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Pas de cinq – im MaximumTanzen mit angezogener Handbremse

Die Proben des Basler Balletts finden unter strengen Vorsichtsmassnahmen statt. Dennoch bedeuten sie für Ballettdirektor Richard Wherlock und sein Team ein Stück Normalität.

Mit Mundschutz und mit grossem Abstand: So trainieren Stefanie Pechtl und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Basler Ballett derzeit.
Mit Mundschutz und mit grossem Abstand: So trainieren Stefanie Pechtl und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Basler Ballett derzeit.
Foto: Kostas Maros

Mit Mundschutz und höchstens fünf Personen in einem Raum. So trainiert das Basler Ballett in Corona-Zeiten. Praktisch sieht das so aus: Der Korrepetitor am Klavier sitzt in einer Ecke, je zwei Tänzerinnen und ein Tänzer verteilen sich weit voneinander entfernt an die Ballettstangen, in der Mitte des Raums steht der Ballettmeister. Normalerweise versammelt sich das gesamte Ensemble 31 Frauen und Männer im Probenraum im Theater Basel, um sich fit zu halten und neue Produktionen einzuüben.

Tanzen zwischen Sofa und Couchtisch

Daran ist momentan nicht zu denken. Doch das reduzierte Training bedeutet bereits einen riesigen Schritt für die Künstlerinnen und Künstler. Denn während zehn Wochen schloss das Theater seine Pforten und die Tänzerinnen und Tänzer mussten sich zu Hause arrangieren. «Es wurden Möbel weggeschoben und so gut wie möglich trainiert», erzählt Stefanie Pechtl. Die Tänzerin und Choreografin ist erleichtert, dass sie wieder gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen tanzen kann. Denn im realen Kontakt entstehe eine Dynamik, die nun wochenlang gefehlt habe.

Ballettdirektor Richard Wherlock griff auf ungewohnte Mittel zurück, um während des Lockdown seine Truppe zusammenzuhalten und zu motivieren: Er veranstaltete virtuelle Trainingseinheiten und produzierte mit den Mitgliedern des Ensembles Videos und Fotostrecken, die sie zum Dank für ihren Einsatz etwa an das Spitalpersonal verschickten. So konnte er die Moral seines Teams trotz Kurzarbeit und weggefallener Bühnenauftritte aufrechterhalten.

«Ich hätte nicht gedacht, dass ich dereinst so gut mit diesen elektronischen Medien arbeiten könnte», freut sich der Ballettchef und kann dem Ganzen sogar noch etwas Positives abgewinnen. Denn dank der virtuellen Kanäle habe man sich in dieser besonderen Zeit über Grenzen und Länder hinweg mit Online-Trainingseinheiten ausgeholfen, sodass sich die internationale Tanzszene nähergekommen sei.

Wir sind Künstler und finden kreative Wege.

Richard Wherlock, Ballettdirektor Basler Ballett
Das Ensemble des Basler Balletts ist derzeit nur im Übungsraum aktiv. Die Bühnenpräsenz fehlt den Künstlerinnen und Künstlern.
Das Ensemble des Basler Balletts ist derzeit nur im Übungsraum aktiv. Die Bühnenpräsenz fehlt den Künstlerinnen und Künstlern.
Foto: Kostas Maros

Im Ballett-Ensemble des Theaters Basel sind 14 Nationalitäten vertreten und einige Tänzerinnen und Tänzer sind persönlich von der Corona-Krise betroffen. So verlor ein Ensemble-Mitglied aus Spanien seine Grossmutter aufgrund der Krankheit.

Wie ein einschneidendes Ereignis auf die Menschen wirkt, thematisiert Wherlock in der Produktion «Gloria!». «Diese Idee entstand bereits vor zwei Jahren, erhält nun aber einen aktuellen Bezug», beschreibt Wherlock den unbeabsichtigten Effekt seiner Arbeit. Zu Giovanni Battista Pergolesis andächtigem «Stabat Mater» und Antonio Vivaldis lebhaftem «Gloria» sollte in 24 Bildern die teils bedrückende, teils erhellende Stimmung der Musik in Tanz umgesetzt und so die tiefen Empfindungen ausgedrückt werden, die nach einer schicksalhaften Erfahrung aufkommen. Wherlock: «Es war mein Ziel, mit dieser Produktion dem Gefühl des Aufgehobenseins in einer Gemeinschaft Ausdruck zu geben und dem Publikum zu vermitteln, dass wir gemeinsam stark sind.»

Die Uraufführung des Stücks verschiebt sich jedoch auf ungewisse Zeit und auch die Produktionen der kommenden Saison stehen in den Sternen. «Wir gehen davon aus, dass der Betrieb wieder normal wird», so der Chefchoreograf. «Aber wir müssen einen Plan B, C und D parat haben.» Denn noch sei unklar, wie zum Start der Theatersaison getanzt werden darf. Derzeit müsse man sich an die Fünf-Personen-Regeln halten. Ausserdem dürfen nur Tänzerinnen und Tänzer Duette tanzen, die privat in einem Haushalt leben und der Boden muss regelmässig gereinigt werden besonders dann, wenn sich die Tanzenden in liegenden Figuren darauf bewegen. Unter diesen Umständen neue Produktionen zu planen, ist eine Herausforderung, die der Ballettdirektor und sein Team schöpferisch angehen: «Wir sind Künstler und finden kreative Wege.»

Wegen des Coronavirus müssen die Tanzflächen regelmässig geputzt werden.
Wegen des Coronavirus müssen die Tanzflächen regelmässig geputzt werden.
Foto: Kostas Maros

Bühnenpräsenz schmerzlich vermisst

Trotz seines Optimismus schaut Wherlock auf einen unruhigen Sommer. Denn nebst der Corona-Krise muss das Ballett aufgrund des Theaterumbaus bis im September in temporäre Studios im Steinenbachgässlein umziehen, und der Wechsel von Intendant Andreas Beck zu seinem Nachfolger Benedikt von Peter wird ebenfalls einige Umstellungen mit sich bringen.

Wie gross der Betrag ist, der dem Theater durch die Ausfälle der Vorstellungen entgeht, ist Betriebsgeheimnis. Doch Wherlock ist sich bewusst, dass dieses Loch im Budget Konsequenzen für zukünftige Produktionen haben wird. Deshalb freut er sich über die zahlreichen Botschaften von Besucherinnen und Besuchern des Theaters Basel, die ankündigen, aus Solidarität auch für die kommende Saison ein Abonnement zu kaufen. Nicht zuletzt möchte er nach dem Abbruch in der Hälfte der laufenden Saison seinem Ensemble endlich wieder die Möglichkeit geben, vor Publikum aufzutreten. Denn das ist, was die Künstlerinnen und Künstler in ihrem Schaffen antreibt.

«Die Lust, wieder auf der Bühne zu stehen, ist bei uns allen enorm gross», sagt Tänzerin Stefanie Pechtl. Zwei Monate ohne Auftritt sei eine sehr lange Pause, in der es schwierig sei, die Bühnenpräsenz aufrechtzuerhalten. Deshalb meint Pechtl zu den Überlegungen ihres Direktors, wie der finanzielle Schaden für das Theater behoben werden könnte, nur halb im Spass: «Kein Problem, wir machen Doppelvorstellungen.»