent gewachsen, vielmehr ist es so, dass das Plus im Gesamtjahr theoretisch bei 33 läge, wenn sich die Quartalsentwicklung nahtlos so fortsetzte. In wirtschaftlich normalen Zeiten kann eine solche sogenannte Annualisierung sinnvoll sein, weil sie frühzeitige Prognosen für einen längeren Zeitraum ermöglicht. In Ausnahmesituationen jedoch wird die Lage geradezu grotesk überzeichnet: Das zeigte sich schon im zweiten Quartal, als die Wirtschaftsleistung auf das Gesamtjahr hochgerechnet ebenso spektakulär einbrach wie sie jetzt wuchs: um 31,4 Prozent.

Entscheidender als diese statistischen Faktoren sind allerdings zwei andere Probleme, auf die David Wilcox, Konjunkturforscher am renommierten Peterson-Institut für Internationale Wirtschaft (PIIE) in Washington, verweist. So verschleiert der Jubel über das jetzige Rekordergebnis den Umstand, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) trotz des Zuwachses immer noch niedriger liegt als im Herbst 2019. «Um den Wert von damals wieder zu erreichen, hätte das Plus im dritten Quartal bei mehr als 53 Prozent liegen müssen», sagt Wilcox. Dabei sei noch nicht einmal berücksichtigt, dass die Wirtschaftsleistung ohne die Corona-Epidemie ja nicht auf dem Niveau vom vergangenen Herbst verharrt, sondern mutmasslich weiter gestiegen wäre. Um an den Trend der Jahre 2018 und 2019 anzuknüpfen, hätte das BIP demnach im dritten Quartal 2020 statt um 33 sogar um fast 64 Prozent zulegen müssen.

<b>«Viele Privathaushalte sind am Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten»</b>

Noch bedenklicher ist Wilcox zufolge, dass sich das Wachstum innerhalb des dritten Quartals dramatisch abgeflacht hat und zuletzt praktisch wieder zum Stillstand gekommen ist. Das zeigt sich, wenn man statt der Vierteljahreszahl die einzelnen Monatswerte betrachtet. Demnach lag das – nicht annualisierte – Wachstum im Mai und Juni nach den dramatischen Einbrüchen im März und April bereits wieder bei 4,6 beziehungsweise 6,0 Prozent, bevor es sich im Juli, August und September drastisch abschwächte, auf zuletzt nur noch etwa 0,1 Prozent. «Bereits im September gab es kaum noch einen oder sogar gar keinen Zuwachs mehr», so Wilcox. Im laufenden Oktober, für den es noch keine verlässlichen Daten gibt, habe sich die Stagnation mutmasslich fortgesetzt.

Betrachtet man zudem die immens hohen Infektionszahlen, dann droht den USA nach dem jetzigen Rekordwachstum im Herbst und Winter eine unheilvolle Melange aus überlasteten Krankenhäusern, neuen Beschränkungen und einem zweiten wirtschaftlichen Einbruch. «Viele Privathaushalte sind am Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten, sie stehen an der Klippe», sagt Wilcox. Wenn der Kongress den Schaden begrenzen wolle, müsse er endlich ein weiteres Hilfsprogramm für Bürger und Betriebe auf die Beine stellen. Das gelte umso mehr, als die US-Notenbank, die im Kampf gegen die Krise bisher hervorragende Arbeit geleistet habe, mit ihren Möglichkeiten weitgehend am Ende sei.

Sollte es im vierten Quartal tatsächlich zu einem erneuten Absturz kommen, kann man sich die Reaktionen bereits vorstellen. Gewinnt Trump die Präsidentschaftswahl, dürfte er die Zahlen in bewährter Manier ignorieren – so wie er schlechte Nachrichten stets totschweigt. Verliert er dagegen, wird er sie dem künftigen Präsidenten Joe Biden in die Schuhe schieben – frei nach dem Motto: Seht her, kaum bin ich abgewählt, bricht die Wirtschaft ein.

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