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Mobiler ServiceSprachvermittlung in der Ferne und doch ganz nah

Mit dem Sprachmobil überbrücken Billy Meyer und seine freiwilligen Helfer eine Angebotslücke, indem sie Geflüchteten in entfernten Dörfern der Region Sprachunterricht anbieten. Seit der Corona-Krise sieht nun alles etwas anders aus.

Wegen Corona kann Billy Meyer (stehend) sein Sprachmobil derzeit nicht nutzen. Für seinen aufsuchenden Sprachunterricht weicht er derzeit auf genügend grosse Räume aus.
Wegen Corona kann Billy Meyer (stehend) sein Sprachmobil derzeit nicht nutzen. Für seinen aufsuchenden Sprachunterricht weicht er derzeit auf genügend grosse Räume aus.
Foto: Dominik Plüss (Tamedia AG)

Billy Meyer nimmt vor dem Gemeindehaus in Pfeffingen Adel in Empfang. Der Syrer ist heute zum ersten Mal dabei, und Meyer baut mit ihm sogleich eine erste Sprachbegegnung auf, wie er dies nennt. Dass er heute nicht mit seinem Sprachmobil gekommen ist, hat mit den Abstandsregeln zu tun, die einen Unterricht auf engem Raum verunmöglichen. Nachdem Meyer erfahren hatte, dass es Menschen gab, die aufgrund ihres ländlichen Wohnorts keinen Zugang zu Sprachunterricht hatten, war für ihn klar, dass es hier eine Lösung brauchte.

Die Idee eines mobilen Sprachservices für Geflüchtete war geboren. 2018 lancierte er auf der Plattform Lokalhelden einen Spendenaufruf und prompt plätscherten 14‘000 Franken in die Kasse. Also konnte das Spezialfahrzeug bestellt werden, das als fahrbares Schulzimmer dienen sollte.

Rasch fanden sich Freiwillige, die sich für das Unterrichten zur Verfügung stellten. Mit diesem Projekt wolle er geflüchtete Menschen willkommen heissen und ihre Integration fördern. «Für viele ist das Sprachmobil die einzige Möglichkeit, um Deutsch zu sprechen», sagt der ehemalige Journalist, Coach und Mediator.

Viele Dörfer abgeklappert

In Genuss dieses Sprachservices sollten zunächst einige ausgewählte Gemeinden der Nordwestschweiz kommen. Meyer: «Während einer Woche tingelte ich von Dorf zu Dorf, um unser Projekt vorzustellen. Anschliessend hatten wir vom ersten Moment an Besucher.» Das Konzept sah vor, zweimal pro Woche am gleichen Ort zu sein, was jedoch nicht immer gelingt. Und dann kam Corona. Weil das Sprachmobil zu klein ist, musste es bis auf weiteres eingemottet werden. Meyer disponierte jedoch innerhalb weniger Tage um und stellte einen digitalen Sprachunterricht auf die Beine.

Nach dem Lockdown organisierte er in verschiedenen Gemeindehäusern Sitzungszimmer, in denen die Abstandsregeln eingehalten werden können. Gleichzeitig läuft der Onlineunterricht weiter. «Mit den digitalen Sprachbegegnungen profitieren unsere Besucher enorm, weil sie oft eins-zu-eins sind.» Die Nachfrage ist gross, bis jetzt gab es rund 960 Lernbegegnungen mit über 2300 Besuchern. Mittlerweile hat sich das Angebot herumgesprochen, oft schicken auch Asylunterkünfte Leute zu Meyer und seinem Team. «Uns ist ganz wichtig, dass wir damit keine bestehenden Angebote konkurrieren. Zu uns sollen Menschen kommen, die sich keinen Sprachkurs leisten könnten. Auch wollen wir nicht, dass die Gemeinden mit uns sparen. Das sind drei unserer Grundprinzipien.»

Bereitwillige Unterstützung

Insgesamt elf Freiwillige stemmen den Unterricht und erhalten im Gegenzug Wertschätzung und Weiterbildung. Der Fokus liege im Unterricht bei der Sprache, dem Alltag und der Selbstwirksamkeit, so Meyer. Wenn das Niveau zu unterschiedlich ist, arbeiten zwei Sprachvermittler in parallelen Gruppen. Die Unterrichtsgestaltung ist den Freiwilligen selbst überlassen. Nach jeder Stunde verfassen sie ein Kurzprotokoll und legen es auf einem für die anderen Unterrichtspersonen zugänglichen Cloud-Account ab. Dort befinden sich zudem viele Dokumente mit Ideen für die Unterrichtsgestaltung.

Für die Zukunft wünscht sich Meyer eine Erweiterung des Fuhrparks, damit die Freiwilligen mit mehreren Autos unterwegs sein können. Um all das finanzieren zu können sammelt er regelmässig Spenden von Privatpersonen und Stiftungen – dabei kommt ihm sein grosses Netzwerk zugute. «Das Projekt ist so innovativ, dass es gern unterstützt wird.»

«Zu uns sollen Menschen kommen, die sich keinen Sprachkurs leisten könnten.»

Billy Meyer, Initiator Sprachmobil

Mittlerweile ist auch Funmi mit ihrer achtjährigen Tochter Jumny eingetroffen. Seit anderthalb Jahren lebt die Nigerianerin mit ihrer Familie im Baselbiet und lernt seit Januar mithilfe des Sprachmobils Deutsch. Am Vormittag hatte sie eine digitale Lernbegegnung, nun besucht sie den Präsenzunterricht. «So lerne ich schnell. Ausserdem ist es gratis, und sie kommen zu uns ins Dorf – das ist sehr gut», sagt sie begeistert, während sie die Treppe zum Sitzungszimmer hochsteigt. «Setzt euch bitte mit etwas Abstand hin», bittet Meyer die beiden. «Wir wollen ja ein Vorbild sein mit den Abstandsregeln. Wisst ihr, was ein Vorbild ist?» Meyer spricht das Wort langsam und deutlich aus. Betroffenheit macht sich breit. Funmi zeichnet mit den Fingern einen Rahmen und deutet auf die Wand «ein Bild?», fragt sie. Die Anwesenden kommen nach einigem Raten nicht darauf, sodass Meyer sich für eine englische Erklärung entscheidet. Der Unterricht nimmt seinen Lauf. Es wird viel gelacht, die Geflüchteten lernen auf spielerische Art und bauen so ihre Ängste vor der fremden Sprache ab.