Die Wut des Volkes staut sich unterirdisch

Die Trump-Revolution ist ein Signal für Europa.

«Bei dieser Wahl stand das B-Amerika auf gegen das A-Amerika der Ostküste.» Trumpwähler in Lisbon, Maine.

«Bei dieser Wahl stand das B-Amerika auf gegen das A-Amerika der Ostküste.» Trumpwähler in Lisbon, Maine.

Wie unglaublich verwirrt die westeuropäischen Regierungen auf die Wahl von Donald J. Trump zum 45. US-Präsidenten reagiert haben, ist ein Zeichen dafür, dass Europa noch nicht begriffen hat, was die Uhr geschlagen hat. In den USA hat eine Revolution stattgefunden, ausgelöst von einem instinktsicheren, willensstarken Selfmade-Milliardär, der zuerst die alte republikanische Elite vernichtete und dann auch mit Hillary Clinton die demokratische Wahlkampfmaschine in den Abgrund der Niederlage fahren liess.

B-Amerika gegen A-Amerika

Diese Revolution ist getragen von den wütenden weissen Männern und Frauen, die seit über dreissig Jahren ihren eigenen wirtschaftlichen Niedergang erleben mussten, deren Söhne in Afghanistan und im Irak getötet oder schwer verwundet wurden und die zuletzt von Hillary Clinton öffentlich abklassiert wurden als verzweifelte Unterklasse der amerikanischen Gesellschaft.

Die US-Oberklasse mit ihren Medien, Professoren, Meinungsmachern und «spin doctors» glaubte, mit Hillary Clinton, den knappen Sieg davonzutragen. Als Hillary ihre letzte Brigade, die Pop-Sänger, Tänzer und Schauspieler aus New York City und Los Angeles antanzen liess, um ihre Wahl zur Präsidentin zu retten, musste jedem ernsthaften Beobachter klar werden: Die «letzte Brigade» tritt jetzt zum Kampf um die letzten ­Stimmen an.

Hillarys Wahlkampfteam verstand nicht, dass «country songs» angesagt waren, nicht Pop-Litaneien.

Versagt haben PR-Berater und Wahlkampfmanager, die sich mit grösstem Sachverstand dem «number crunching» widmeten. Bei dieser Wahl ging es nicht um die alten Rituale, denn das Volk der B-Amerikaner stand auf gegen das A-Amerika der Ostküste. Dieses, in selbst geschaffener Verblendung verharrend, glaubte seinen eigenen Lügen über den Zustand des Landes und sah nicht die enttäuschten Massen hinter Donald Trump.

Es waren nicht nur die bösen weis­sen Männer, sondern auch viele Frauen und sehr viele Lateinamerikaner.

Weil derlei selten in der Geschichte geschieht und die Erfolgsaussichten der neuen US-Regierung bei Weitem nicht klar sind, lohnt sich ein Blick auf die grössere Situation, der sich die USA und Europa gegenübersehen.

Aufstand des Mittelstands

Trump ist das Synonym für den Aufstand der armen weissen Mittelstandsfamilien gegen die Finanzelite der Ostküste. Auch er kann den USA in vier Jahren nicht zu «blühenden Wiesen» verhelfen, wie dies der deutsche Kanzler Helmut Kohl den Einwohnern der alten DDR versprach.

Im Gegenteil: Vor der Tür der USA steht das seit 35 Jahren ungestoppt aufstrebende China, das in 25 Jahren die Weltmacht Nummer eins sein will. Das sagt immerhin Philipp Hildebrand, vormals Präsident der Schweizerischen Nationalbank und heute Vice-Chairman von Black Rock, dem weltgrössten Vermögensverwalter. Das sagt auch Urs Schoettli, ein liberaler Schweizer Spitzenjournalist, der seit vierzig Jahren in Asien lebt. 2048 wird die Volksrepublik China das 100-Jahre-Jubiläum feiern; der Yuan wird dann den US-Dollar wohl abgelöst haben. Das bedeutet den Sieg des Kommunismus im wirtschaftlich dann stärksten Land der Erde. Wer hätte das gedacht?

Auch in Europa fallen die Würfel bereits neu. Wladimir Putin hat Donald J. Trump sofort gratuliert. Bestätigt sehen sich auch Viktor Orban, der Regierungschef Ungarns, und Recep Tayyip Erdogan, der die Türkei durch die Weltwirren führen will. Während alle Staaten Osteuropas mehr oder weniger in die gleiche Richtung fahren, sieht sich nun Westeuropa vor ganz neuen Herausforderungen.

Wie es ein B-Amerika und ein A-Amerika jenseits des Atlantiks gibt, beschreibe ich seit 2008 die sich entwickelnde A-Schweiz der Banken, Konzerne und internationalen Institutionen, die von den bürgerlichen Parteien und vom Bundesrat sehr weitgehend unterstützt wird. Dagegen steht die B-Schweiz der KMU und Gewerbe­betriebe, die künftig mehr noch als heute die Last des Staates tragen müssen.

Bestes Beispiel: Der Flughafen Zürich-Kloten soll in den kommenden zehn Jahren ausgebaut werden gegen den Willen von 300 000 Menschen, die rund um Kloten wohnen und viel Flug­lärm auf Kosten von Gesundheit und Umwelt erdulden müssen. Diese B-Schweizer sind im Begriff, sich gegen die Eliten der ebenso überheblichen A-Schweiz zu wehren.

Noch wesentlich gefährlicher wird die Lage aber in Westeuropa, wo die Europäische Union praktisch führungslos an ihrer eigenen Ohnmacht zugrunde zu gehen droht. Gleichzeitig stehen Marine Le Pen und viele andere rechtsradikale Politiker vor dem Sprung in die nationale Verantwortung. Auch Europa, auch das sogenannt «reiche Deutschland», haben eine stagnierende Mittel- und Unterklasse, die nicht ewig die Faust im Sack machen wird.

Wenn Dämme brechen

Wer dies falschen Alarmismus nennt, macht den gleichen Fehler, wie es die US-Demokraten mit Hillary Clinton getan haben. Die Wut des Volkes staut sich gleichsam unterirdisch; sie wird von Meinungsforschern nicht erfasst. Brechen die Dämme, fliegt der «Schwarze Schwan» der Wirklichkeit über die Landschaft, ist das Ende der alten Zeit und der alten Eliten rasch gekommen. Es ist grossartig, dass wir dies erleben dürfen; es ist grauenhaft, welche Folgen dies haben wird.

Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...