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FreistilUnser Thema heute: Helden-Gedenktag

Im Corona-Zeitalter ist die Vergabe von Ehrentiteln inflationär gewachsen.

Klatschen fürs Pflegepersonal. Applaus für die «Heldinnen und Helden» in Zürich, Ende März 2020.
Klatschen fürs Pflegepersonal. Applaus für die «Heldinnen und Helden» in Zürich, Ende März 2020.
Foto: Urs Jaudas

In der Corona-Krise kann einem ganz schön schwummrig werden. Überall «Helden des Alltags», wohin das Auge blickt. Helden-Reproduktionsfaktor 100. Nur man selber ist ein Normalo geblieben, ein Null-Typ, eine kleine Nummer. Das enorme Helden-Aufkommen in jüngster Zeit kann dem eigenen Selbstbewusstsein den Rest geben – was ohnehin nicht schwierig ist. Denn es ist eine arge narzisstische Kränkung, dass ein blödes Virus imstande ist, das Leben der Menschheit lahmzulegen. Gestern war ich irgendwie Krone der Schöpfung, heute ist Corona an der Macht.

In meiner Umgebung wimmelt es neuerdings nur so von Helden. Es sind dies die sogenannten Helden des Alltags. Die Regalauffüllerin im Supermarkt – eine Heldin des Regalauffüllens. Die Kassiererin – eine Heroine des Kassierens. Der Mann vom Paketdienst auf seiner Irrfahrt durch die Stadt – ein Odysseus des Paketzustellens. Der Müllmann – ein Herkules der Abfalltonnen. Die Pflegerin im Altenheim – eine Superheldin sowieso. Früher waren sie bestenfalls «dienstbare Geister». In der DDR waren sie «Helden der Arbeit». Davon konnten sie sich nichts kaufen, aber immerhin.

Sie alle tun ihren Job, das böse Virus nicht scheuend. Das ist natürlich anerkennenswert. Aber Hand aufs Herz: Was sollten sie auch anderes tun? Soll der Müllmann seine Tonne fallen lassen und die Kündigung riskieren? Soll die Pflegefachkraft nach Hause gehen und auf ihren Lohn verzichten? Soll die Kassiererin mit der Kasse durchbrennen, sich mit Arbeitslosengeld begnügen? Sind sie nicht alle Helden wider Willen – also entweder keine oder Helden wie wir alle?

In solchen Dienstleistungsberufen tätig zu sein, ist kein Zuckerschlecken. Aber diese Arbeit versüsst zu bekommen, indem man zum «Helden des Alltags» ernannt wird, kann so widerlich sein wie eine Schaumtorten-Orgie. Kürzlich sah ich im Fernsehen einen Krankenpfleger. Er eilte durchs Spital und motzte: «Das Geschwätz vom Held des Alltags kotzt einen an.» Recht hat er, der Mann.

Seitdem sich ein Ego-Shooter im Weissen Haus zum Superhelden aufspielt, ist ein Spruch von Bertolt Brecht besonders aktuell. Der Satz lautet: «Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.» Die Schweiz war insoweit immer ein glückliches Land, als sie nur wenige Helden nötig hatte. Leute wie du und ich und Wilhelm Tell oder Carla Del Ponte tatens auch. Im postheroischen Zeitalter nach 1945 genügten Zivilcourage, Widerstandsgeist und Verantwortungsgefühl. Superhelden waren etwas für Comicliebhaber oder IS-Fans. Im Zeichen von Corona jetzt ist die Gesellschaft vor lauter Helden kaum noch zu retten. Dann lieber ein Normalo sein.