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Corona-PressekonferenzExtremer Anstieg bei Kurzarbeit in der Schweiz

Chefbeamte und Experten informieren über den neusten Stand in Sachen Coronavirus. Wir berichten laufend.

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Zahl der Coronavirus-Fälle ist in der Schweiz auf über 8000 gestiegen.
  • Der Kanton Tessin hat Betriebe stillgelegt. Der Bund sagt nun aber, die Unternehmen könnten sich dagegen wehren.
  • Das EDA spricht von der grössten Rückholaktion aller Zeiten für Schweizer Reisende.

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Zusammenfassung

Über 8000 Infizierte, 70 Tote: Das ist die Schweizer Bilanz zur Coronavirus-Epidemie am frühen Montagnachmittag. Auch die Wirtschaft leidet. Im März haben 21'000 Betriebe für 315'000 Arbeitnehmende ein Kurzarbeitsgesuch gestellt.

Damit sind 6,1 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz von Kurzarbeit betroffen. Dieser Anstieg sei «unvergleichlich» mit der Finanzkrise, sagte Boris Zürcher vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Montag vor den Bundeshausmedien. Damals sei die Spitze bei 5000 Betrieben und 92'000 Arbeitnehmenden erreicht worden.

Am meisten Gesuche - für mehr als jeden vierten Arbeitnehmenden - seien im Kanton Tessin gestellt worden. Überdurchschnittlich betroffen seien Betriebe in den Bereichen Kultur, Verkehr und Handel. Zürcher erwartet in den kommenden Wochen eine weitere Zunahme der Kurzarbeitsgesuche.

Kurzarbeit soll Arbeitsplätze sichern, Entlassungen verhindern und die Auszahlung der Löhne ermöglichen, wie Zürcher sagte. Unternehmen sollten sich rasch melden. «Kurzarbeitsentschädigung wird nicht rückwirkend erteilt.» Die Komplexität der Formulare für die Unternehmen sei drastisch reduziert worden.

Tessin ging zu weit

Neben den Löhnen belasten auch die Mieten die Unternehmen und Haushalte. Vermieter und Mieter treffen sich am Dienstag zu einem runden Tisch, um über mögliche Lösungen zu diskutieren, wenn Mieten nicht mehr bezahlt werden können. Das sagte Martin Tschirren, Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO).

Zu weit ist aus Sicht der Bundesbehörden der Kanton Tessin gegangen.Die Schliessung von Baustellen und Industriebetrieben gehe über die Reglungen des Bundes hinaus, erklärte Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamtes für Justiz. Betroffene Betriebe könnten sich gegen diese Schliessungen zur Wehr setzen.

Grosse Rückholaktion

Das Aussendepartement EDA hat derweil die grösste Rückholaktion aller Zeiten gestartet. Rund 15'000 Schweizerinnen und Schweizer sind nämlich nach wie vor im Ausland blockiert. Laut EDA-Krisenmanager Hans-Peter Lenz sind vor allem jene problematisch, die in abgelegenen Gebieten ausserhalb der Hauptstädte festsitzen.

Am Montag und Dienstag sind drei Rückholflüge geplant, die vom Bund mitfinanziert werden. Diese gehen nach Costa Rica, Kolumbien und Peru. Insgesamt 750 Personen sollen so zurückgeholt werden. Innerhalb der nächsten beiden Wochen sollen sämtliche Kontinente angeflogen werden, sagte Lenz. Zudem werde der Rhythmus der Flüge erhöht.

Zahl der Opfer steigt weiter

Trotz der teilweise drastischen Massnahmen der Behörden nehmen die Infektionen und Todesfälle vorerst ungebremst zu. Die Zahl der Toten ist bis am frühen Montagnachmittag auf 70 gestiegen, wie Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) sagte. Die Zahl der Infizierten betrug 8060 - 1046 mehr als 24 Stunden zuvor.

Die Kantone Tessin, Basel-Stadt und Waadt sind nach wie vor am stärksten betroffen. Die höchste Inzidenz (Fälle pro 100'000 Einwohner) hat laut aktualisiertem Situationsbericht zur epidemiologischen Lage der Kanton Tessin (326,9), gefolgt von den Kantonen Waadt (235,3) und Basel-Stadt (222,8).

Täglich würden rund 6000 Tests durchgeführt, sagte Koch. Dabei wird es vorläufig bleiben, für zusätzliche Tests fehlt das Material. «Der Nachschub ist nicht gesichert, deshalb müssen wir bei der jetzigen Strategie bleiben», sagte Koch. Einzelne Labors hätten bereits Mühe, genügend Testmaterial zu finden. Das sei vor allem dann problematisch, wenn man bestimmte Patienten unbedingt testen müsse.

Mit Handydaten Massnahmen prüfen

Wie sieht es mit der Erfassung von Handydaten aus? Man wolle nicht in Echtzeit Daten erfassen, so Daniel Koch vom BAG. Man wolle aus anonymisierten Daten Karten erstellen, um zu sehen, ob Massnahmen greifen würden. Die Abklärungen seien noch im Gang.

Missstände in der Armee?

Es gebe Hinweise, dass Leute bei der Armee die vorgeschriebenen Abstände nicht einhalten, so eine Journalistin. Zudem würde Seife fehlen. «Es gibt Tausende Seifen in der Armee», sagt Brigadier Raynald Droz. Es könne aber sein, dass auch mal keine Seife vorhanden ist. Man werde die Logistik verbessern. Ein Abbruch der RS oder des WK sei nicht vorgesehen. Trotzdem gibt er zu: «Die jungen Leute sind schon genug gestraft. Sie waren in den letzten Wochen im Einsatz.»

Wie steigen die Zahlen weiter?

Ein Journalist will wissen, ob die Kurve abflachen wird. Über die Kurve zu spekulieren, sei zu früh, sagt Daniel Koch vom BAG. Die Kurve müsste abflachen, wenn die Massnahmen greifen.

Der spezielle Fall Verbier

Die Frage wird gestellt, ob eine Abriegelung von Verbier rechtlich möglich ist. Der Kanton habe keine Kompetenz dafür, so Dumermuth vom Bundesamt für Justiz. Die Frage sei jeweils, ob allgemein oder im Einzelfall eine Massnahme ergriffen wird.

Daniel Koch vom BAG ergänzt: Man könne noch nicht sagen, wie der Entscheid zu Verbier aussehe. Man werde versuchen, mit der Gemeinde eine Lösung zu finden, von der die Gesundheit der Bevölkerung profitiere. Die Situation sei unklar.

Kein Zügelstopp

Vermieter und Mieter werden sich am Dienstag zu einem runden Tisch treffen, sagt Martin Tschirren vom Bundesamt für Wohnungswesen . Dabei entscheiden sie auch über allfällige Massnahmen, die nötig werden, wenn Mieten nicht mehr bezahlt werden können.

Umzüge sind in der Schweiz aber weiterhin möglich. Es gebe keinen Zügelstopp, solange es kein Ausgehverbot gebe, erklärte Tschirren, am Montag an einem Point de Press in Bern. Zügel- und Reinigungsunternehmen müssten aber die aktuellen Vorschriften punkto Hygiene und Abstand einhalten. Der 31. März ist vielerorts ein regulärer Zügeltermin.

Reisende: Bund startet grösste Rückholaktion aller Zeiten

Rund 15'000 Schweizerinnen und Schweizer sind nach wie vor im Ausland blockiert. Der Bund hat die grösste Rückholaktion der Geschichte gestartet.

Die Auslandsvertretungen und die Helpline versuchten, sich einen besseren Überblick über die Blockierten zu verschaffen, sagte EDA-Krisenmanager Hans-Peter Lenz am Montag vor den Bundeshausmedien. Allein übers Wochenende hätten sich 7500 Reisende bei der Travel Admin App registriert.

Die besondere Schwierigkeit ist, dass sich viele der blockierten Touristinnen und Touristen nicht in den Hauptstädten befinden. 120 Personen aus der Schweiz befänden sich zum Beispiel in der peruanischen Stadt Cusco, sagte Lenz. Weil die Strasse nach Lima gesperrt ist, muss ein Flug für sie organisiert werden.

Am Montag und Dienstag sind drei Rückholflüge geplant, die vom Bund mitfinanziert werden. Diese gehen nach Costa Rica, Kolumbien und Peru. Insgesamt 750 Personen sollen so zurückgeholt werden. Sie müssen sich nach ihrer Rückkehr einer zehntägigen Quarantäne unterziehen.

Innerhalb der nächsten beiden Wochen sollen sämtliche Kontinente angeflogen werden, sagte Lenz. Zudem werde der Rhythmus der Flüge erhöht. «Es dürfte die grösste Rückholaktion aller Zeiten sein», erklärte er.

Anstieg der Arbeitslosigkeit

Die Experten des Bundes rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 2,8 Prozent im Jahresdurchschnitt. Es sei auch möglich, dass die 3-Prozent-Marke überschritten wird, so Boris Zürcher. Das Ziel der Kurzarbeit sei, Entlassungen zu verhindern.

Kurzarbeitsgesuche für 315'000 Arbeitnehmende

Alleine im Monat März haben bisher 21'000 Betriebe für 315'000 Arbeitnehmende ein Kurzarbeitsgesuch gestellt. Der Anstieg sei «unvergleichlich» mit der Finanzkrise, sagt Boris Zürcher vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Damals sei die Spitze bei 5000 Betrieben und 92'000 Arbeitnehmenden erreicht worden. Aktuell seien Gesuche für 6,1 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz gestellt worden.

Am meisten Gesuche - für mehr als jeden vierten Arbeitnehmenden - seien im Kanton Tessin gestellt worden. Überdurchschnittlich betroffen seien Betriebe in den Bereichen Kultur, Verkehr und Handel. Zürcher erwartet in den kommenden Wochen eine weitere Zunahme der Kurzarbeitsgesuche.

Obwohl es derzeit zu Verzögerungen bei der Auszahlung kommen könne, sei der Fonds der Arbeitslosenversicherung jederzeit flüssig, sagte Zürcher. «Alle involvierten Stellen sind vorbereitet.»

Kurzarbeit soll Arbeitsplätze sichern, Entlassungen verhindern und die Auszahlung der Löhne ermöglichen, wie Zürcher sagte. Unternehmen sollten sich rasch melden. «Kurzarbeitsentschädigung wird nicht rückwirkend erteilt.» Die Komplexität der Formulare für die Unternehmen sei drastisch reduziert worden.

Tessiner Betriebe können sich gegen Schliessungen zur Wehr setzen

Die Bestimmungen im Kanton Tessin, Aktivitäten auf den Baustellen einzustellen und alle Industriebetriebe für mindestens die letzte Märzwoche zu schliessen, gehen über die Reglungen des Bundes hinaus, wie Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamtes für Justiz, am Montag erklärt.

Betroffene Betriebe könnten sich gegen diese Schliessungen zur Wehr setzen, erklärte Dumermuth an einem Point de Press am Montag in Bern. Für weitere Erläuterungen verwies Dumermuth auf die BAG-Website.

Ein Journalist stellt fest, dass die Baustellen im Tessin nun ja nicht mehr geschlossen sein müssten. Man sei im Gespräch mit dem Kanton, sagt Dumermuth. Es sei eine Frage des Vollzugs. Dafür sei der Kanton zuständig.

Wer darf nun was regeln?

Martin Dumermuth vom Bundesamt für Justiz geht auf die Situation im Tessin ein. Wenn in der Verordnung etwas nicht geregelt sei, könne das zwei Dinge bedeuten: Der Bund schweigt zu einem Thema oder er lässt den Kantonen einen Spielraum.

Testmaterial ist knapp

Täglich würden rund 6000 Tests durchgeführt, sagt Daniel Koch vom BAG. Dabei wird es vorläufig bleiben, für zusätzliche Tests fehlt das Material. «Der Nachschub ist nicht gesichert, deshalb müssen wir bei der jetzigen Strategie bleiben», so Koch. Einzelne Labors hätten bereits Mühe, genügend Testmaterial zu finden. Das sei vor allem dann problematisch, wenn man bestimmte Patienten unbedingt testen müsse.

Wer heute informiert

Um 14 Uhr beginnt die Pressekonferenz des Bundes zur aktuellen Lage. Mit dabei sind unter anderem Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit, Martin Dumermuth vom Bundesamt für Justiz und Boris Zürcher vom Seco.

Viele neue Fälle in der Schweiz

Die Zahl der Coronavirus-Erkrankungen in der Schweiz steigt weiter an: Am Montagmittag gab es 8060 bestätigte Fälle, das sind 1046 mehr als vor 24 Stunden, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitteilte. Am Tag zuvor waren es 901 neue Fälle, am Samstag waren es 1273.

Die Kantone Tessin, Basel-Stadt und Waadt sind nach wie vor am stärksten betroffen. Die höchste Inzidenz (Fälle pro 100'000 Einwohner) hat laut aktualisiertem Situationsbericht zur epidemiologischen Lage der Kanton Tessin (326,9), gefolgt von den Kantonen Waadt (235,3) und Basel-Stadt (222,8).

Weltweit waren bis am Montagmorgen mehr als 338'000 Ansteckungen gemeldet, davon sind mehr als 14'000 Menschen gestorben. Allein in Italien sind mehr als 59'000 Personen erkrankt und 5476 gestorben.

Zeigen die Massnahmen Wirkung?

Der Bund hat vor einer Woche die «ausserordentliche Lage» ausgerufen und alle nicht zum Bedarf des täglichen Lebens gehörenden Lokale und Geschäfte geschlossen. Der Bundesrat empfiehlt allen Bürgerinnen und Bürgern, zu Hause zu bleiben und nur in Ausnahmefällen nach draussen zu gehen. Damit verspricht er sich, die bisher exponentiell steigende Kurve der Neuinfektionen abzuflachen.

Vertreter des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements (EJPD), des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) und des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) informieren ab 14 Uhr zur aktuellen Lage.

Ärzte wollen Wintersportgebiet Verbier unter Quarantäne stellen

Die Ärzte von Verbier VS wollen den Ort und das ganze Val de Bagnes wegen dem Coronavirus unter Quarantäne stellen. Sie halten die Region für einen der grösseren Infektionsherde in der Schweiz. Der Kanton Wallis hat das BAG um eine Beurteilung der Situation ersucht.

Die Ärztin Sabine Popescu zieht wie bereits andere Kollegen aus Verbier und Umgebung die Alarmglocke, wie die Walliser Tageszeitung «Le Nouvelliste» am Montag berichtete. «Wir müssen die Region um jeden Preis von der Umwelt abkapseln, um das Wallis und die Schweiz zu schützen», sagte die Ärztin der Zeitung.

Laut Popescu hat es in Verbier und dem Tal zu viel «Kommen und Gehen», vor allem von Arbeitern. So könne die gesundheitliche Situation nicht stabilisiert werden.

Sie rechne damit, dass die Schwelle von 60 positiven Infektionsfällen bald überschritten werde. Dies sei aber nur die Spitze des Eisbergs, so die Ärztin. Um eine grössere gesundheitliche Krise zu vermeiden, möchten die ansässigen Ärzte und das Pflegepersonal, das Dorf und das ganze Val de Bagnes unter Quarantäne stellen. Der Unterwalliser Ort Verbier ist Teil des Wintersportgebietes 4 Vallées.

Die Behörden der Gemeinde Bagnes wollen abwarten, was der Kanton entscheidet. In der Zwischenzeit seien drastische Massnahmen ergriffen worden, um der Sorge der Ärzte Rechnung zu tragen, wie Eloi Rossier, Gemeindepräsident von Bagnes, sagte.

Seit Samstagmorgen würden keine örtlichen Busse mehr fahren. Ausserdem seien die Besitzer von Zweitwohnsitzen gebeten worden, ihre Häuser und Wohnungen nicht zu vermieten.

Die für die Gesundheit zuständige Walliser Regierungsrätin Esther Waeber-Kalbermatten (SP) liess die Ärzteschaft am Sonntag wissen, dass der Kanton keine Quarantäne über einen Ort oder eine Region verhängen kann. Diese Kompetenz habe nur der Bund.

Waeber-Kalbermatten hat das Dossier deshalb ans Bundesamt für Gesundheit (BAG) weiter geleitet. Dieses hat die Anfrage aus dem Wallis erhalten, wie das BAG der Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Montag bestätigte. Ein Entscheid stand noch aus.

Kurzarbeit und Schliessungen nehmen zu - Kontroverse im Tessin

Das Coronavirus lähmt die Schweiz zunehmend und greift auch stärker auf die Industrie über. Mit zunehmender Kadenz treffen Meldungen über Kurzarbeit oder gar Betriebsschliessungen ein. Für eine Kontroverse sorgt der Kanton Tessin mit der vorübergehenden Schliessung aller Industriebetriebe.

Die Zahl namhafter börsenkotierter Industriebetriebe, welche Kurzarbeit angekündigt oder bereits eingeführt haben, hat seit Donnerstag merklich zugenommen. Dazu gehören etwa der Automobilzulieferer Autoneum, die in der Komponentenfertigung und im Baubedarfshandel tätige SFS-Gruppe, der Westschweizer Verpackungsmaschinenhersteller Bobst oder der nicht an der Börse kotierte Flugzeugbauer Pilatus. Alleine bei Pilatus sind rund 1'000 Mitarbeiter davon betroffen.

Kurzarbeit haben aber auch Firmen wie der Flughafen Zürich, der damit die Liquidität sicherstellen will, und der Anbieter von Aussenwerbung APG angekündigt. Beim Baukonzern Implenia kommt es in der Schweiz, Deutschland, Frankreich sowie in Österreich zu Einschränkungen im Baustellenbetrieb. Teilweise werden die Baustellen unterbrochen, teilweise auch geschlossen.

Je nach Land wird Produktion ganz eingestellt

Je nach Anordnung der Behörden in den einzelnen Ländern müssen die Werke aber gleich ganz geschlossen werden. So hat etwa Autoneum nicht nur die Zeitmitarbeiter abgebaut und Kurzarbeit in der Schweiz und in einigen europäischen Ländern eingeführt. Darüber hinaus ist die vorübergehende Schliessung von Produktionen in den verschiedenen Regionen «analog zu jenen der Kunden» in Umsetzung.

Der Landmaschinen- und Anlagenhersteller Bucher Industries hat im wichtigen Absatzmarkt Frankreich bereits zwei Werke geschlossen und der Automobilzulieferer Feintool zieht Schliessungen in Betracht. Die Massnahmen der nationalen Gesundheitsbehörden würden bei Automobilherstellern in Europa und in den USA zu vorübergehenden Schliessungen der Werke führen, man sehe sich deshalb gezwungen «unter Umständen» diesen Schritt ebenfalls in Erwägung zu ziehen, hiess es dazu bei Feintool.

Und wenn die Firmen nicht über konkrete Massnahmen berichten, so warnen sie die Finanzgemeinde vor den negativen Auswirkungen der Krise auf das Ergebnis, wie etwa der Farbmetrikspezialist Datacolor. Die Folgen der Coronavirus-Pandemie würden Umsatz und Betriebsgewinn (EBIT) ungünstig beeinflussen, liess das Unternehmen ebenfalls bereits am Freitag wissen. Verkäufe und Auslieferungen seien weiterhin verzögert, obwohl das Werk in Suzhou/China nach der vorübergehenden Schliessung wieder zu 100 Prozent operativ sei.

Tessin prescht vor

Werden die Unternehmen nicht durch die einbrechende Nachfrage oder durch Beschlüsse der nationalen Regierungen gebremst, kommen in der Schweiz kantonale Vorgaben hinzu. So beschlossen die Tessiner Behörden, die Aktivitäten auf den Baustellen einzustellen sowie alle Industriebetriebe für mindestens die letzte Märzwoche zu schliessen.

Die Massnahmen des Tessin kamen in Industriekreisen indes nicht gut an. Der Dachverband der Schweizerischen Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie, Swissmem, bezeichnete das Vorgehen des Kantons als «Desavouierung des Bundesrates, welcher klar gesagt hat, dass die Industrie weiterarbeiten kann, wenn sämtliche Vorsichts- und Schutzmassnahmen des BAG eingehalten werden». Das sei «klar auch die Ansicht von Swissmem».

Ins gleiche Horn stiess der Schwesterverband Swissmechanic, der die Arbeitgeber der KMU in dieser Branche vertritt: Der Bundesrat habe klar gemacht, dass die Produktionsbetriebe nicht stillgelegt würden, sofern sie die Schutzmassnahmen des Bundes einhielten, hiess es dort in Richtung Tessin. Swissmechanic fordert die Produktionsbetriebe auf, «diesen Weisungen zwingend zu folgen» und damit Verantwortung zu übernehmen.

Müsste die Grosszahl der Produktionsbetriebe geschlossen werden, würde dies für unser Land und unsere Bevölkerung zum einen zusätzliche massive wirtschaftliche Probleme bringen, so Swissmechanic. Darüber hinaus brauche die Schweiz in der aktuellen Krisenlage Produktionsbetriebe, die funktionieren. Ohne produzierende Industrie würde die Versorgung der Bevölkerung zusammenbrechen und lebenswichtige sowie hygienerelevante Produkte und Geräte würden in den Spitälern und in den Haushalten fehlen.

Tessin legt Betriebe still, Gewerkschaft fordert Shutdown für Schweiz

Die Chefin der Gewerkschaft Unia fordert, die Wirtschaft in der Schweiz während der Coronakrise komplett stillzulegen. «Wir müssen jetzt herunterfahren», sagte Vania Alleva in einem am Montag publizierten Interview mit dem «Blick».


«Wir haben einen Vollzugsnotstand bei den Coronamassnahmen», sagt sie. Das Notstandsregime werde nicht umgesetzt, die Kontrollen der Kantone seien mangelhaft.

Das Tessin habe deshalb mit dem verhängten Wirtschafts-Shutdown alles richtig gemacht. «Der Schritt ist konsequent», sagt Alleva. Jeder Tag, an dem zugewartet werde, mache die Situation nur schlimmer. Die Beispiele Italien und New York zeigten, dass ein schnelles Handeln breit akzeptiert sei.

Auch bei den Tätigkeiten, die für die Gesellschaft unverzichtbar sind - Gesundheitswesen, Versorgung, Infrastruktur - müssten die Arbeitnehmenden besser geschützt werden, fordert Alleva. «Wir dürfen nicht riskieren, dass das Pflegepersonal oder die Menschen, die uns mit Lebensmitteln versorgen, ausfallen.»

Viele Gewerkschaftsmitglieder haben sich laut Alleva in den vergangenen Tagen gemeldet. «Weil sie Angst haben. Angst um ihre Existenz und Angst um ihre Gesundheit.»

Die vom Bundesrat versprochenen zig Milliarden würden nicht reichen, sagte Alleva. Es werde mehr Geld brauchen, «um Lohneinbussen zu kompensieren, und nach der Krise ein grosses Konjunkturprogramm, damit die Wirtschaft wieder durchstarten kann».

Die Schweiz könne das bezahlen. Für die Unia sei klar: «Der Schutz der Bevölkerung hat oberste Priorität. Und ja, das wird Geld kosten.»

Laut Alleva stehen die Arbeitgeber im Tessin, aber auch in den Kantonen Waadt und Genf hinter den Forderungen der Gewerkschaften. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, warnt dagegen vor den drastischen Folgen eines kompletten Stillstands. «Wir müssen funktionierende Wertschöpfungsketten erhalten», sagt er im «Blick».

Ein Shutdown hätte aus seiner Sicht «unabsehbare Folgen für die Versorgung des Landes». «Das wäre ein gefährliches Experiment für die Schweiz», sagt der oberste Arbeitgeber. «Der Schaden wäre riesig und würde die Ansteckungsgefahr kaum weiter reduzieren.»

Swissmechanic, der Arbeitgeberverband der KMU, fordert die Produktionsbetriebe stattdessen auf, die vom Bund verordneten Schutzmassnahmen des Bundes einzuhalten. «Die Gesundheits-, Hygiene- und Abstandsvorschriften müssten in den Betrieben strikt umgesetzt werden», heisst es in einer Mitteilung. Jeder Arbeitgeber sei aufgerufen, individuelle Prüfungen vorzunehmen.

Nur so könne verhindert werden, dass der Bundesrat die Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung verstärke und weitere einschneidende Einschränkungen beschliessen werde. «Müsste die Grosszahl der Produktionsbetriebe geschlossen werden, würde dies für unser Land und unsere Bevölkerung zusätzliche massive wirtschaftliche Probleme bringen.»

Beginn des Live Tickers

(SDA cpm)