Zum Hauptinhalt springen

Klettertipps im JuraTanz auf der Rasierklinge

Die Arête des Sommêtres im Jura verspricht eine Klettertour der Extraklasse. Besonders im Spätherbst, wenn die Kalkfelsen einen wunderschönen Kontrast zum bunten Wald bilden.

Scharfe Zacken: Die Arête des Sommêtres ist spektakulär und ein ideales Trainingsgelände fürs alpine Hochgebirge.
Scharfe Zacken: Die Arête des Sommêtres ist spektakulär und ein ideales Trainingsgelände fürs alpine Hochgebirge.
Foto: Anne-Sophie Scholl

Hier muss man die Felsen in der Tiefe suchen. Hinter La Chaux-de-Fonds zieht der kleine rote Zug in grossen Kurven über die schier endlose Weite der Franches Montagnes. Wir sehen die grosszügigen Weiden des Tafeljura, vereinzelt stehende Tannen und die Windräder auf dem Mont Soleil, von einem Grat jedoch keine Spur. In Le Noirmont steigen wir aus und laufen Richtung Norden.

Eine halbe Stunde später sollten wir am Fuss der Kalkfelsen stehen, heisst es. Von diesen ist noch immer nichts zu sehen. Doch nun stürzt sich linker Hand der Hang fast fünfhundert Meter in die Tiefe – steil hinunter ins Tal, das der Doubs in die Landschaft gefressen hat. Rechter Hand erhaschen wir einen Blick auf eine Felswand, die sich zwischen den Baumkronen abzeichnet wie ein Drachenkamm. Das muss unser Ziel sein. Es ist bloss ein kleiner Teil der Arête des Sommêtres. An den Südwänden des Rückens, der sich über eine Länge von 1,2 Kilometern erstreckt, ist ein vorzügliches Klettergebiet mit sieben Sektoren eingerichtet, die meisten Routen im fünften und sechsten Schwierigkeitsgrad. Wir jedoch wollen auf die Arête, auf den Grat.

Bald finden wir den schmalen Pfad, der vom Fuss der Kletterfelsen steil hoch auf einen kleinen Pass führt, voilà, wir sind da. Nun also das übliche Prozedere: den Klettergurt anziehen. Zur Ausrüstung zählen auch Schraubkarabiner, Express-Sets, Bandschlingen und Helm. Die Kletterfinken haben wir zu Hause gelassen, wir machen uns in Bergschuhen auf den Weg. Uns erwartet eine Tour mit vielen Gehpassagen. Die erste Seillänge ist etwas unfreundlich, weil auf der feucht-schattigen Nordseite gelegen. Sichern müsste man kaum, wir tun es trotzdem und legen eine Schlinge um einen Baum. Schon stehen wir auf dem Kamm.

Zum Start in einen Kamin

Gut gesichert an der senkrechten Wand.
Gut gesichert an der senkrechten Wand.
Foto: Anne-Sophie Scholl

Vor uns richtet sich der erste Pfeiler auf. Durch einen Kamin geht es steil die Wand hoch, die Seillänge ist mit 3b bewertet, also zum Einstieg eine Kletterpassage im höchsten Schwierigkeitsgrad der Tour. «Wunderschöner Kalk», jubelt Urs, der voraussteigt, «du wirst es lieben!» Es ist tatsächlich so: Der Kalk erweist sich als griffig, immer wieder finden sich gute Tritte und Griffe, nur an ganz wenigen Stellen ist der Fels speckig und abgegriffen. Schon stehen wir oben. Das Blätterdach liegt uns nun in den schönsten Herbstfarben zu Füssen, Gipfeltriumph macht sich breit, wie noch viele Male auf dieser Tour. Der Blick gleitet über das Tal zum Horizont, hinüber nach Frankreich.

Nun geht es weiter am kurzen Seil über den Grat, hie und da ein paar Meter Fels, die man überklettern oder auch umgehen könnte, genauso wie alle schwierigeren Kletterpassagen der Tour. Wir kraxeln kleine Türmchen hoch und wieder runter, balancieren von Stein zu Stein, kriechen immer mal wieder unter vereinzelten Kiefern durch, die sich auf dem Grat ducken. Richtig sichern müssen wir kaum, mal legen wir das Seil um eine Felszacke, mal basteln wir für alle Fälle eine Bandschlinge. Immer wieder sehen wir Kratzspuren von Steigeisen, die uns den Weg weisen.

Der Grat muss auch im Winter begehbar sein, als Trainingstour fürs alpine Hochgebirge. Bald stehen wir an der Stelle, wo wir nordseitig wenige Meter abseilen. Mit Schlingen ist ein Stand eingerichtet. Man könnte wohl auch hinunterklettern.

Der erste Höcker des Kamms liegt hinter uns, wir arbeiten uns die nächste Wand hoch. Der Himmel verdunkelt sich, ein kühler Luftzug streicht um die Ohren, es riecht nach Regen. An zwei Stellen kann man den Grat verlassen, aber der Abstieg ist nicht einladend, und natürlich wollen wir auch nicht abbrechen. Wir haben Glück: Es fallen nur wenige Regentropfen. «Siehst du das Gipfelkreuz?», fragt Urs. Furchterregend steil türmen sich die Kalkfelsen, wenn der Blick frontal drauffällt, doch im Näherkommen weist sich immer ein erstaunlich einfacher Weg. Allerdings: Was wie eine zusammenhängende Wand aussah, fächert sich immer wieder auf zu einzelnen Nadeln. Wir klettern und kraxeln weiter, hoch und runter. Irgendwann sehnen wir das Ziel herbei.

Die Kante garantiert perfekten Griff

Das Highlight des Tages, das Rasoir, reckt sich wie eine Rasierklinge in den Himmel: teilweise nur einen Fuss breit, beiderseits mit senkrecht abfallenden Felsen, auf der Nordseite durch das Blätterdach rein psychologisch abgefedert. Doch die Kante bietet perfekten Griff, an einzelnen Zacken kann man mit Bandschlingen gut zwischensichern. So klettern wir die Klinge hinab – auch diese Passage wäre auf einem Weg zu umgehen. Schliesslich kommt das Finale: eine letzte Seillänge durch einen Kamin hoch zum Gipfelkreuz. «Es ist herrlich», ruft Urs, «das musst du noch einmal geniessen.»

Wie wir auf dem Gipfel, 1079 Meter über Meer, stehen, kämpft sich für ein paar Minuten die Sonne durch und bringt die Herbstfarben unter dem düsteren Wolkenhimmel zum Leuchten: ein perfekter Aussichtspunkt, in früheren Zeiten war hier ein Verteidigungsposten eingerichtet. Unschwer könnte der Gipfel auch über einen Wanderweg erreicht werden. Nur würde dann das Triumphgefühl fehlen. «Eine tolle Tour», bilanziert der Kletterkamerad nach fünf anstrengenden Stunden. Recht hat er.

Anreise: mit Zug nach Le Noirmont, via Biel und Tavannes oder via La Chaux-de-Fonds.

Hoteltipp: www.hotellachauxdabel.ch.

Allgemeine Infos: www.j3l.ch/de/Z10489/jura-tourismus.