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Dramatischer Moment im 2. WeltkriegStatt zu schiessen, gab er ihnen Schokolade

Es klingt wie ein Weihnachtsmärchen, ist aber wahr: Ein ehemaliger US-Soldat findet nach 76 Jahren in Italien drei Überlebende des Weltkriegs, die er einst beinahe erschossen hätte.

Martin Adler, Ende September oder Anfang Oktober 1944 mit Mafalda, Giuliana und Bruno Naldi in Monterenzio.
Martin Adler, Ende September oder Anfang Oktober 1944 mit Mafalda, Giuliana und Bruno Naldi in Monterenzio.
Foto: Privat

76 Jahre später wird er in sozialen Medien schreiben: «Es war der schönste Moment in jener Hölle, die man Krieg nennt.»

An einem Herbsttag des Jahres 1944 betritt der damals zwanzigjährige US-Soldat Martin Adler Monterenzio, ein Dorf im Apennin. Kurz zuvor sind die Nazis geflohen, aber Adler und ein anderer Soldat befürchten, zurückgebliebene deutsche Soldaten könnten sie aus dem Hinterhalt angreifen.

Nervös, mit dem Finger am Abzug, betreten sie ein Haus. Aus einem grossen Korb dringen Geräusche, Adler zielt, als plötzlich eine Frau auf ihn zustürzt. «Bambini! Bambini!» schreit sie. Aus dem Korb kraxeln zwei kleine Mädchen und ein Junge.

Adlers neue Mission

«Hätte ich geschossen, ich hätte es mir mein Leben lang nicht verziehen», sagt Adler heute in amerikanischen Medien. Er gibt den Kindern Schokolade und bittet ihre Mutter um ein gemeinsames Foto mit ihnen. Sie willigt ein, aber erst, nachdem die Kleinen ihre besten Kleider angezogen haben.

Vor einigen Tagen schrieb die italienische Zeitung «La Repubblica», Adler habe sich beim Betrachten jener Fotografie einer neuen Mission verschrieben: Er wolle wissen, ob die drei Kinder von damals noch lebten. Und falls ja, würde er sie gerne wiedersehen. «Es wäre ein Weihnachtsmärchen», sagte er laut «Repubblica». Der Sohn ungarischer Juden, der in der Bronx aufgewachsen ist, lebt in Florida. Er ist trotz seiner 96 Jahre bei guter Gesundheit. Die Hälfte seiner Familie ist in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden.

Martin Adler: «Mein Herz explodierte vor Freude.»
Martin Adler: «Mein Herz explodierte vor Freude.»
Foto: Privat

Was die Suche nach den drei Kindern aus dem Korb erschwerte, war, dass sich Adler nicht mehr an den Namen des Dorfes erinnern konnte. Irgendwo im Apennin, im Grenzgebiet zwischen den Regionen Toskana und Emilia-Romagna, so viel wusste er noch. Seine Tochter half ihm, auf sozialen Medien einen Aufruf zu verbreiten.

Ausserdem veröffentlichte der italienische Schriftsteller Matteo Incerti, Verfasser mehrerer historischer Romane, Adlers Suche auf Facebook und erkundigte sich bei Bekannten, Vereinen und Bürgermeistern in den Ortschaften und Tälern, die infrage kamen.

Coronavirus verhindert Treffen

«Mein Herz explodierte vor Freude», erinnert sich Adler an den Moment, als ihn Incerti anrief und ihm mitteilte: Die drei sind gefunden. Sie heissen Mafalda, Giuliana und Bruno Naldi und leben alle im Städtchen Castel San Pietro Terme in der Nähe von Bologna. Trotz ihres Alters zwischen Ende 70 und Mitte 80 sind auch sie bei guter Gesundheit.

Dass Adler die drei Überlebenden persönlich trifft, verhindert im Moment das Coronavirus. «Ciao, Bruno, Giuliana, Mafalda. How are you?» sagt er stattdessen über Video. Die Geschwister Naldi begrüssen ihn gemeinsam in einem Park, beim Hantieren mit dem Handy und der Bedienung der Videosoftware helfen ihnen Verwandte.

«Sie beginnt zu weinen», schildert eine Stimme aus dem Hintergrund die Reaktion einer der Naldi-Schwestern – vielleicht, weil sie eine Maske trägt und es der Gesprächspartner jenseits der Atlantiks übersehen könnte.

Eine der beiden Frauen erzählt, ihre Tochter habe übers Fernsehen von der Suche des US-Soldaten erfahren. Sie habe ganz aufgeregt angerufen und gefragt: «Mama, bist das nicht du auf diesem Foto?» Bruno Naldi sagt, er erinnere sich an die Amerikaner, an ihre Uniformen, Waffen und Militärzelte. Aber nicht konkret an den Soldaten, der ihnen Schokolade verteilte, nachdem er sie beinahe erschossen hätte.

Wenn die Pandemie vorüber ist, will Martin Adler nach Italien reisen. Einstweilen wünschen ihm die drei Kinder nach fast acht Jahrzehnten schöne Weihnachten.

39 Kommentare
    Armando

    Nach den ersten fünf Kommentaren bzw. bis L. Mo‘s Kommentar bin ich mit lesen gekommen, vielen Dank den VerfasserInnen.

    Also was fogt, spiegelt nur den Menschen an sich. Von de Damen und Herrendie nach diesen Ereignissen geboren sind, kann niemand solche Erlebnisse auch nur im geringsten nach vollziehen! Vom hören sagen geht eben nicht! Um für sich eine so eine einschneidende Sequenz seines Lebens aufzuarbeiten braucht es schon ziemlich viel Mut, da in der Phase des Aufbereitens mit Sicherheit nicht nur die sehr guten Sachen wieder hoch kommen!

    Ich für meinen Teil finde es einen sehr guten Weg um solche Kriegstrauma für sich aufzuarbeiten.

    Wird es nicht gemacht?! - Siehe die tausenden Kriegsversehten aus Vietnam- oder Irankrieg an denen die USA immer noch „kaut“ und nichts dabei gelernt hat!