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Corona-Sonderweg in ItalienSüdtirol öffnet – und bringt Rom unter Druck

Vor allen anderen Regionen Italiens öffnet die autonome Provinz Südtirol das öffentliche Leben fast ganz – und zwar schnell. Das könnte einen Dominoeffekt auslösen.

Bozen aus der Seilbahn: Gibt es womöglich doch ein bisschen Tourismus in diesem Sommer?
Bozen aus der Seilbahn: Gibt es womöglich doch ein bisschen Tourismus in diesem Sommer?
Foto: Getty 

Die Südtiroler haben lange gedrängt. «Aber Rom hat uns nicht zugehört», sagt Landeshauptmann Arno Kompatscher. Nun gehen sie ihren eigenen Weg. Als erste Provinz Italiens fährt das autonome Südtirol, das Corona gut unter Kontrolle zu haben scheint, sofort fast das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder hoch und widersetzt sich damit der italienischen Zentralregierung, die erst ab dem 18. Mai einige weitere, vielleicht regional dosierte Lockerungen der Beschränkungen gestatten will.

Der «Südtiroler Sonderweg», wie man ihn nun nennt, wurde in einer Nachtsession im Landtag beschlossen, dem Parlament in Bozen. Abgestimmt wurde um 0.42 Uhr, mitten in der Nacht auf Freitag, es gab eben sehr viel zu besprechen. Am Ende stimmten 28 Landräte für das Landesgesetz 52/20, sechs enthielten sich der Stimme, nur einer votierte dagegen.

«Wir müssen dafür sorgen, dass wieder Zuversicht einkehrt.»

Arno Kompatscher, Landeshauptmann Südtirols

Die Zweidrittelmehrheit war also locker erreicht, und die braucht es, damit ein Gesetz nach seiner Veröffentlichung sofort in Kraft tritt. So viel Eile war schon lange nicht mehr. «Wir müssen dafür sorgen, dass wieder Zuversicht einkehrt», sagte Kompatscher, der das Land mit seiner Südtiroler Volkspartei im Bündnis mit der Lega regiert.

Das verabschiedete Papier umfasst 49 Seiten, es steht da alles drin: die Daten der Öffnungen und die Details aus den Sicherheitsprotokollen. Natürlich gelten die üblichen Massnahmen: Abstand von zwei Metern, Mitführen von Schutzmasken für den Fall, dass man anderen Menschen begegnen könnte, ein Verbot von Grossveranstaltungen und Ansammlungen. Und natürlich würde die Operation, die den einen zu weit und den anderen noch immer nicht weit genug geht, schnell abgebrochen, sollten die Infektionsfälle wieder stark zunehmen.

Bars, Bibliotheken, Beautysalons – alles geht auf

Als Erstes gehen alle Produktionsstätten auf: Industrie, Handel, Handwerk. Auch der Einzelhandel nimmt den Betrieb umgehend auf. Die Geschäfte dürfen zunächst jeweils bis 22 Uhr und zuweilen auch sonntags geöffnet haben, damit sie ein bisschen etwas von dem wettmachen können, was sie in den vergangenen zwei Monaten im Lock- und Shutdown verloren haben.

Am 11. Mai sollen dann auch die Restaurants und Bars, die Bibliotheken und Museen, die Coiffeure und Beautysalons in der Provinz öffnen. Für den 18. Mai ist vorgesehen, dass die Kindergärten und Primarschulen mit einem Notdienst beginnen. Wie der genau aussehen soll, muss die Landesregierung noch in einem separaten Beschluss definieren. Auch Kinderkrippen sollen dann unter strengen Auflagen wieder betrieben werden können.

Und wenn die Schweiz öffnet?

Ab dem 25. Mai sind die Hotels und Seilbahngesellschaften dran. Es sieht so aus, als mache sich Südtirol bereit für den Sommer, für den Urlaub in den Bergen. Vorderhand sind alle Grenzen geschlossen, die inneren wie die äusseren zu den Nachbarländern. Doch wie lange noch? Einigt man sich mit den Schweizern und den Österreichern, könnte die Saison vielleicht doch noch einigermassen gerettet werden. Zumal wenn dann auch die Deutschen kämen, die haben es auch nicht weit. Ein Silberstreifen für die Sehnsüchtigen und die Tourismusindustrie.

Für eine baldige Rückkehr zum Schengen-Abkommen plädierte nun auch Reinhold Messner, der Bergsteiger und Parade-Südtiroler schlechthin, für die Italiener genauso wie für die Ausländer. Der Ausfall für die Wirtschaft sei einfach «enorm», sagte er in einem Radiointerview. Seine Museen öffne er erst, wenn wieder etwas Tourismus möglich sei, sonst verliere er nur Geld.

Zwischen Präzedenzfall und Dominoeffekt

Gesetz 52/20 scheint so formuliert zu sein, dass es lediglich jene Bereiche betrifft, in denen die Südtiroler dank ihres Autonomiestatus exklusive Kompetenz haben. Universitäten und Mittelschulen sind also ausgenommen, Sportveranstaltungen auch. Die totale Bewegungsfreiheit mit Bahn, Bus und Auto beschränkt sich auf Südtirol und das administrativ verbrüderte Trentino. Ihre Region sollen aber auch die Südtiroler zunächst nicht verlassen dürfen, wie das die römische Zentralregierung verfügt hat.

Der «Sonderweg» passt ganz gut in die historisch belastete und ständig bewegte Beziehungskiste zwischen Bozen und Rom. Gut möglich, dass die Südtiroler mit ihrer Öffnung die Dynamik der «Phase zwei» im ganzen Land verändern werden. Vielleicht bringen sie damit einen Dominoeffekt zum Laufen, der dann bald nicht mehr zu stoppen ist. Auch andere Regionen lehnen sich auf gegen die zögerliche, auf Sicherheit ausgerichtete Linie von Premier Giuseppe Conte. Sie wurden bisher auch immer auf später vertröstet. Nun gibt es einen Präzedenzfall.

Enttäuscht von Rom: Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher.
Enttäuscht von Rom: Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher.
Foto: Alexander Hassenstein/Getty