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Social-Media-Projekt BirdwatchTwitter wälzt Verantwortung auf die Nutzer ab

Beim Projekt Birdwatch sollen User helfen, Desinformation von der Kurznachrichten-Plattform fernzuhalten. Ist die Aktion mehr als ein Feigenblatt?

Auch Twitter kämpft mit Desinformation – jetzt sollen die Nutzer ran (Symbolbild ohne Fake News).
Auch Twitter kämpft mit Desinformation – jetzt sollen die Nutzer ran (Symbolbild ohne Fake News).
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Vor einigen Jahren, zu Beginn des partizipativen Internets, war die «Schwarmintelligenz» das Thema: Dem Konzept liegt die Idee zugrunde, dass viele durchschnittlich intelligente Menschen ohne Fachwissen zu gleichen oder gar besseren Ergebnissen kommen als eine kleine Gruppe Fachleute. In den letzten Jahren ist es etwas ruhig um den Begriff geworden, doch es scheint, als wolle Twitter sich jetzt wieder dieses Prinzips bemächtigen.

Anfang der Woche lancierte der Kurznachrichtendienst das Projekt Birdwatch (zu Deutsch: Vogelbeobachtung, in Bezugnahme auf das Tier im Unternehmenslogo). Das Ziel: Die Nutzer sollen helfen, die Verbreitung von Desinformation auf der Plattform einzudämmen. Sie sollen via Birdwatch Tweets fragwürdigen Inhalts mit Anmerkungen kontextualisieren und so ins rechte Licht rücken. Diese Bemerkungen sollen dann von anderen Nutzerinnen gewertet werden die Schwarmintelligenz fungiert hier als Korrektiv.

Während einer Pilotphase testen ausgesuchte Teilnehmende in den USA das System, das vorerst auf einer separaten Seite auf Twitter läuft. Diese nutzergenerierten Anmerkungen sollen «letztendlich», so schreibt Vice-President Product, Keith Coleman, in seiner Ankündigung, allen Twitter-Usern angezeigt werden.

Schön, aber: Wie wird das System vor Manipulation geschützt?

Ausserdem sollen Tweets, die mit Anmerkungen versehen werden, vorerst nicht in ihrer Reichweite eingeschränkt werden. Inwiefern Birdwatch das Twitter-eigene Anmerkungssystem ergänzt oder konkurrenziert, ist nicht klar. Twitter versieht bereits jetzt Tweets mit umstrittenen oder bewusst falschen Behauptungen mit Hinweisen und Links zu weiterführenden Informationen (Sie erinnern sich an Donald Trumps Tweets, die vor seiner Sperrung häufiger derart markiert wurden).

Erfreulich an der Initiative ist, dass Coleman die Herangehensweise von Twitter offenlegt: Man habe vorab über 100 qualitative Interviews geführt und werde alle Daten, die bei Birdwatch anfallen, zur Verfügung stellen. Leider ist der Download-Link nur in den USA verfügbar. Die Algorithmen, die Birdwatch antreiben, sollen öffentlich zugänglich gemacht werden. Einen ersten Einblick gewährt Twitter auf das System, nach dem die Anmerkungen sortiert werden, bereits hier.

So begrüssenswert die Initiative ist – eine zentrale Frage stellt sich: Wie wird das System vor Manipulation geschützt, beispielsweise vor der massenweisen Auf- oder Abwertung von Anmerkungen? Wie schnell so etwas organisiert ist, zeigt sich aktuell in der Gamestop-Affäre. Twitter ist sich der Gefahr bewusst, beteuert Coleman: «Wir werden ein Auge darauf haben», schreibt er. Ausserdem sollen externe Expertinnen hinzugezogen werden.

Birdwatch läuft Gefahr, nicht mehr als ein Feigenblatt zu sein

Weiterhin stellen sich Fragen, auf die das Unternehmen leider nicht eingeht: Ist es sinnvoll, die Aufgabe – und damit auch die Verantwortung – auf die Nutzer abzuwälzen? Inwiefern greift Twitter korrigierend ein, sollte das Experiment aus dem Ruder laufen oder nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen? Wem und in welcher Frequenz legt Twitter Rechenschaft über den Stand und den Erfolg des Versuchs ab? Wer entscheidet über Erfolg und Misserfolg der Operation? Und behält sich der Anbieter vor, Birdwatch abzubrechen, und was wären die Kriterien dafür?

Hier zeigen sich wieder einmal die Dilemmas, die sich auftun, wenn ein Privatunternehmen für Millionen Menschen eine Öffentlichkeit herstellt. Wie viel Macht den Nutzern eingeräumt wird, liegt allein im Ermessensspielraum des Konzerns – sie wird wohldosiert sein und das Kerngeschäft nicht infrage stellen.

So läuft Birdwatch Gefahr, ein Feigenblatt zu werden im Diskurs darum, was Twitter tut, um Desinformation und Falschmeldungen einzuschränken. Allein der Name lässt dies schon befürchten: Eine «watch», also eine Beobachtung, wird in der Regel von aussen initiiert, nicht von innen um eben auszuschliessen, dass die Spielregeln von denen festgelegt werden, denen auf die Finger geschaut werden soll. Und im schlimmsten Fall wird der Service nicht angenommen; dann heisst es unter Umständen schnell, die Nutzerinnen hätten es doch nicht gewollt.

Eine Ombudsgruppe als Vermittlung zwischen Nutzern und Anbieter

Vielleicht böte sich ja auch ein Blick auf die Konkurrenz an: Facebook hat für strittige Fälle von Löschungen ein Oversight Board, eine Art Ombudsgruppe, eingerichtet. Sie hat im vergangenen Herbst ihre Arbeit aufgenommen und am gestrigen Donnerstag ihre ersten Entscheidungen öffentlich gemacht. Diese widersprechen in vier Fällen Moderationsentscheiden von Facebook und geben neun Regelempfehlungen. Die Entscheidungen sind bindend, Facebook muss vier Posts, die dem Board gemäss fälschlicherweise gelöscht wurden, wiederherstellen und dabei auch Posts mit gleichem Inhalt berücksichtigen. Die Regelempfehlungen müssen evaluiert, aber nicht zwingend umgesetzt werden.

Bei aller berechtigten Kritik an Facebooks Machtfülle und seiner langjährigen Unfähigkeit (oder seines mangelnden Willens?), Hatespeech und Desinformation wirksame Mittel entgegenzusetzen: Das Oversight Board könnte sich als wichtiges Instrument auf dem Weg zu mehr Berechenbarkeit und Verantwortung erweisen. Eine derartige Institution könnte auch bei Twitter an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Nutzern eine wichtige Funktion übernehmen. Letztlich könnten Ombudsleute auch in Streitfällen zwischen Birdwatch-Teilnehmenden und Twitter vermitteln und so das Projekt aufwerten.

3 Kommentare
    Niklas Meier

    Der digitale Blockwart