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GastbeitragStärkung und Anerkennung

Replik auf Nick Joyce’ Meinungsartikel «Gemeinsam schwimmen oder alleine untergehen» vom 11. November 2020

Die Kundgebung «Kulturschweigen» machte sichtbar, dass viele Kulturschaffende vor einer ungewissen Zukunft stehen.
Die Kundgebung «Kulturschweigen» machte sichtbar, dass viele Kulturschaffende vor einer ungewissen Zukunft stehen.
Foto: Simon Bordier

In seinem Meinungsartikel macht Nick Joyce genau das, was er in seinem Text den Musikschaffenden vorwirft: Er untergräbt die gegenseitige Solidarität und zieht daraus gleich noch auf äusserst kreative Weise den nicht nachvollziehbaren Schluss, dass die Musikschaffenden ohne RFV einen besseren Stand hätten. Das ist so schade wie falsch.

Hoher Wert für die Bevölkerung

Die freien Kulturschaffenden traf schon die «erste Welle» der Pandemie brutal. Ihre Arbeit bedingt neben eines besonderen Talents einen immensen persönlichen, idealistischen Einsatz – im Gegensatz zu anderen Berufen erhalten sie aber im Gegenzug nicht die nötige Absicherung dafür.

Ein «schwieriges Jahr» ist für freie Kulturschaffende eine akute Existenzgefährdung – die Pandemie ist viel mehr als nur das. Schon die erste Welle hat zudem gezeigt, wie wichtig das Kulturangebot auch für die Zufriedenheit und damit für die Gesundheit der Bevölkerung ist. Es fehlte etwas Zentrales. Die zweite Welle fällt nun in die dunkle Jahreszeit, umso wichtiger wäre ein Ausgleich für die Menschen in der belastenden und anstrengenden Zeit. Und was wird nach der Pandemie? Wenn Kulturschaffende aufgeben müssen und Kulturbetriebe schliessen, werden auch die nächsten Winter düster.

Sichtbarkeit

Die Kundgebung «Kulturschweigen», über die die BaZ berichtet hat, machte sichtbar, dass enorm viele Kulturschaffende vor der absoluten Ungewissheit stehen und dass gleichzeitig gähnende Leere im Kulturangebot einzieht. Im Kommentar von BaZ-Autor Nick Joyce steht zwar, dass am 10. November eine eindrücklich lange Menschenkette die akute Notlage sichtbar machte, der Journalist spricht den offenbar mehrheitlich aus der E-Musik stammenden Kulturschaffenden aber die Legitimation ab, dies auch im Sinne weiterer Sparten getan zu haben.

Wieso das? Es gibt keinen Anhaltspunkt, der das bestätigt. Freischaffende Künstler*innen aller Sparten sind brutal unter Druck. Kulturschaffende sollten sich in dieser Zeit also gegenseitig den Rücken stärken, für Gefühle der Ausgeschlossenheit oder gar des Neids ist die falsche Zeit. Alle kämpfen gleichermassen mit der Situation. «Kulturstadt Jetzt» als Komitee, das in der «U-»Musikszene verankert ist, hat solidarisch zur Teilnahme an #Kulturschweigen aufgerufen. Auch uns stört – wie den Autoren – die allgemein mangelhafte Sichtbarkeit der Musikschaffenden aus Pop, Rock, HipHop, Jazz und anderen Sparten. Deshalb wollen wir ihnen mit der «Trinkgeldinitiative» zumindest einmal einen fixen Platz im kantonalen Kulturbudget garantieren. Dafür braucht es nur noch ein Ja am 29. November!

Szenenvertretung

Den Beitrag, den die Kulturschaffenden – egal in welcher Sparte – für die Lebensqualität in Basel leisten, ist von unschätzbarem Wert. Geradezu abenteuerlich ist der gedankliche Salto des Journalisten, den RFV als Teil des Problems bei der bemängelten Koordination untereinander auszumachen. Der RFV ist nicht nur unverzichtbar in der Förderung der Popmusik, sondern funktioniert auch als Musiknetzwerk und hat einen wichtigen Beitrag zu der im Artikel erwähnten Professionalisierung der Szene geleistet. Der Verein ist aktiv daran, seine Rolle zu überprüfen und hat in den letzten Jahren schon etliche Angebote erneuert.

Gerade in der Pandemie hat der RFV ganz selbstverständlich und ohne es an die grosse Glocke zu hängen unverzichtbare Arbeit für Agenturen, Kulturbetriebe und Kulturschaffende geleistet. Der RFV war Anlaufstelle für Fragen zu den ständig ändernden Bestimmungen, hat unermüdlich dafür gekämpft, dass die Bedürfnisse der freien Musikszene in den hektischen Verhandlungen nicht zwischen die Stühle fallen – und ganz nebenbei hat der RFV wesentlich dazu beigetragen, dass die zahlreichen Gesuche für Ausfallentschädigungen möglichst rasch behandelt werden konnten.

Solidarität stärken

Gleichzeitig hat der Verein einen internen Erneuerungsprozess aufgegleist und diesen an der Jahresversammlung präsentiert. Und damit nicht genug: Auch die Ausschüttung der Fördergelder findet trotz der erschwerten Bedingungen statt. Es ist schwer nachvollziehbar, wieso der Autor ausgerechnet dieser Institution nun die Schuld in die Schuhe schieben will.

Einig sind wir mit der Aussage, dass Basel zu klein sei, als dass sich die hier ansässigen Musikschaffenden ignorieren sollten. Wir sitzen alle im gleichen Boot – nicht nur «E-» und
«U-»Musikschaffende
, sondern die Kulturschaffenden aller Sparten. Die Solidarität untereinander gilt es weiter zu stärken. Dafür braucht es die Sichtbarkeit.

Marcel Colomb, Musiker, Kulturstadt Jetzt
Jennifer Jans, Musikerin und Kulturvermittlerin