Trumps Zollpolitik kommt die US-Industrie teuer zu stehen

Die Strafzölle der USA gegen China nagen am Gewinn von amerikanischen Unternehmen und drücken auf die Laune der Anleger.   

In Amerika wächst die Nachfrage nach Velos – doch das Geschäft zahlt sich fast nicht mehr aus: Börse in Los Angeles. Foto: Reuters

In Amerika wächst die Nachfrage nach Velos – doch das Geschäft zahlt sich fast nicht mehr aus: Börse in Los Angeles. Foto: Reuters

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Der Fahrradhersteller Kent verlagerte die Fabrikation 1991 nach China, kehrte aber vor vier Jahren zurück, um den Grossverteiler Walmart schneller beliefern zu können. Nächstes Jahr sollte die Produktion in South Carolina sogar ausgebaut und mehr Personal eingestellt werden; so stark war die Nachfrage. Daraus wird nun nichts – die Stahlzölle auf chinesische Rohre machen die Produktion in den USA zum Verlustgeschäft. «Mit dieser Taktik schaffen wir keine Stellen in den USA», sagt Kent-Chef Arnold Kamler, «vielmehr verlagert sich die Produktion in andere Länder in Südostasien.»

Hoher potenzieller Verlust

Kent steht stellvertretend für eine wachsende Zahl kleiner und mittelgrosser Firmen, die der Wucht von Strafzöllen auf chinesischen Einfuhren von 250 Milliarden Dollar nicht entgehen können. Auch global tätige Unternehmen berichten von höheren Produktionskosten in den USA und Absatzproblemen in dem für sie vital wichtigen chinesischen Markt. So konnte der Industriekonzern Honeywell im letzten Quartal zwar den Absatz in China noch ausweiten, dies allerdings weniger stark als budgetiert. Honeywell bezifferte den potenziellen Verlust auf mehrere Hundert Millionen Dollar. «Ich bin noch nicht verzweifelt, aber der Handelskonflikt ist meine Sorge Nummer eins», sagte Konzernchef Darius Adamczyk. Der führende Baumaschinenhersteller Caterpillar publizierte starke Zahlen, warnte aber vor einem wachsenden Kostendruck wegen der verteuerten Metallpreise. Die Aktien gaben an der Börse deutlich nach.

Autohersteller BMW prognostizierte Verluste von bis zu 500 Millionen Dollar im Herstellbetrieb in South Carolina, sollte Präsident Trump die angedrohten Strafzölle durchziehen. Ford-Chef Jim Hackett ist noch pessimistischer gestimmt: «Die Stahl- und Aluzölle haben unseren Gewinn um eine Milliarde Dollar geschmälert; doch die Ironie ist, dass wir die meisten Metalle bereits in den USA beziehen.» 

Für die Autoindustrie kommt der Handelsstreit im denkbar schlechten Moment, da die Branche in ein zyklisches Nachfragetief gesunken ist und zusätzliche Zölle nicht auf die Preise überwälzen kann. General Motors hat seit der Wahl von Trump an der Börse 10 Prozent verloren; Ford sogar 30 Prozent. Und selbst die gehätschelten Stahlkonzerne stehen inzwischen mit einem Minus zu Buche.

«Die Zölle sind faktisch Steuern für amerikanische Unternehmen und Konsumenten.»

Noch ist das Ausmass der Strafaktion gegen China nicht voll einzuschätzen, da die Zölle schrittweise erhoben und teils den Forderungen einzelner Wirtschaftsverbände angepasst werden. Doch der Kostensprung in den letzten Monaten ist beträchtlich und hat vor allem industriell ausgerichtete Bundesstaaten stark getroffen. Eine Auswertung der offiziellen Handelsstatistiken durch die Grassroot-Bewegung «Tariffs Hurt the Heartland» zeigt, dass die im Chinageschäft relevanten Zölle im August im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent angezogen haben, von 2,5 Milliarden auf 4,5 Milliarden Dollar. In Texas bezahlten die Unternehmen zwischen Juni und August 142 Prozent der Zölle vom Vorjahr, und im Autostaat Michigan verdreifachten sich diese gar. «Die Zölle werden nicht von anderen Ländern bezahlt, sondern sind faktisch Steuern für amerikanischen Unternehmen und Konsumenten», erklärt Angela Hofman, Sprecherin der Grassroot-­Bewegung.

Der Fahrradhersteller Kent hatte im Frühling rasch auf die Stahlzölle reagiert und sondierte Alternativen zu den verteuerten Rohren aus China, wie das «Wall Street Journal» berichtet. Unternehmenschef Kamler suchte in Taiwan, Vietnam, Thailand und in den Philippinen nach Ersatz, musste aber die geplante Erweiterung der Fabrikation in den USA aufgeben und erwägt nun eine Auslagerung nach Südostasien. Walmart, der Hauptabnehmer der Velos in den USA, wandte sich mit einem Protestschreiben an die Regierung und erklärte, «die Zölle sind wenig sinnvoll, wenn das Ziel sein soll, neue Jobs in den USA zu schaffen».

Keine Entspannung in Sicht

Hintergangen fühlt sich auch Manville Smith, Vizepräsident des Lautsprecherherstellers JL Audio. Denn Geräte «Made in ­China» können ohne Zollabgaben importiert werden, aber das gleiche Gerät «Made in the USA» wird mit 25 Prozent belastet. Und auch ein Lautsprecher aus Europa mit Bestandteilen aus China kann zollfrei eingeführt werden. «Es ist schwierig geworden, hier zu produzieren», sagt Smith, «es wäre schön, die Regierung ­würde uns helfen, statt uns zu ­schaden.»

Dabei ist der Handelsstreit noch gar nicht voll entbrannt. Bisher haben die USA neben Stahl und Alu auch Abgaben von 10 Prozent auf Importe im Wert von 250 Milliarden erhoben, was China mit Zöllen auf US-Importe von 120 Milliarden gekontert hat. Doch scheint Trump entschlossen, im kommenden Jahr die Abgaben auf 25 Prozent zu schrauben und auf Güter von mehr als 500 Milliarden Dollar auszuweiten. Eine solche Eskalation ist ein Grund, weshalb Investoren zunehmend verunsichert sind und Aktien selbst dann fallen lassen, wenn ein Unternehmen gute Zahlen vorweist.

Die führende US-Investmentbank JP Morgan Chase sieht bereits ziemlich schwarz. «Es gibt keine Zeichen einer Entspannung zwischen China und den USA. Unser Szenario für 2019 ist deshalb ein voll entbrannter Handelskrieg.» Die Folge wäre eine weltweite Rezession in den kommenden 12 bis 16 Monaten.

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