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Alle so gemein – ausser mirÜberall Fieslinge!

Menschen neigen dazu, anderen leichtfertig moralisch verwerfliche Motive zu unterstellen – und sich selbst einen Heiligenschein aufzusetzen. Mehr Milde wäre angebracht, sagt die Forschung.

Er war DER Fiesling schlechthin: J.R. Ewing (Larry Hagman) aus der Achtziger-Kult-Serie «Dallas».
Er war DER Fiesling schlechthin: J.R. Ewing (Larry Hagman) aus der Achtziger-Kult-Serie «Dallas».
Foto: Alamy 

Im verbalen Waffenarsenal von Eltern, Partnern und anderen Plagegeistern befindet sich ein Satz, in dem die Ohrfeige stets mitgedacht ist. «Was hast du dir nur dabei gedacht?», lautet dieser als Frage getarnte Vorwurf. Aus Sicht der Anklage ist ja stets klar: Es waren niederträchtige Motive, welche die Beschuldigten getrieben haben. Und jetzt ist die Katastrophe halt perfekt – Gegenstände sind zerdeppert, Vertrauen zerstört, Gefühle verletzt oder kollektiver Zorn entfacht.

Die auf diese Weise Getadelten stecken in der Defensive, was sollen sie auf diese Frage auch entgegnen? Die ehrliche Antwort würde lauten: «Nichts habe ich mir dabei gedacht, ich dachte, das passt schon.» Das wäre allerdings keine gute Erklärung. Denn, so legt eine aktuelle Studie nahe, es braucht schon sehr, sehr gute Argumente, um in so einem Fall einen Freispruch vom Vorwurf der Niedertracht zu erlangen.

Den Heiligenschein reserviert man für sich selbst

Zu den vielen Denkmustern der Menschen zählt nämlich die Tendenz, anderen leichtfertig moralisch verwerfliche Motive zu unterstellen, für sich selbst aber stets die besten Absichten zu reklamieren. Das berichten Joel Walmsley vom University College Cork und Cathal O'Madagain von der Pariser École Normale Supérieure im Fachblatt «Psychological Science».

In mehreren Versuchen mussten die Probanden Handlungen anderer sowie sich selbst bewerten und sagen, welche Handlungen aus welchen Motiven folgen könnten. Der Heiligenschein blieb in der Regel für die Befragten reserviert, sie würden gewiss ethisch handeln. Die anderen sahen die Probanden hingegen auf dem Pfad der Finsternis, aus schierem Eigennutz würden diese alle Moral über Bord werfen und Schlechtes tun.

Anderen Menschen wird das schlechtmöglichste Motiv als Hauptmotiv für eine Handlung unterstellt.

Forscher an der Pariser École Normale Supérieure

«Wir haben Hinweise dafür gefunden», so die Forscher, «dass das schlechtestmögliche Motiv für eine Handlung anderen Menschen als Hauptmotiv für eine Tat unterstellt wird.» Handlungen gelten dann in den Augen von Beobachtern zum Beispiel als von Hass und Niedertracht motiviert, obwohl einem selbst doch klar ist, dass die eigene Motivation für was auch immer stets aus einem dichten Gestrüpp unklarer Gefühle und Faktoren entsteht.

«Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist», lautet ein verbreiteter Aphorismus, der vermutlich sehr oft zutreffend ist. Doch der menschliche Geist verfügt eben über die Eigenheit, besonders sensibel auf negative Reize zu reagieren. «Deswegen sollte es nicht überraschen, dass wir auch besondere Aufmerksamkeit auf mögliche schlechte Motive für die Handlungen anderer richten», sagen Walmsley und O'Madagain.

Mehr Milde wäre angebracht

Bekannt ist aus der Forschung, dass schlechte Ereignisse stärker den Eindruck erwecken, hier habe eine bewusste Kraft gewirkt. Das Gleiche gilt für Nebeneffekte: Fallen diese positiv aus, wird das eher als Zufall abgetan; zeigt etwas schlechte Nebenwirkungen, dann unterstellen Menschen hingegen rasch Absicht und fordern eine Erklärung.

Auch hier findet sich eine Diskrepanz zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmungen. Vergeigt man selbst etwas, erklärt man dies eher mit situativen Gründen: Irgendetwas war ungerecht, es wurde einem schwer gemacht oder ähnliche Ursachen. Als Grund für Scheitern oder Missgriffe anderer werden hingegen eher charakterliche Schwächen angeführt – diejenigen waren halt doof oder böse.

Die Wissenschaftler vermuten, dass dieses Denkmuster besonders ausgeprägt ist, wenn die Motive von Mitgliedern sogenannter Fremdgruppen beurteilt werden – also von politischen Gegnern, Vertretern des anderen Geschlechtes oder Anhängern anderer Ansichten in den sozialen Netzwerken.

Die Auseinandersetzungen dort wecken im Beobachter frustrierend oft die Frage: «Was haben die sich nur dabei gedacht?» Die Antwort, die man sich oft reflexhaft darauf gibt, lautet: «Bestimmt nichts Gutes, denn sie sind ja offensichtlich keine guten Menschen.» Dabei wäre mehr Milde oft wohl die bessere Antwort.

13 Kommentare
    Sacha Meier

    Die Aussagen der Studie mögen im Mikrokosmos der direkten sozialen Beziehungen ihre Berechtigung haben - sind aber im zivilisatorischen Makrokosmos von Wirtschaft, Politik und Zivilisation ohne jede Bedeutung. Der Grund dafür ist, dass der moderne Bösewicht längst dazugelernt hat und sich auch wissenschaftlicher Methoden bedient, um nicht aufzufallen, bzw. den Eindruck zu machen, er gehöre zu den Guten. Nennt sich manipulative Kommunikation (man ergûgle den Begriff) und wird nicht nur an Hochschulen, sondern auch in nachrichtendienstlichen Lehrgängen vermittelt. So kann der Bürger eben rasch einmal mit Schurken und Helden durcheinanderkommen. Und er tut es sogar soweit, dass er die Verhaltensweisen der wahren Schurken gar verteidigt. Nennt sich Stockholm-Syndrom und gehört zur Triebfeder von Feudalsystemen - auch des real existierenden Neofeudalismus. Die Basis der modernen manipulativen Kommunikation ist stets die politisch korrekte Ausdrucksweise. Scheinbare Sachlichkeit und Logik, angereichert mit viel Euphemismen und Disphemismen, Worthülsen und Gemeinplätzen vermitteln Kompetenz und öffnen die Tür für Bösartigkeiten in einer Weise, dass die Zuhörer sogar gegen ihre eigene Überzeugung zustimmen. Nehmen wir doch als Beispiel BR Alain Berset, der betont, dass man die Risikogruppen zum Schutz von Covid-19 ja nicht einsprerren und ihres Soziallebens berauben könne. Tönt auf den ersten Blick ja vernünftig. Erst auf den zweiten wird klar, dass damit die Preisgabe gemeint ist.