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Wiederentdeckte Literatur«Ungelesen verbrennen oder wegwerfen!»

Die legendäre Verlegerin Helen Wolff hatte vor ihrem Tod verfügt, all ihre Manukripte zu vernichten. 26 Jahre später erscheint jetzt trotzdem ihr erster Roman: «Hintergrund für die Liebe». Eine Sommerliebe vor düsterem Hintergrund.

Sie stand in fast mütterlicher Beziehung zu ihren Autoren: Die Verlegerin Helen Wolff.
Sie stand in fast mütterlicher Beziehung zu ihren Autoren: Die Verlegerin Helen Wolff.
privat / Weidle Verlag

Wie traumhaft das ist, wie verwegen: Eine junge Frau brennt mit ihrem älteren Liebhaber im schicken Automobil durch, fort aus dem sich verdüsternden Deutschland nach Süden, in die Provence. Die Häuser rosa und ocker, Pappeln und Zypressen, die sich gegen den Mistral lehnen. Dann aber gleich schon die erste kleine Missstimmung: Sie will die nächsten Wochen auf dem Land verbringen. Er mag es mondän, will Freunde treffen, im Casino sein Glück herausfordern und auch alten Gespielinnen näher sein.

Lange lässt die junge Frau sich die Aussicht auf eine erotisch verworrene Sommerfrische nicht gefallen. Sie reisst aus und erfüllt sich den Traum von der Sommeridylle eben allein. Sie mietet sich genau so ein Häuschen, wie sie es sich als Liebesnest vorgestellt hatte. «Es kostet sechzehn Mark. Es hat einen Ziehbrunnen, ein Bett, eine Kommode, eine Katze, eine Wiese, einen Zitronenbaum, einen Quittenbaum, eine Platane, viele Hundert Weinstöcke, und dazwischen wachsen Artischocken und Erbsen. Ich möchte Dir um den Hals fallen, Dir erzählen und zeigen, ich bin gar nicht so dumm und ungeschickt, wie Du meinst, ich habe auch Glück, ein anderes Glück als Du, kein Spieltischglück, aber ein Traumglück ...»

Was nun beginnt in dieser provenzalischen Abgeschiedenheit ist die Geschichte einer Emanzipation. Es gibt sogar so etwas wie ein Happy End, aber doch ein nur recht vages - denn wir Leser sind schon ein bisschen klüger, als es die Ich-Erzählerin sein kann. Als der Sommer zu Ende ist und man zurückkehrt nach Deutschland, liegt dort die Republik in den letzten Zügen und die «Hitler-Scheisse», wie es Georges-Arthur Goldschmidt einmal schön auf den Punkt gebracht hat, geht so richtig los.

Enge Vertraute von Günter Grass und Max Frisch

Helen Wolff hat die Sommerromanze, die von weiblicher Selbstermächtigung handelt und dem piefigen Deutschland ein hedonistisches, freigeistiges Frankreich gegenüberstellt, Anfang der 1930er-Jahre geschrieben. Hinter dem Erzählerin-Ich verbirgt sich kaum kaschiert Helen Wolff selbst, die damals noch Helene Mosel hiess. In ihrem Geliebten spiegelt sich der berühmte Verleger Kurt Wolff, der Entdecker Franz Kafkas und Georg Trakls.

Was die seinerzeit unveröffentlichte Erzählung offen lässt, schreibt die Realität weiter: Helene Mosel wird schliesslich trotz aller Irrungen und Wirrungen zu Kurt Wolffs zweiter Frau. Die beiden heiraten 1933 im Exil. 1942 gründen die beiden nach einer längeren Odyssee in New York den Verlag Pantheon Books. Spätestens nach dem Tod ihres Mannes 1963 galt sie selbst als berühmte Verlegerin von Autoren wie Georges Simenon, Boris Pasternak oder Umberto Eco; sie war die Grande Dame der New Yorker Literaturszene, eine enge Vertraute von Günter Grass, Max Frisch und Uwe Johnson.

Die Sorge um die Autoren ging immer vor

Die Spuren ihrer eigenen literarischen Versuche hatte sie sorgsam verwischt, wenn auch nicht zerstört. Wolffs Testament trug den Nachlassverwaltern auf, wie nach ihrem Tod – sie starb 1994 – mit den frühen Manuskripten zu verfahren sei – à la Kafka nämlich: «At my death, burn or throw away unread!» Ungelesen verbrennen oder wegwerfen – richtig ernst nehmen kann man so etwas bekanntlich nicht. Gut für uns jedenfalls, dass Texte wie die Erzählung «Hintergrund für Liebe» erhalten sind.

Marion Detjen, Grossnichte von Helen Wolff, führt in ihrem Nachwort das turbulente Privatleben des Paares vor Augen, die literarischen Netzwerke und die leidigen Zeitumstände, die immer wieder dafür sorgten, dass schon fertige Manuskripte oder Theaterstücke Helen Wolffs nicht an die Öffentlichkeit gelangen konnten.

Marion Detjen spekuliert darüber, warum Wolff später das Schreiben vollkommen aufgegeben hat und auch ihre frühen Texte zu Lebzeiten nicht veröffentlichen wollte. «Es gehörte zum Credo Helen und Kurt Wolffs, dass die Hingabe an die Autoren und deren Bücher, die der Verlegerberuf verlangt, eine eigene schöpferische Tätigkeit verbiete.» Vielleicht habe sie auch die Eifersucht und den Narzissmus der Autoren gefürchtet, mit denen sie in quasi mütterlichen Beziehungen stand. Der Herausgeberin Marion Detjen sei Dank, dass die Verlegerin Helen Wolff in Zukunft auch als Schriftstellerin wahrgenommen werden darf.

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Roman. Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen. Weidle, Bonn 2020. 216 S., ca. 27 Fr.