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Staubfreie Wissenschaft

Rudolf Wachter, Professor am Seminar für Klassische Philologie, spricht an der Uni-Nacht über die Frage: «Warum gibt es eigentlich so viele verschiedene Sprachen?» Er will damit beim Publikum Interesse für sein Fach wecken.

Rudolf Wachter erforscht antike Graffiti oder Schreibfehler in griechischen und lateinischen Inschriften, und er hat auch schon mit detektivischem Spürsinn die Bedeutung eines griechischen Wortes aufgeklärt, das nur in einer einzigen Inschrift vorkommt und niemandem bekannt war.

Schreibfehler in Inschriften?Vor dem geistigen Auge tauchen die fleissig meisselnden Schreiberlinge aus «Asterix» auf, und man kann sich leicht vorstellen, wie ihnen nach einem langen Arbeitstag der eine oder andere Fehler unterläuft: «Viele Fehler geschahen damals wie heute aus reiner Müdigkeit und haben keine tiefere Bedeutung. Aber gewisse Abweichungen von der Standardorthografie können darauf hindeuten, dass der Schreiber statt der Hochsprache in seinen Dialekt gefallen ist oder dass die gesprochene Sprache sich von der geschriebenen Sprache entfernt hatte.»

Verschüttet.Und was sind Graffiti in der Antike? Junge Römer, die zu nachtschlafener Stunde mit dem Farbtopf unter der Toga aus dem Haus schleichen und beim Licht einer Fackel ihren Namen an die Wand des Kolosseums pinseln? Der Fachbegriff «Graffito» bezeichnet eine eingeritzte Inschrift, so Rudolf Wachter. Aber ansonsten bestehen zwischen den antiken Graffiti und heutigen Kritzeleien an Wänden, Schulbänken und Baumrinden frappierende Ähnlichkeiten: «Ich war hier», «X liebt Y», «Z ist blöd» sind Klassiker. Trotzdem scheint das Niveau der Sprüche über die Jahrtausende eher gesunken zu sein, pflegten doch die Römer ihren Gefühlen gerne in witzigen Hexametern Ausdruck zu verleihen. So vielfach zu lesen an den Wänden der vom Vesuv verschütteten Stadt Pompeji.

Die Menschen scheinen sich in den letzten 2000 Jahren also nicht fundamental verändert zu haben. Dass wir zu einem solchen Schluss kommen können, verdanken wir nicht zuletzt der Historischen Sprachwissenschaft. Dank ihr fallen ausser Gebrauch geratene Sprachen nicht der Vergessenheit anheim, und der Menschheit bleibt die Fähigkeit erhalten, alte und uralte Texte zu verstehen. Die neueren Sprachen hingegen erforscht die Historische Sprachwissenschaft in ihrer Entwicklung und Entstehung, und darum geht es auch bei der Frage «Warum gibt es verschiedene Sprachen?» Rudolf Wachter erläutert: «Die Menschen machen beim Sprechen immer Fehler oder, anders gesagt, sie führen kreative Neuerungen ein, fantasievolle Abweichungen vom Standard – und diese können mit der Zeit selbst zum Standard werden. Die Abweichungen können sich regional verstärken. Früher, als die Menschheit meist noch weniger mobil war, konnte geografische Isolation separate Entwicklungen begünstigen. Ein gutes Beispiel dafür ist der für uns weitgehend unverständliche Lötschentaler Dialekt.»

Verstanden. Kenntnisse in Latein, Griechisch und Indogermanisch scheinen also der Schlüssel zum Verständnis der europäischen Sprachen in ihrer dialektalen Vielfalt und ihrer historischen Entwicklung zu sein. Ist Latein auch der Schlüssel zur europäischen Kultur, zur Beherrschung moderner Sprachen, zum logischen Denken? «Selbstverständlich fördert Lateinlernen das logische Denken, das Gefühl für die Sprache», meint Wachter. Zwar gebe es auch andere Wege, unersetzbar aber sei ihre Kombination, wie sie beim Erlernen der lateinischen Sprache erreicht wird. Dazu kommt ein vertieftes Verständnis dafür, dass die westeuropäische Kultur in der griechisch-römischen Antike und im Christentum verwurzelt ist und die lateinische Sprache diese Kultur über Jahrhunderte geprägt hat. «Wer ohne Lateinkenntnisse ein sprach- oder kulturwissenschaftliches Fach studiert, hat keinen Zugang zu den Grundlagen und Primärquellen, und so ein Studium bleibt notwendigerweise an der Oberfläche», meint Wachter dazu.

Verschwunden.Trotzdem haben viele Fächer der Philosophisch-Historischen Fakultät das Lateinobligatorium abgeschafft. Fallengelassen wurden in den meisten Sprachfächern auch die sprachhistorischen Kurse und Prüfungen. «Mit dem Resultat», freut sich Wachter, «dass in meinen Vorlesungen zur Vergleichenden Europäischen Sprachgeschichte plötzlich 80 Studierende sitzen!» Ein Interesse an der historischen Dimension der Sprache ist bei den Studierenden also sehr wohl vorhanden, und es gibt immer mehr, die sich freiwillig für den Lateinkurs anmelden. Dieser wird heute – auch dank einem Projekt Rudolf Wachters – mithilfe eines internetgestützten Lehrgangs auf modernste Weise durchgeführt. Historische Sprachwissenschaft – verstaubt? Nie und nimmer!

«Warum gibt es so viele verschiedene Sprachen?» Vortrag, Kollegiengebäude 1. Stock, Hörsaal 117, 18–19 Uhr.

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