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Die Jungen im Grossen Rat«Unsere Politik darf wehtun»

Noch nie war der Basler Grosse Rat so jung wie in der kommenden Legislatur. Wer sind die Volksvertreter unter 30 Jahren? Wie radikal sind sie? Die BaZ hat nachgefragt.

Jessica Brandenburger, 28 Jahre, SP

Jessica Brandenburger ist seit rund einem Jahr Grossrätin. Sie hofft auf Veränderungen durch die jungen Parlamentsmitglieder.
Jessica Brandenburger ist seit rund einem Jahr Grossrätin. Sie hofft auf Veränderungen durch die jungen Parlamentsmitglieder.
ZVG

«Ich hoffe, dass es mit so vielen Jungen jetzt in Gesellschaftsfragen, etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, rascher vorwärts geht. In unserer Generation gibt es viele gut ausgebildete Frauen, die beides wollen, Karriere und Kinder. Auch bei den jungen Männern herrscht diese Meinung immer mehr vor. Das andere grosse Thema unserer Generation ist der Klimawandel. Da hört man von Älteren häufig: Übertreibt es mal nicht, es war schon immer warm im Sommer. Die Jungen hingegen wissen, dass es ernst gilt. Es gibt im Grossen Rat mehrere ältere Herren, die einen als junge Frau nicht ernst nehmen und einem die Welt erklären wollen. Unter ihnen sind auch ein paar richtig unhöfliche Typen, die jungen Kolleginnen gar nicht zuhören oder sie sogar ausbuhen. Ich hoffe sehr, dass sich diese Kultur ändert, nun, da das Parlament jünger wird. Ich verstehe, dass es schwierig ist für die alten Politiker, Macht abzugeben. Aber wir sind ein Teil der Gesellschaft und haben das Recht, dort zu sein, wo die wichtigen Themen verhandelt werden.»

Laurin Hoppler, 19 Jahre, GB

Laurin Hoppler wurde neu gewählt. Er wird in der kommenden Legislatur der jüngste Grossrat sein.
Laurin Hoppler wurde neu gewählt. Er wird in der kommenden Legislatur der jüngste Grossrat sein.
Foto: Delia Ebi Fotografie

«Ich möchte mich nicht aufgrund meiner Jugend zurückhalten, sondern möglichst schnell mit Power an die Grossratsgeschäfte rangehen. Bei den Klimathemen und der Klimagerechtigkeit will ich wirklich vorwärtsmachen. Jeder muss seine eigene Lebensform hinterfragen und auf gewisse Dinge verzichten. Und ja, das kann bedeuten, dass SUV in der Stadt eingeschränkt werden. Auch wenn ich die Autofahrer natürlich lieber dazu motivieren möchte, freiwillig das Tram zu nehmen. Aber unsere Politik darf auch wehtun – natürlich möglichst nicht den Konsumentinnen und Konsumenten, sondern den grossen Treibhausgassündern. Ich glaube, bei den Jungen ist parteiunabhängig der Konsens da, dass es die Klimaproblematik gibt. Bei Lösungen für die Probleme gehen die Meinungen dann natürlich wieder auseinander, etwa beim Punkt, wie man mit der Wirtschaft umgehen soll. Ich bin klar der Meinung, dass die grossen Player in die Verantwortung genommen werden sollten, wir aber gut hinschauen müssen, dass dadurch nicht Menschen in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden.»

«In Sachen Klima hört man von Älteren häufig: Übertreibt es mal nicht, es war schon immer warm im Sommer. Die Jungen hingegen wissen, dass es ernst gilt.»

Laurin Hoppler, GB

Annina von Falkenstein, 24 Jahre, LDP

Die neu gewählte Annina von Falkenstein ist die Tochter der LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein.
Die neu gewählte Annina von Falkenstein ist die Tochter der LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein.
ZVG

«Ich habe wenig Sorgen, dass ich als junge Frau nicht ernst genommen werden könnte. Durch Kompetenz konnte ich mir bereits im beruflichen Umfeld, der Hotellerie, stets Respekt verschaffen. Ich glaube, dass es bei uns Jungen mehr um die Sache geht und wir eher über politische Lager hinaus zusammenspannen können. Etwa beim Klima- oder Frauenstreik, die man als eher links wahrnimmt, wurde klar, dass diese Themen junge Menschen aus allen politischen Lagern bewegen. Uneinig sind wir vielleicht darüber, welche Massnahmen genau und in welchem Zeitrahmen umgesetzt werden müssen. Ich kann mir vorstellen, dass es schon länger aktiv Politisierenden aufgrunde vieler durchgestandener Links-rechts-Geschäfte manchmal schwerer fallen dürfte, das Finden von Kompromissen vor die parteilichen Zwiespälte zu stellen. Bevor ich jetzt aber Themen aufliste, die ich ins Parlament einbringen möchte, steht eine Bestandsaufnahme an. Es wäre doch ziemlich peinlich, mit Forderungen zu kommen, die bereits pendent sind.»

«Älteren Politikern, die schon lange in unterschiedlichen Lagern politisieren, dürfte es schwerer fallen, Kompromisse zu finden.»

Annina von Falkenstein, LDP

Raffaela Hanauer, 27 Jahre, GB

Raffaela Hanauer sitzt bereits seit März 2020 im Grossen Rat.
Raffaela Hanauer sitzt bereits seit März 2020 im Grossen Rat.
zVg

«Wir wollen gross anrichten. Mit Babyschritten geben wir uns, besonders in Sachen Klima, nicht mehr zufrieden. Es geht um unsere Zukunft. Wir müssen nun nach den grossen Hebeln suchen, wie wir einen politischen und gesellschaftlichen Wandel vorantreiben können. Wir Jungen gehen anders an die Sache ran, wir denken grösser und radikaler. Um damit ernst genommen zu werden im Grossen Rat, ist es immens wichtig, doppelt und dreifach gut vorbereitet zu sein. Es gibt immer Voten, die versuchen, einen als naiv hinzustellen. Ältere Mitglieder bringt es häufig aus dem Konzept, wenn sich Junge von Beginn an selbstbewusst zu Wort melden. Ich sitze aber nicht aufs Maul, dafür bin ich nicht gewählt worden. Eines meiner nächsten Themen wird das Grundeinkommen sein. Wir brauchen das jetzt als Sicherheitsnetz, nicht nur für die Corona-Krise, sondern auch wegen der Auswirkungen der Klimakrise.»

David Trachsel, 25 Jahre, Junge SVP

David Trachsel darf für die SVP in den Grossen Rat einziehen.
David Trachsel darf für die SVP in den Grossen Rat einziehen.
Foto: Dominik Plüss

«Frische Ideen sind immer gut. In diesen schwierigen Zeiten müssen aber auch jüngere Politiker einen kühlen Kopf bewahren und sich nicht zu überstürzten Entscheidungen hinreissen lassen. Ich bin genauso vom Parteiprogramm der SVP überzeugt wie ältere Semester. In der Altersvorsorge macht die ältere Generation jedoch nur ungenügende Fortschritte. Damit die junge Generation auch mal eine würdige Rente erhält, müssen die AHV und die 2. Säule grundlegend reformiert werden. Auch Vereinbarkeit und Klimakrise sind wichtige Themen. Aber Scheinlösungen wie das heiss diskutierte CO₂-Gesetz mit Benzinpreiserhöhungen und Flugticketabgaben bringen nichts und plagen nur den Mittelstand. Wir müssen auf Spitzenforschung und Innovation setzen. Mir ist ausserdem die Bildungspolitik ein wichtiges Anliegen. Basel hat schweizweit das niedrigste Schulniveau, das ist inakzeptabel, die linke Bildungsbürokratie muss aufhören. Ich bin unter anderem für die Einführung der freien Schulwahl.»

Beda Baumgartner, 29 Jahre, SP

«Es ist gut, dass mit mehr jungen Grossrätinnen und Grossräten die Bevölkerung besser im Parlament abgebildet wird. Aber ich gehe jedoch nicht davon aus, dass wir Jüngeren uns automatisch immer einig sind und gute Lösungen finden, nur weil wir alle jung sind. Ich habe mit einem alten Büezer aus der SP mehr gemeinsam als mit einem jungen SVPler, die politische Ausrichtung ist für mich wichtiger als das Alter. Bei der Klimakrise bin ich aber froh, dass in meiner Generation der Konsens darüber, dass es eine Krise gibt, wohl weiter ins bürgerliche Lager hineinreicht als bei den 60-Jährigen. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die jungen Bürgerlichen dann auch wirklich bereit sind, die nötigen Lösungen mitzutragen. Für die älteren Bürgerlichen ist es sowieso manchmal schwierig, zu akzeptieren, dass nun auch junge, linke Frauen ihren Platz im Parlament suchen, schliesslich geht es um Macht und Mitbestimmung. Ich als weisser Mann bin da privilegiert und muss mich weniger behaupten.»

«Wir müssen manchmal radikal sein, weil man es zu lange nicht war. Und das ist das Verschulden der Alten.»

Jo Vergeat, Grünes Bündnis

Jo Vergeat, 26 Jahre, GB

Jo Vergeat mischt seit Februar 2019 im Grossen Rat mit.
Jo Vergeat mischt seit Februar 2019 im Grossen Rat mit.
Foto: ZVG

«Die vielen Jungen im Grossen Rat geben dem Parlament eine Auffrischung, Diskussionen werden zielorientierter. Wir haben nicht die alten Geschichten, die bei älteren Ratsmitgliedern teilweise immer wieder zum Vorschein kommen. Wir können es beispielsweise lockerer nehmen, weil wir nicht schon seit Jahren über Parkplätze streiten. Man muss aber eine dicke Haut haben im Parlament. Da ist man es nicht gewöhnt, dass junge Frauen selbstsicher auftreten. Doch wir gehören dahin, und man wird sich an uns gewöhnen müssen. Denn wir werden nicht weniger, wir werden mehr. Mich persönlich beschäftigen die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kultur momentan stark. Dieser Fokus wird vermutlich bis im nächsten Frühling bleiben. Und natürlich müssen wir die Klimakrise angehen. Viele Ältere haben bei diesem Thema grosse Angst vor radikalen Forderungen. Aber wir müssen da manchmal radikal sein, weil man es zu lange nicht war. Und das ist das Verschulden der Alten. Jetzt müssen wir als Gesellschaft auch strengen Massnahmen akzeptieren, damit wir das Ziel erreichen.»

Mahir Kabakci, 25 Jahre, SP

Mahir Kabakci gehört zu den neu Gewählten. Er hat bereits in der Bürgergemeinde politisiert.
Mahir Kabakci gehört zu den neu Gewählten. Er hat bereits in der Bürgergemeinde politisiert.
Foto: ZVG

«Die Entscheide, die im Grossen Rat gefällt werden, werden uns Junge über eine längere Zeit beeinflussen als die Älteren. Deshalb ist es wichtig, dass wir im Parlament vertreten sind. Es gibt viele Themen, die wir anpacken müssen. Aktuell geht es sicher darum, zu verhindern, dass wegen Corona viele Menschen arbeitslos werden. Ansonsten will ich besonders beim Thema Chancengleichheit vorwärtsmachen, unter anderem müssen das Stipendienwesen und die Frühförderung ausgebaut werden. Ich glaube, es ist eine Tatsache, dass wir Jungen uns nicht mit Scheinlösungen abspeisen lassen, sondern gute Ergebnisse erreichen wollen. Ob wir damit durchkommen, ist eine andere Sache, das wird sich zeigen. Ich mache mir auf jeden Fall keine Sorgen, dass man mich nicht ernst nehmen könnte. Seit 2017 politisiere ich aktiv in der Bürgergemeinde, da gab es nie derartige Probleme.»

32 Kommentare
    A. Weissmann

    Die Bereitschaft von Kindern, anderen weh zu tun, ist für uns Erwachsene immer wieder erschreckend.

    the real A.Weissmann