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Kopf des Tages«Unsere Kostümabteilung produziert nun Schutzmasken»

Alexander Pereira, ehemaliger Zürcher Opernintendant, lebt und arbeitet in Italien. Zur Dauerkrise des Kulturbetriebs kommt die Coronakrise. Pereira sieht dabei – wie in jeder Tragödie – «auch ein Fitzerl Positives».

MeinungSusanne Kübler
Alexander Pereira im Palazzo Vecchio in Florenz.
Alexander Pereira im Palazzo Vecchio in Florenz.
Foto: zvg

Es gehe ihm gut, trotz Coronakrise, sagt Alexander Pereira am Telefon: «Ich sitze in meinem Haus und geniesse das schöne Wetter in Florenz.» Es gebe nun mal «in jeder Tragödie auch ein Fitzerl Positives».

Dass er dieses Fitzerl zuverlässig findet, ist wohl seine grösste Stärke. Sie zeigte sich auch, als die Mailänder Scala seinen Vertrag nicht verlängerte, nachdem er die Kassen mit Geldern aus Saudiarabien hatte füllen wollen. Andere wären geknickt in Pension gegangen. Aber Pereira, mittlerweile 72 Jahre alt, hat sofort einen neuen Job gefunden. Anfang Jahr hat er den Maggio Musicale Fiorentino übernommen, zu dem sowohl ein Festival als auch die reguläre Florentiner Opernsaison gehören.

Es ist ein kriselnder Betrieb. Die Schulden sind hoch, das einstige Renommee hat sich verflüchtigt. Pereira will das möglichst rasch ändern; er hat Zubin Mehta als Interims-Chefdirigenten engagiert und Riccardo Muti für einen «Don Giovanni» gewonnen. Aber nun steht der Betrieb still, vermutlich für länger. Vor September, fürchtet Pereira, werde gar nichts passieren: «Solange Menschen sterben, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie die Theater wieder aufsperren.»

Gar nichts tun geht jedoch auch nicht, «man kann die Leute nicht einfach ihrem Schicksal überlassen». Eine Zeit lang hat er deshalb versucht, wenigstens den Probenbetrieb aufrechtzuerhalten, «proben kann man ja auch mit ein paar Metern Distanz». Aber irgendwann war die Angst zu gross.

Es trifft die Musiker in der Seele, wenn sie nicht auftreten können.

Alexander Pereira

Nun versucht er auf andere Weise, die Belegschaft einzubinden: «Unsere Kostümabteilung produziert jetzt Schutzmasken.» Und die Musiker üben zu Hause schon mal für die kommende Saison. Für sie sei es besonders schwierig, sagt Pereira, «es trifft sie in der Seele, wenn sie nicht auftreten können».

Einige tun es trotzdem, sie spielen auf ihren Balkonen. Und Pereira redet sich in Fahrt: Gerade jetzt sehe man ja wieder, wie wichtig die Musik sei für die Gesellschaft. Und er kämpfe mehr denn je dafür, dass seine Musiker die Anerkennung erhielten, die ihnen zustehe: «In der Schweiz ist es etwa selbstverständlich, dass Orchestermitglieder auch unterrichten. In Italien muss ich einem Musiker, der unterrichtet, diesen Lohn von seiner Orchestergage abziehen.» Ein Unsinn, den er dringend ändern möchte.

Hungrig nach Oper

Auch für den Maggio Musicale als Institution ist er auf der Suche nach Geld. Zwar soll es einen Hilfsfonds für die existenziell gefährdeten italienischen Bühnen geben, aber noch weiss niemand, was da erwartet werden kann. Und dann ist da noch das Problem mit dem neuen Theater, das 2014 in Florenz eröffnet wurde. Das Publikum hat es nie akzeptiert, und es ist noch nicht einmal fertig: «Im Sommer 2021 müssen wir noch einmal schliessen und Monate in einem anderen Saal überbrücken, um die ganze Untermaschinerie zu bauen.»

An diesem Punkt schlägt dann aber doch wieder Pereiras Optimismus durch. Es klinge ja grauenhaft, sagt er, aber vielleicht führe die aktuelle Krise dazu, dass dieser schwierige Neustart gelingen könne: «Die Leute werden hungrig sein nach Opern.» In der Zwischenzeit serviert man ihnen alte Maggio-Musicale-Produktionen per Streaming. Und wenn das Archiv durchgespielt ist? «Dann fangen wir einfach wieder von vorne an.»