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Debatte um PestizidinitiativeOhne Pestizide sinken die Erträge stark

Der Bauernverband und die Lebensmittelindustrie weisen in einem Gutachten auf die Gefahren der Pestizidinitiative hin. Der Selbstversorgungsgrad würde demnach um 20 Prozent zurückgehen.

Ohne Pestizide würde weniger Gemüse produziert: Das ist das Fazit einer Studie der Universität St. Gallen.
Ohne Pestizide würde weniger Gemüse produziert: Das ist das Fazit einer Studie der Universität St. Gallen.
Foto: Marc Dahinden

Die Pestizidinitiative verlangt ein Verbot von synthetischen Pestiziden in der Schweiz und ein Importverbot für Lebensmittel, die mit Pestiziden hergestellt wurden. Sie kommt zwar erst nächstes Jahr zur Abstimmung, darüber gestritten wird aber jetzt schon.

Der Bauernverband und verschiedene Verbände der Lebensmittelindustrie haben von Charles Gottlieb von der Uni St. Gallen ein Gutachten über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Initiative machen lassen. Dieses kommt zum Schluss, dass die Schweizer Landwirtschaft 30 Prozent weniger Nahrung herstellen würde. Der Anteil der hiesigen Bauern an der Schweizer Lebensmittelversorgung würde von heute 60 auf 42 Prozent sinken.

Der Grund für diesen Rückgang liege darin, dass in der biologischen Landwirtschaft weniger Erträge auf der gleichen Fläche anfallen als bei traditionellen Betrieben. Die Autoren haben diese Daten auf die Initiative übertragen, um die Auswirkungen auf die Erträge zu berechnen. «Es ist die bestmögliche Annahme», sagt Studienautor Charles Gottlieb. Er weist darauf hin, dass noch nirgends definiert ist, was synthetische Pestizide seien, welche die Initiative verbieten will. Aber in der Biolandwirtschaft seien sie untersagt.

Weniger Kartoffeln und Schweinefleisch

Der Ertragsunterschied ist gemäss Studie nicht bei allen Produkten gleich. Bei Kartoffeln oder Schweinen sei er erheblich, bei Getreide und Rindfleisch jedoch gering. In der biologischen Viehzucht braucht es mehr Grünlandflächen und die Betriebe haben 23 Prozent weniger Tiere pro Hektare, was die Produktion schmälern würde.

Wenn ohne Pestizide produziert werden müsste, würde sich zudem der Anbau bestimmter Lebensmittel nicht mehr lohnen. Gemäss der Studie würde die Initiative die Versorgung mit Zuckerrüben, Obst, Reben, Gemüse und Kartoffeln sowie Schweinefleisch stark erschweren. Kaum betroffen wäre die Milch- und Getreideproduktion.

Initiative bringt keine Biolandwirtschaft

Die Initianten schreiben auf Anfrage, dass ihre Initiative nicht eine Umstellung auf Biolandwirtschaft bedeuten würde. «Die Pestizidinitiative will nur einen Verzicht auf synthetische Pestizide», sagt Natalie Favre, Sprecherin des Initiativkomitees. Die biologische Landwirtschaft sei restriktiver als die Initiative und verbiete zusätzlich die Verwendung von synthetischen Düngemitteln und Antibiotika. Dabei hätten Düngemittel eine grosse Wirkung auf die Erträge. Diese blieben aber wie Antibiotika weiterhin erlaubt.

Die Studie sieht das anders: Die Initiative sehe ein Verbot aller synthetischen Pestizide vor, und gehe damit sogar über den Bio-Standard hinaus. Die Autoren verweisen auf die Botschaft des Bundesrates. Dieser schreibt, dass auch mikrobielle und enzymatische Synthesen von der Initiative betroffen seien. Und auch natürliche Stoffe würden synthetisch hergestellt, weil es sie zu selten gibt. Diese wären mit der Initiative verboten, zum Beispiel Pheromone. So gesehen, könnten die Ertragsausfälle sogar noch höher ausfallen.

«Der Ausfall liesse sich durch weniger Food-Waste kompensieren.»

Natalie Favre, Initiativkomitee

Auch die Initianten rechnen mit Ertragsausfällen. Eine Langzeitstudie des ihr nahestehenden Forschungsinstituts für biologischen Landbau geht von einem Ertragsrückgang von 20 Prozent aus. «Dieser Ausfall liesse sich problemlos kompensieren durch eine Verringerung des Food-Waste, der 30 Prozent der Gesamtproduktion ausmacht», sagt Favre.

Zudem gehe die Studie davon aus, dass sich die Landwirtschaft nicht verändern werde. «Die Studie übersieht die Verlagerung von der landwirtschaftlich genutzten Fläche auf mehr Produktion für den Menschen, die Entwicklung neuer landwirtschaftlicher Techniken, die Forschung, die Innovation und die Vermeidung von Abfällen», findet Favre. Die Studie sieht das anders: Da Bio-Betriebe im Durchschnitt fünfmal höhere Verluste aufweisen als konventionell arbeitende Höfe und diese Verluste durch mehr Direktzahlungen ausgeglichen werden, würde die Initiative die Rentabilität der Schweizer Landwirtschaft verschlechtern.

In einer nicht repräsentativen Befragung der Lebensmittelindustrie ortet die Studie zudem Zusatzkosten für die Unternehmen, um die Hygienestandards ohne Pestizide einzuhalten. Da der Import von mit synthetischen Pestiziden hergestellten Lebensmitteln verboten wäre, befürchten Unternehmen, die beispielsweise Kaffee oder Kakaobohnen verarbeiten, Nachteile. Das Importverbot könnte zudem bestehenden Freihandelsverträgen widersprechen.

121 Kommentare
    Loris H.

    Klar. Wir halten die Erträge hoch und vergiften im Gegenzug uns selbst und die Umwelt. Toll, nicht?