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Risiko einer Corona-AnsteckungSuperspreader-Event im Bundeshaus? Politiker kritisieren Sondersession

GLP-Gründer Martin Bäumle bleibt zu Hause, ein CVP-Mann vergleicht die Sondersession des Parlaments mit bekannten Superspreader-Events. Heute hat in Bern der Ratsbetrieb begonnen.

An der Herbstsession nahm Martin Bäumle (l.) noch teil – mit Maske.
An der Herbstsession nahm Martin Bäumle (l.) noch teil – mit Maske.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Der ehemalige GLP-Präsident Martin Bäumle hat sich als «Excel-Politiker» einen Namen gemacht: Ob es um Listenverbindungen, Wählerpotenziale oder seinen täglichen Kalorienverbrauch geht – Bäumle führt Buch und kalkuliert.

Auch in der Coronakrise überlässt der studierte Atmosphärenwissenschafter das Rechnen nicht den Epidemiologen: «Ich traute den Berechnungen des Bundes nicht – und wollte für mich selber die Lage einschätzen können», sagt Bäumle zu «20 Minuten».

Also entwickelte er selber ein Modell, mit dem er berechnen können will, wie viele Infizierte sich in der Öffentlichkeit bewegen – bereits ansteckend, aber noch ohne Symptome. Sein Resultat: In einem vollen ICE-Wagen seien «rund 1,3 bis 1,6 Personen infiziert». Für die Sondersession, die am Donnerstag und Freitag im Bundeshaus stattfindet, rechnet er mit täglich acht bis elf Leuten, die «potenziell viral» sind.

Streik «aus Vernunft»

«Es sind ja nicht nur 200 Parlamentarier im Bundeshaus unterwegs, sondern auch noch Bundesangestellte und Gäste.» Für Bäumle ein zu grosses Risiko, er nimmt nicht an der Session teil. «Aus Vernunft», wie er sagt. «Es ist schlicht unverantwortlich, wenn Menschen aus der ganzen Schweiz mit dem ÖV anreisen und zusammen ins Restaurant gehen in einer Zeit, in der wir die Bewegungen möglichst auf Null drücken sollten.» Sollten sich viele Politiker anstecken, könnte das Parlament zudem allenfalls handlungsunfähig werden.

Auch andere Politiker fuhren mit einem mulmigen Gefühl nach Bern oder gar nicht. Am Tag vor Sessionsbeginn verglich der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt das Parlament auf Twitter mit bekannten Superspreader- oder Risikoveranstaltungen der letzten Tage. Nach dem Shoppingcenter-Jubiläum habe er sich an den Kopf gefasst, die Appenzeller-Hochzeit habe ihn wütend gemacht, die Schlagerkreuzfahrt schockiert, signalisierte er mit den jeweils passenden Emojis. Um dann zur Pointe zu kommen: «Morgen und übermorgen treffe ich mich mit meinen 199 Kollegen/-innen zur Sondersession. Moment mal…»

Auch er verzichtete nach einigem Überlegen auf eine Teilnahme an der Session. «Weil ich mit mehreren Personen aus Risikogruppen unter einem Dach lebe, kann ich es einfach diesen gegenüber nicht verantworten», begründet er den Entscheid.

E-Zigaretten und Geschäftsmieten

Der ehemalige Aargauer BDP-Nationalrat Bernhard Guhl meldete sich auf Twitter ebenfalls zu Wort: Keines der an der Sondersession behandelten Geschäfte sei wichtiger als die Volksgesundheit, findet er. Als Beispiel nennt er die Besteuerung von elektronischen Zigaretten, mit welcher sich der Nationalrat am Freitag befasst.

Zu den grösseren Vorlagen, die im Zuge der Sondersession behandelt werden, zählen die Dämpfung der Gesundheitskosten sowie die Regelung für Geschäftsmieten. «Keines der traktandierten Geschäfte kann nicht bis Ende November warten», sagt auch Bäumle. Über viele müsse ohnehin in der Wintersession nochmals debattiert werden.

(Lesen Sie auch: Darf ich jetzt noch ohne Maske joggen gehen? 19 Alltagssituationen im Check.)

150 Kommentare
    Peter Zindel

    Die Mietzinse für die vom ersten Lockdown betroffenen Unternehmer und Mieter sind nach wie vor nicht gestrichen worden. Anstatt eine zweite Welle zu verhindern hat man forciert, dass Diskotheken und Fussballstadien wiedereröffnet werden. Das Parlament hat während der letzten 6 Monaten nicht wirklich seine Arbeit erledigt. Wenn nun sämtliche Bundesparlamentarier in der Quarantäne landen sollten, dann wäre der sich daraus ergebende Schaden für die Gesellschaft im Allgemeinen nur begrenzt.