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Gastbeitrag zum Kultur-LockdownTheater soll sein

Peter Zihlmann, leidenschaftlicher Theatergänger aus Riehen, sehnt das Ende der Corona-Zwangspause herbei. Ein Plädoyer für die Alchemisten, die die rohen Stoffe des Alltags in ein Bühnenfest verwandeln.

Endstation Sehnsucht: Das Förnbacher-Theater gehört zu den Basler Kulturinstitutionen, die unter der Corona-Zwangspause leiden.
Endstation Sehnsucht: Das Förnbacher-Theater gehört zu den Basler Kulturinstitutionen, die unter der Corona-Zwangspause leiden.
Foto: Christian Flierl

Die theaterlose Covid-19-Zeit geht vorüber. Bald wieder werde ich als Zuschauer mit anderen in meinem Lieblingstheater unter den Arkaden des Badischen Bahnhofs erwartungsvoll im Dunkel sitzen. Schlag acht Uhr beginnt die Bühne zu leben, Schauspieler im Scheinwerferlicht. Für begrenzte Zeit entsteht vor den Augen des Publikums eine ferne Welt. Am Ende haben die Schauspieler wieder alles gegeben, erlöst und etwas müde, ausgespielt, verneigen sie sich vor uns. Der Schlussapplaus prasselt wie ein Gewitterregen auf sie nieder. Dann wenden sie sich lächelnd ab und verschwinden leichten Schrittes.

Wenn ich an sie denke, erscheinen sie mir wie Alchemisten, die den rohen Stoff des Alltags in festliche Gewänder und kostbares Geschmeide verwandeln, wie Gralssucher und Wächter der Nacht und ihrer Geheimnisse und Abgründe. Ihre Stimmen, ihr Flüstern und Rufen, ihre Gesten und ihre Präsenz in wechselnden Rollen bringen mir die Welt nahe, das sich aus ihr entwickelnde und verwickelnde Drama. Wie in einem Zauberspiegel wird das Wesen der Welt sichtbar.

Kaum geahnte Welten

Ohne diese Vorstellungen würden wir unseren Schatten verlieren. Was wären wir ohne Fausts resigniertes «Habe nun ach …», ohne Gretchens Verzweiflung in der Kerkerszene? Ohne «Besuch der alten Dame», ohne Dürrenmatts «Physiker»; ohne das Dilemma des Piloten und seiner Richter in Ferdinand von Schirachs Stück «Terror»; ohne an der «Endstation Sehnsucht» gewartet zu haben?

Sie führen uns das noch mögliche, kaum sichtbare Leben vor. Öffnen Türen, die wir für verschlossen hielten, mutlos, wie wir nun einmal geworden sind. Sie eröffnen uns kaum geahnte Welten. Im Spiel erkennen wir Auswege aus dem Tunnel unseres Schicksals.

«Ich bewundere, ja, ich liebe die Schauspieler: Ihr habt keinen festen Stand, seid wie Tänzer auf hohem Seil.»

Peter Zihlmann, Theaterfan aus Riehen

Mit jeder Rolle legen Schauspieler die Fessel des eigenen Ich ab. Und auch wir, die wir dabei sind, fühlen uns davon befreit. Durch dieses Spiel könnten wir das Mal unter unserem Auge erkennen, eine Knastträne, die uns daran erinnert, dass jeder von uns verurteilt ist zu lebenslanger Einzelhaft in seiner Haut.

Die kleine Distanz zwischen uns und der Bühne genügt, damit wir über die skurrilen Figuren, die sich dort bewegen und in einem traumhaften Tanz verbiegen, lachen können, ohne zu merken, dass wir über uns selbst lachen. Bei ihrem Anblick spüren wir Herz und Barmherzigkeit in uns für die sich im Verhängnis verheddernden Gestalten, die wir im Alltag oft unerbittlich niederwerfen. Durch ihr Spiel erkennen wir vielleicht auch, dass wir alle nur eine Träne im Auge des Kosmos sind, «a tear in the cosmic eye».

Ich bewundere, ja, ich liebe die Schauspieler: Ihr habt keinen festen Stand, seid wie Tänzer auf hohem Seil. Auf der Bühne ist nichts real, alles bedeutet etwas. All die Gefühle, Leidenschaft, Zorn und Angst sind da; ich spüre es. Bleibende Worte von Klassikern, oft zum Zitat erstarrt, lässt ihr wieder lebendig werden, so liebevoll und achtsam, wie ihr sie aussprecht. Sie klingen herüber wie Geflüster aus vergangenen Zeiten. Ihr schafft einen Raum dichter emotionaler Energie, setzt uns innerlich in Schwingung wie die Saite der Violine den Klangkörper.

Wann sollst du töten? Szene aus Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück «Terror» aus dem Förnbacher-Theater: Theaterpatron Helmut Förnbacher (rechts) verteidigt vor Gericht einen Luftwaffenpiloten (Falk Döhler), der ein Zivilflugzeug abschoss, bevor ein Terrorist es auf ein Fussballstadion stürzen lassen konnte.
Wann sollst du töten? Szene aus Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück «Terror» aus dem Förnbacher-Theater: Theaterpatron Helmut Förnbacher (rechts) verteidigt vor Gericht einen Luftwaffenpiloten (Falk Döhler), der ein Zivilflugzeug abschoss, bevor ein Terrorist es auf ein Fussballstadion stürzen lassen konnte.
Foto: Dauren Bakimbayev

Ihr braucht kein Porzellan zu zerschlagen, unnötig, euch mit Blutfarbe zu beschmieren und herumzuschreien. Ihr rührt mich an. Gerne lass ich mich von eurem Feuer anstecken und stimme ein in euer Lachen, Weinen und Fluchen. Euch erprobten Magiern vertrau ich mich an, wage mit euch den Ritt durch die stürmische Nacht der Gefühle.

Erzählt uns immer wieder Geschichten wie Scheherazade dem König, um am Leben zu bleiben und seinem Morden ein Ende zu setzen! Auch ich mag den Blick nicht von euch wenden, wie ihr Abend für Abend auf der Bühne steht mit Leib und Seele. Das ist mehr als ein Lichtspiel. Ihr seid umflossen von der Aura von Menschen, deren Ego in der Rolle aufgeht. Im Theater sind wir zusammen wie eine Schicksalsgemeinschaft.

Rätselhafter Impuls

Zu diesen abgetretenen Brettern werde ich immer wieder zurückkehren, getrieben vom rätselhaften Impuls, es wäre nötig, dass auch ich zuschaue, um dieses Spiel erst zu ermöglichen. Es ist eine Ängstlichkeit in mir, wie sie der Legende nach in den Jungen von Rio de Janeiro gesteckt haben musste, die jeden Morgen von den Favelas zum Corcovado hochgerannt sind, um der Sonne zu helfen, aus der Tiefe der Nacht wiederaufzuerstehen. Würde die Sonne nicht erwartet, fände sie keine Kraft, aufzugehen.

Die Bühne ist ein verwunschener Ort, ein Kreuzungspunkt, wo sich Traum und Wirklichkeit treffen. Und wenn das Spiel aus ist und wir versuchen, ins Alltagsleben zurückzufinden, begegnen uns die Schauspieler im Foyer neu, und wir können ein paar Worte wechseln. Nachdenklich, ehrfürchtig und liebend dürfen wir voreinander stehen wie vor dem Eingang zum verlorenen Paradies.