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Amerikaner feiern im ganzen Land«Wir haben es geschafft!»

In der Dean Street in Brooklyn genauso wie vor dem Weissen Haus in Washington: Im ganzen Land feiern Hunderttausende den Sieg von Joe Biden über Donald Trump.

In der US-Hauptstadt wird es langsam Nacht. Trotzdem feiern noch immer Tausende Menschen in den Strassen. (7. November 2020)
In der US-Hauptstadt wird es langsam Nacht. Trotzdem feiern noch immer Tausende Menschen in den Strassen. (7. November 2020)
Foto: Shawn Thew (Keystone)
Performer tanzen vor dem dritten Polizeirevier in Minneapolis, Minnesota. (7. November 2020)
Performer tanzen vor dem dritten Polizeirevier in Minneapolis, Minnesota. (7. November 2020)
Foto: Nicholas Pfosi (Reuters)
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Die Nachricht, dass CNN und AP Joe Biden zum gewählten Präsidenten ausgerufen haben, ist kaum eine Minute alt, da tanzt Beatrice Lesser auf den Stufen ihres Hauses in Brooklyn im Kreis und schlägt mit einem Deckel auf einen Kochtopf ein. Sie lacht, sie johlt. «Wir haben es geschaaaafft!», ruft sie. «Ich bin so erleichtert, ich kann es nicht beschreiben.»

Autos fahren vorbei, ein einziges Hupkonzert. Selbst die Busfahrer der Linie 65 hupen. Wenn sie das den ganzen Tag machen, werden sie einen schmerzenden Arm haben nach der Schicht.

Aus vielen Häusern hier in der Dean Street kommen die Leute, schwarze, weisse, Latinos, Asiaten. Die Strasse, das ganze Viertel ist bunt gemischt. Sie lachen, sie machen Lärm, sie tanzen, viele haben Tränen in den Augen. Einige schwarze Männer strecken stumm die rechte Faust in die Höhe. Andere laufen nur breit lächelnd die Bürgersteige auf und ab und geniessen den Moment, ihren Moment. Auch sie haben Trump aus dem Weissen Haus gewählt.

«Du bist gefeuert»

Dort, in Washington, auf der «Black Lives Matter Plaza», einem Stück der 16th Street vor dem Weissen Haus, das im Sommer umbenannt worden war, stehen die Menschen dicht an dicht, es wird Musik gespielt und ausgelassen getanzt. Viele Menschen haben Plakate dabei, auf denen Botschaften an Donald Trump stehen: «You're fired» oder «Eviction» – übersetzt: «Du bist gefeuert» und «Zwangsräumung».

Im ganzen Land feiern Menschen «ihren» Sieg über Trump

Die Stimmung ist am Nachmittag friedlich. Das Weisse Haus selbst ist durch mehrere hohe Stahlzäune abgeriegelt. Auch viele Geschäfte hatten aus Furcht vor Ausschreitungen ihre Schaufenster mit Holzplatten geschützt.

Im ganzen Land feiern Menschen «ihren» Sieg über Trump, egal ob der twittert, dass er die Wahl nicht anerkennen werde, dass er sich als Gewinner sehe. In New York, Washington, Los Angeles, Portland, Detroit, Austin, Atlanta, Phoenix, überall kommen Menschen zusammen für die aus ihrer Sicht beste Wahlparty seit acht Jahren. Und jede Minute werden es mehr. Sie schwenken ihre Biden/Harris-Schilder, immer wieder ziehen Wellen des Jubels durch die Mengen.

Auch noch Stunden nach der Nachricht von Bidens Sieg geht das so. Und wird wohl die bis weit in die Nacht anhalten. Ein Ausbruch der Freude nach Tagen der Anspannung. Für viele sogar: nach vier Jahren der Anspannung. Trump ist derweil golfen gegangen.

Autos hupen, Menschen applaudieren: Joe Bidens Anhänger freuen sich über seinen Wahlsieg. (7. November 2020)
Video: Tamedia

«Thanks to Pennsylvaniaaaaaa! Yeahhhhh!», brüllt eine Nachbarin von Beatrice Lesser quer über die Strasse. Und der Jubel schwillt wieder an. Im westlichen Nachbaarstaat von New York hat Trump vor vier Jahren knapp gewonnen. Ein Schock für die Demokraten. Pennsylvania war Teil des demokratischen Schutzwalls, der damals in sich zusammengebrochen ist.

Dort hat sich jetzt nach zähen Tagen der Auszählung am Samstag Bidens Sieg entschieden. Keine 35'000 Stimmen Vorsprung hat Biden in dem Moment, als CNN ihn zum Sieger von Pennsylvania erklärt. Am Wahlabend hatte Trump dort noch einen Vorsprung von mehreren Hunderttausend Stimmen. Dank Unmengen von Briefwahlstimmen liegt jetzt Biden uneinholbar vorne. Selbst eine Nachzählung würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein anderes Ergebnis bringen.

Biden verzeichnet den grössten Sieg in der Geschichte der USA

Mit Pennsylvania hat Biden die Marke von 270 Stimmen im Electoral College geknackt, die er mindestens brauchte, um dort ins Amt gewählt zu werden. Und wenn die Daten stimmen, dann könnte dies doch noch der grosse Sieg werden, den er braucht, um alle Zweifel beiseite zu wischen.

Denn, wenn Biden noch alle Staaten gewinnt, in denen er aktuell führt, dann wird er 306 Stimmen im Wahlleutegremium auf sich vereinigen. Genauso viele, wie Trump 2016. Ein Erfolg, den Trump damals als Erdrutschsieg bezeichnet hat.

«Trump im Weissen Haus, das war für uns eine tägliche Beleidigung»

Ken Lesser aus Brooklyn

Mehr als 74 Millionen Stimmen hat Biden bereits gesammelt. Das ist jetzt schon der grösste Sieg in der Geschichte der USA: Er führt mit mehr als vier Millionen Stimmen. Die grossen Staaten Kalifornien und New York aber sind noch längst nicht ausgezählt. Da warten noch Millionen von Stimmen, die Biden zugeschlagen werden dürften.

Ken kommt aus dem Haus, der Mann von Beatrice. Beide gehen stark auf die 70 zu. Sie wollten am Wahltag eigentlich nach Michigan fahren, als Wahlhelfer. Sie haben es gelassen. Wegen der Pandemie. Ken stand unter der Dusche, als die Nachricht von Bidens Sieg kam, die Haare sind noch nass. Er hat dann erstmal seine US-Flagge aus dem Fenster im oberen Stockwerk gehängt. «Ich kann es noch nicht fassen», sagt er. «Trump im Weissen Haus», sagt er, «das war für uns eine tägliche Beleidigung». Diese Tage der Beleidigung, sie sind offenbar gezählt.

84 Kommentare
    Gerrit Gerritsen

    Ob es nun "Wir haben es geschafft" oder "Wir schaffen das" heisst.. auf jedem Fall geben mir solche Ausrufe ein sehr, sehr ungutes Gefühl..