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Forschung zu Berührungen«Streicheln mit 3 Zentimetern pro Sekunde regt besonders an»

Berührungen beeinflussen unser Verhalten viel mehr, als wir meinen. Die Expertin Rebecca Böhme weiss, was es mit uns macht, wenn sie nun monatelang ausbleiben.

Eine freundliche Umarmung kann stressmindernd wirken, allerdings ist Körperkontakt mit Fremden derzeit tabu.
Eine freundliche Umarmung kann stressmindernd wirken, allerdings ist Körperkontakt mit Fremden derzeit tabu.
Foto: Reuters

Viele Menschen haben seit über zwei Monaten keinen Körperkontakt mehr. Treten Entzugserscheinungen auf, wenn man lange nicht berührt wird?

Ja, ich gehe stark davon aus. Wir können so viele positive Effekte von Berührungen nachweisen, dass ganz klar ist, dass ein Mangel an Körperkontakt negative Auswirkungen hat. Es gibt zwar keine Studien dazu, weil wir so etwas natürlich schlecht experimentell herausfinden können. Aber man weiss zum Beispiel aus Untersuchungen, dass Mäuse depressiv und Rhesusaffen schwer verhaltensgestört werden, wenn sie von ihren Artgenossen getrennt wurden. Oder dass Menschenbabys, die von ihrer Mutter im Arm gehalten wurden, auch noch Stunden später wärmer waren als Babys, die in beheizten Bettchen lagen.

Was können denn Berührungen bewirken?

Sie reduzieren unser gefühltes Stresslevel. Es werden verschiedene Hormone ausgeschüttet, die sich auf unser Wohlergehen auswirken, zum Beispiel Endorphine, also Glückshormone, und Oxytocin, eine Art Wohlfühlhormon, das auch als Bindungshormon bezeichnet wird. Wer unruhig und gestresst ist, profitiert enorm von Berührungen eines nahestehenden Menschen.

Rebecca Böhme ist interdisziplinäre Neurowissenschaftlerin und arbeitet als Assistenzprofessorin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden. Für ihre Doktorarbeit über Belohnungslernmechanismen erhielt die gebürtige Deutsche die Auszeichnung For Women in Science.
Rebecca Böhme ist interdisziplinäre Neurowissenschaftlerin und arbeitet als Assistenzprofessorin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden. Für ihre Doktorarbeit über Belohnungslernmechanismen erhielt die gebürtige Deutsche die Auszeichnung For Women in Science.
Foto: Thor Balkhed, Universität Linköping

Wenn man nun zwischendurch seinen Enkel oder einen guten Freund knuddeln würde: Lassen sich diese positiven Effekte speichern, um die Social-Distancing-Zeit besser durchzustehen?

Ja, zumindest für eine Weile könnten wir davon zehren. In einer interessanten Studie mussten sich Teilnehmende in eine stressvolle Situation begeben. Jene, die zuvor von einer nahestehenden Person umarmt wurden, hatten weniger Stresshormone im Blut. Das zeigt, dass ein liebevoller Körperkontakt eine vorbeugende Wirkung hat.

Kann auch eine flüchtige Berührung positive Effekte haben?

Nein, es muss schon eine gewisse Beziehung zwischen den beiden Menschen bestehen. Allerdings können uns selbst flüchtige Berührungen beeinflussen. Menschen verlassen zum Beispiel einen Laden schneller und bewerten Waren als weniger positiv, wenn sie beiläufig kurz berührt worden sind. Das hat damit zu tun, dass wir uns unwohl fühlen, wenn jemand den zwischenmenschlichen Abstand nicht einhält.

Spielt es eine Rolle, wer einen anfasst? Der körperliche Reiz ist ja derselbe.

Die positiven Gesundheitsaspekte sind umso grösser, je näher wir uns der Person fühlen, aber das heisst nicht, dass freundliche Berührungen einer neutralen Person nicht auch positive Effekte haben können. Sie aktivieren Gehirnregionen, die für die Verarbeitung von Belohnungsreizen zuständig sind, und lösen das Gefühl einer emotionalen Verbundenheit aus. Das kann die Beziehung zu jemandem verstärken oder positiv erscheinen lassen und sogar unser Verhalten beeinflussen. Wenn uns zum Beispiel ein Kellner beiläufig an der Schulter oder Hand berührt, lassen wir uns eher auf seine Empfehlungen ein und geben deutlich mehr Trinkgeld. Und zwar unabhängig davon, ob es sich bei der Bedienung um eine Frau oder einen Mann handelte.

Wurden die Coiffeurläden etwa auch deswegen so überrannt, als sie nach dem Lockdown als Erste wieder öffnen durften?

Bei manchen war das sicher so. Viele fühlen sich ihren Friseuren ja besonders verbunden und vertrauen ihnen auch private Dinge an, die man einem Menschen normalerweise nicht erzählt, den man nur alle paar Monate sieht. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass durch die vielen Berührungen beim Waschen, Schneiden, Färben und Föhnen verstärkt Bindungshormone ausgeschüttet werden.

Ist ein bestimmter Druck nötig, damit sich die positiven Effekte einstellen?

Wir wissen, dass ein gewisses Mass an Druck das Gefühl von Sicherheit vermitteln kann, aber es ist noch unklar, warum das so ist.

«Franzosen oder Italiener berühren sich deutlich häufiger als Briten. Finnen allerdings ebenso.»

Was ist mit Streicheln?

Da gibt es diesen spannenden Effekt, dass eine Geschwindigkeit von drei bis zehn Zentimetern pro Sekunde die Rezeptoren in der Haut besonders anregt und die Nervenzellen bei 32 Grad am stärksten auf Berührungen reagieren. Interessanterweise ist die Haut an den Fingerspitzen genau 32 Grad warm. Wenn wir die Wärme einer anderen Person spüren, fühlen wir uns ihr auch emotional näher. Es gibt eine Studie, in der die Teilnehmenden bestimmte Aufgaben erledigen sollten. Jene, die sich in einem wärmeren Raum befanden, verhielten sich sozialer als jene im kühleren Raum. Davon leitet sich die Theorie ab, dass sich Menschen in südlicheren Ländern auch zwischenmenschlich wärmer verhalten und einander deswegen häufiger berühren.

Und? Stimmt das?

Was die Häufigkeit von Berührungen im sozial engen Bereich angeht, unterscheiden sich die Kulturen kaum. Allerdings machen sich die kulturellen Unterschiede im öffentlichen Raum bemerkbar. Franzosen oder Italiener berühren sich zum Beispiel deutlich häufiger als Briten. Die Finnen allerdings ebenso, was wiederum der Theorie widerspricht, dass Menschen im Norden distanzierter seien. Dies gilt aber nur für den Durchschnitt einer grossen Menschenmenge. Für den Einzelnen sind die individuellen Charaktereigenschaften entscheidender, als wo man aufwächst.

Wie kann man die Zeit, bis Körperkontakt wieder erlaubt ist, am besten überbrücken?

Hunde oder Katzen, die eine Berührung auch mal zurückgeben und sich an einen kuscheln, können ein grossartiger Ersatz sein. Aber natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit für ein Haustier.

Was ist mit den Gewichtsdecken, die momentan so gefragt sind?

Sie üben einen Druck auf unseren Körper aus, insofern spiegeln sie einem Nähe zu anderen Menschen vor. Evolutionsbiologisch haben wir früher wahrscheinlich alle irgendwo in der Höhle geschlafen. Weil es kalt war, mussten wir uns enger aneinanderdrücken und fühlten uns zudem sicherer, wenn wir die Körper der anderen spürten. Schwere Decken können ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, beruhigend wirken und uns helfen, uns selbst besser zu spüren. Aber sie sind natürlich kein Ersatz für echten Körperkontakt.

Kann man sich an Berührungslosigkeit gewöhnen?

Ja, unser Gehirn und unser Körper können sich vielen Situationen anpassen, aber das heisst natürlich nicht, dass sie gut für uns sind. Wir müssen daher aufpassen, dass diese Distanziertheit nicht zu einer neuen Normalität führt und wir uns künftig sehr viel weniger berühren.

Viele wünschen sich aber, dass wir auf das Händeschütteln oder die Küsschen zur Begrüssung auch nach Corona verzichten. Haben wir zu verkrampften Umgang mit Körperkontakt?

Es ist ein sehr komplexes und kompliziertes Thema. Eine Berührung darf natürlich auf keinen Fall übergriffig sein, und manche Menschen werden einfach nicht so gerne berührt und empfinden solche Rituale als unangenehm. Man könnte die Chance nutzen, um gewisse Lockerungen einzuführen, dass wir uns zum Beispiel leicht verbeugen, statt uns die Hand zu geben oder uns zu küssen. Aber auf Berührungen sollten wir nicht komplett verzichten. Sie sind wichtig für den zwischenmenschlichen Umgang und entscheidend, um bestimmte Emotionen zu vermitteln.

Können Sie das erklären?

Wenn man Menschen entscheiden lässt, ob sie Gefühle mit Gestik, Mimik oder Berührung vermitteln wollen, zeigt sich, dass wir für jede Emotion einen bestimmten Kanal bevorzugen. Glücklichsein zum Beispiel lässt sich besonders gut über die Mimik vermitteln. Um hingegen Liebe und Mitgefühl auszudrücken, setzen wir bevorzugt auf Berührungen. Das erschwert die momentane Situation mit dem Social Distancing ja umso mehr. Und zwar für beide Seiten. Man kann andere weniger gut trösten, wenn man sie nicht anfassen kann, und es geht einem dabei auch selbst schlechter, weil man sich so passiv fühlt. Ich mag mir nicht ausdenken, wohin das führt, wenn ausgerechnet jener Kanal immer weniger bedient wird, über den wir Liebe und Mitgefühl vermitteln.