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«Krimi der Woche»Traumferien werden zum Albtraum

In «One-Way-Ticket ins Paradies» von Joseph Incardona gerät eine Genfer Familie auf einer Insel in ein unheilvolles Projekt.

Beklemmende Atmosphäre? Auf den ersten Blick nicht.
Beklemmende Atmosphäre? Auf den ersten Blick nicht.
Foto: Keystone

Der erste Satz

Der Signalton kündigte ihr den Eingang einer neuen E-Mail an.

Das Buch

Das E-Mail-Angebot für Ferien in einem exklusiven Luxusresort auf einer «Insel Ihrer Träume» erreichte Iris Jensen im richtigen Moment. Das Last-Minute-Angebot war genau das, was sie brauchte. Der Blick aus der kleinen Cessna, mit der die Genfer Bankiersfamilie nun zu den abgelegenen Nomad Islands im Indischen Ozean geflogen wird, erfüllt die geweckten Erwartungen.

Doch nach der Landung beginnen sich Iris, ihr Mann Paul und die beiden Kinder, die 14-jährige Lou und der 9-jährige Stanislas, zu fragen, ob sie da wirklich im Paradies gelandet sind. Es gibt keinen Smartphone-Empfang. Der Pilot fliegt gleich wieder ab, auf dem Flugplatz ist sonst niemand. Erst nach langem Warten werden sie abgeholt.

Alles ist dann wunderschön im «Nomad Island Resorts»: Der Bungalow mit atemberaubendem Blick auf die Küste und das Meer, das gediegene Ambiente. Doch alles ist auch etwas seltsam. Das distanzierte einheimische Personal, das verspiegelte Sonnenbrillen trägt, die Mängel im Service, die so gar nicht zur luxuriösen Umgebung passen, fallen den Neuankömmlingen zuerst auf. Und dann lässt der Westschweizer Autor Joseph Incardona in seinem Roman «One-Way-Ticket ins Paradies» die Situation langsam, aber stetig bedrohlicher werden.

«Der Traum war eine wunderschöne fleischfressende Pflanze, sie lockt einen, sie verführt einen, sie verschlingt einen.»

Mutter und Tochter fühlen sich zwar wohl auf der Insel, der Vater jedoch findet immer mehr Sachen sonderbar. Etwa, dass die Gäste alle gleich gekleidet sind, dass sie sich als «Bewohner» bezeichnen und neugierig auf «die Neuen» sind. Auch die Organisation des Clublebens irritiert: Männer, Frauen und Kinder werden separiert. Und der Sohn beobachtet nachts wunderliche Rituale. Die Familie wird scheinbar Teil eines mysteriösen Projekts. Die anfängliche Beklemmung wird bald zu nacktem Horror.

Incardona machte im letzten Jahr im deutschen Sprachraum mit seinem furiosen Autobahn-Noir «Asphaltdschungel» erstmals Furore. Hier nun mischt er raffiniert und stimmig Elemente von Psychothriller, Horrorstory, Sozialsatire, Science-Fiction und Noir-Kriminalroman zu einer spannenden Geschichte. Beiläufig karikiert er dabei auch das Bestreben, in einer paradiesischen Umgebung einmal gänzlich abschalten zu können. Und am Ende kennt er keine Gnade mit der verwöhnten Familie aus der Schweiz. «Der Vollmond, das Meer, ein Strand, Palmen», heisst es einmal, «der Traum war eine wunderschöne fleischfressende Pflanze, sie lockt einen, sie verführt einen, sie verschlingt einen.»

Wer diesen Roman auf der Reise zu einem «paradiesischen» Ferienziel liest, wird dort garantiert auf jede aussergewöhnliche Beobachtung mit einem mulmigen Gefühl reagieren.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★☆☆☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★★☆

Der Autor

Gewann 2018 den Prix du Roman des Romands: Joseph Incardona.
Gewann 2018 den Prix du Roman des Romands: Joseph Incardona.
Foto: PD

Joseph Incardona, geboren 1969 in Lausanne, wuchs in der Schweiz, in Frankreich und Italien auf, da seine Eltern – der Vater Sizilianer, die Mutter Schweizerin – in der Hotellerie tätig waren und Saisonjobs übernahmen. Seit 2002 hat er mehr als ein Dutzend Bücher veröffentlicht. Sein erstes, das auf Deutsch erschien, war «Nächster Halt: Brig»; es wurde 2018 mit dem Prix du Roman des Romands ausgezeichnet.

Er schreibt auch Theaterstücke, Drehbücher und Szenarien für Comics und war Co-Regisseur bei einem Film. Als wichtigste Inspiration nennt Incardona die italienische, französische und Schweizer Kultur sowie die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Noir-Romane. Der 2019 auf Deutsch erschienene Roman «Asphaltdschungel» («Derrière les panneaux, il y a des hommes», 2015) ist in Frankreich mit dem renommierten, seit 1948 verliehenen Grand prix de littérature policière ausgezeichnet worden. Joseph Incardona lebt und arbeitet heute – nach Stationen in Paris und Bordeaux – in Genf.

Joseph Incardona: «One-Way-Ticket ins Paradies» (Original: «Aller simple pour Nomad Island», Editions du Seuil, Paris 2014). Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Lenos-Verlag, Basel 2020. 310 S., ca. 28 Fr.
Joseph Incardona: «One-Way-Ticket ins Paradies» (Original: «Aller simple pour Nomad Island», Editions du Seuil, Paris 2014). Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Lenos-Verlag, Basel 2020. 310 S., ca. 28 Fr.
Buchcover: PD