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Neue KrankenkassenprämienTrotz Corona gibts für einige gar eine Prämiensenkung

Trotz der grössten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten steigen die Krankenkassenprämien 2021 nur moderat, für manche gibts sogar Geld zurück. Das sind die Gründe für die überraschende Entwicklung.

Die Behandlung von Corona-Patienten auf Intensivstationen hat das Gesundheitswesen zeitweise stark gefordert. Doch die Kosten der Pandemie wollen die Kassen mit Reserven auffangen.
Die Behandlung von Corona-Patienten auf Intensivstationen hat das Gesundheitswesen zeitweise stark gefordert. Doch die Kosten der Pandemie wollen die Kassen mit Reserven auffangen.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Bereits zum dritten Mal in Folge kann Gesundheitsminister Alain Berset einen moderaten Prämienanstieg bekannt geben. Um 0,5 Prozent steigen die Prämien 2021 im gesamtschweizerischen Durchschnitt an. Je nach Kanton variiert die Veränderung zwischen einer Zunahme um 2,1 und einer Abnahme um 1,6 Prozent.

In neun Kantonen sinkt oder stagniert die mittlere Prämie, zu diesen Kantonen gehören Zürich (–0,7%) und Basel-Stadt (0,0%). In zehn Kantonen steigen die Prämien weniger als 1 Prozent, darunter Bern (+0,8%). Die grösste Entlastung ist in Appenzell Innerrhoden mit minus 1,6 Prozent zu verzeichnen, der grösste Anstieg im Tessin (+2,1%). Schweizweit beträgt die mittlere Monatsprämie für Erwachsene neu 375.40 Franken, für junge Erwachsene 265.60 und für Kinder 99.70. Die Unterschiede zwischen den Kantonen bleiben enorm. Genf hat mit 484.90 die höchste Erwachsenenprämie, Innerrhoden mit 259.90 Franken die tiefste.

Für Berset ist die Prämienentwicklung ein Beleg dafür, dass die unter seiner Führung eingeleiteten Kostensenkungsmassnahmen wirken. Er verwies am Dienstag vor den Medien auf die Senkung der Preise für patentgeschützte Medikamente, womit jährlich 1 Milliarde eingespart werde. Dazu komme die auf 2018 verfügte Kürzung der Arzttarife um 500 Millionen.

Dabei hatte dieses Jahr noch mit einem Kostenschub begonnen. Von Januar bis März stiegen die Gesundheitskosten laut dem Kassenverband Santésuisse um 5 Prozent – also überdurchschnittlich. Doch der Lockdown kehrte diesen Trend dann in den Folgemonaten ins Gegenteil. Deshalb sind die Gesundheitskosten im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zur Vorjahresperiode stabil geblieben.

Weniger medizinische Behandlungen

Die Kosten für stationäre Spitalbehandlungen gingen sogar minim zurück (–0,2%), und im ambulanten Spitalbereich stiegen sie nur moderat um 1,2 Prozent, wie der Kostenmonitor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigt. Ein Grund dafür ist, dass ein Teil der Spitalbehandlungen im Frühling nicht durchgeführt wurde, weil der Bundesrat ein mehrwöchiges Verbot für nicht dringende Behandlungen erliess. Auch die Kosten für ambulante Behandlungen bei Ärzten fielen mit einem Minus von 4,4 Prozent deutlich geringer aus. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass viele Patienten aus Furcht vor einer Ansteckung die Arztpraxen mieden. Die Kosten für Physiotherapeuten gingen gar um 8,6 Prozent zurück. Noch offen ist, ob ein Teil der nicht durchgeführten Behandlungen ohnehin nicht zwingend gewesen wären, insbesondere orthopädische Eingriffe.

Auch für das ganze Jahr rechnet Santésuisse nur mit einem leichten Anstieg der Gesundheitskosten um 1,3 Prozent. Allerdings ist immer noch offen, welche der nicht durchgeführten medizinischen Behandlungen nachgeholt werden. Ein solcher Nachholeffekt könnte 2022 doch noch zu einem Prämienschub führen. Santésuisse-Direktorin Verena Nold geht davon aus, dass im nächsten Jahr die Kosten wieder im üblichen Ausmass um über 3 Prozent ansteigen werden. Damit sei im nächsten Jahr mit einem indirekten Abbau der Reserven zu rechnen, da die Prämien ja nur um 0,5 Prozent anstiegen und die Differenz aus den Reserven gedeckt werden müsse. Nold bezweifelt, dass das Kostenproblem gelöst ist. Deshalb brauche es dringend weitere Reformen, um überhöhte und unnötige Kosten zu vermeiden.

Bereits im Mai machten die Krankenversicherer in seltener Einmütigkeit klar, dass die Behandlung von Corona-Patienten zu keinen Prämienerhöhungen führen dürfe. Das ist möglich, weil die Kassen genau für solche ausserordentlichen Ereignisse mittlerweile über 11 Milliarden an Reserven angelegt haben. Für diese Prämienrunde hat das BAG einen Reserveabbau von 211 Millionen bewilligt. Würden diese Rückzahlungen an Versicherte einberechnet, resultierte insgesamt sogar eine Prämiensenkung. Dabei haben einige Versicherer Rücklagen bis zum Vierfachen des gesetzlich geforderten Reservepolsters angelegt.

Weiterer Reservenabbau gefordert

Die Prämien werden aufgrund einer Kostenprognose für das kommende Jahr, einer Hochrechnung für das laufende Jahr und des Geschäftsabschlusses des zurückliegenden Jahres ermittelt. Gerade die Corona-Pandemie macht eine Kostenschätzung fürs laufende und das kommende Jahr schwierig. Allerdings können die Kassen auch im nächsten Jahr einen allfälligen Prämienschub mit Reserven abfedern. Für Berset sind die gegenwärtigen Reserven der Kassen zu hoch. Der Bundesrat hat deshalb letzte Woche vorgeschlagen, dass die Kassen künftig die Reserven stärker abbauen dürfen, als das bisher erlaubt war. Falls die Versicherer dies nicht freiwillig tun, ist für Berset auch eine gesetzliche Verpflichtung der Kassen eine Option. Der Kassenverband Curafutura begrüsst explizit, dass der Bundesrat den Kassen über die Reserven mehr Spielraum zur Prämienfestsetzung geben will. Die Gewerkschaften fordern hingegen, dass der Bundesrat eingreift und die hohen Reserven rasch an die Versicherten zurückfliessen.

Trotz der moderaten Erhöhungen belasten die hohen Krankenkassenprämien viele Versicherte. Der Bundesrat will mit Kostensenkungspaketen erreichen, dass die Prämien trotz der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts einigermassen bezahlbar bleiben. Im Parlament liegt Bersets Vorschlag, für Generika ein Referenzpreissystem einzuführen. Für die jeweiligen Nachahmerpräparate soll ein maximaler Preis festgelegt werden, den die Kassen vergüten müssen. Berset hofft so, jährlich mehrere Hundert Millionen Franken einzusparen. Allerdings ist der Systemwechsel im Parlament stark umstritten. Noch schwerer wird es Bersets jüngster Vorschlag haben, das Hausarztmodell obligatorisch zu machen. Niemand könnte mehr künftig ohne vorgängige Konsultation bei einer «Erstberatungsstelle» einen Spezialisten aufsuchen.

18 Kommentare
    Sonja Eveline

    Und wieder regiert der Kantönligeist.