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Zweiter Versuch nach dem Chaos

Im Oktober war die Baselbieterin Nur Kars mit grossen Ambitionen nach Chile an die U-21-WM gereist, durfte das Hotelzimmer aber nicht verlassen.

«Sobald der Kampf beginnt, vergesse ich alles, was um mich herum passiert», sagt Nur Kars. Foto: Nicole Pont
«Sobald der Kampf beginnt, vergesse ich alles, was um mich herum passiert», sagt Nur Kars. Foto: Nicole Pont

Nur Kars streicht sich durch die Haare und zögert kurz, ehe sie antwortet: «Das war schon richtig schlimm.» Dann erzählt sie von einer Menschenmasse, von Blut, Lärm und einem grossen Car, mit dem sie letztlich zum Flughafen fliehen konnte. «Lange sassen wir im Hotelzimmer fest. Durch die Fenster beobachteten wir, wie sich die Situation draussen immer mehr zuspitzte», erzählt die 19-jährige Baselbieterin. «Alles hat gebrannt.»

Dabei sollte Kars ja eigentlich um Medaillen kämpfen. Das Karate-Talent des BSC Liestal war im Oktober mit grossen Ambitionen nach Chile gereist. Dank ihren starken Auftritten an diversen internationalen Turnieren hatte sie sich erstmals für die U-21-WM qualifiziert. Doch die Halle, in der sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzen wollte, sollte sie nie von innen sehen. Zwei Tage lang bereitete sie sich im Hotel in Santiago auf den Wettkampf vor, trainierte mit ihrem Coach in einem kleinen Zimmer, ehe plötzlich Proteste direkt vor ihrer Unterkunft ausbrachen. Demonstrationen gegen die soziale Ungleichheit im Land, die mehrere Todesopfer und Tausende Verhaftungen zur Folge hatten. Und mittendrin Nur Kars.

Favoritin trotz Verletzung

«Der Schweizer Verband hat rasch entschieden, dass wir nicht am Wettkampf teilnehmen und abreisen werden», erzählt sie. «Sicherheit geht vor.» Und so flog Kars nur drei Tage nach ihrer Ankunft die 12'000 Kilometer unverrichteter Dinge wieder zurück in die Schweiz. «Das war schon bitter. Aber der Entscheid war sicher richtig.»

Am Sonntag erhält Kars die nächste Gelegenheit, sich im internationalen Schaufenster zu präsentieren. In Budapest steht die U-21-EM an – und Kars gehört zu den Favoritinnen auf eine Medaille. Die Form stimmt, das letzte Vorbereitungsturnier im österreichischen Hard konnte sie vor zwei Wochen für sich entscheiden. Auch Proteste sind in Ungarn keine zu erwarten, dafür schlägt sich Kars mit einem anderen Problem herum: ihrer Hand.

An den Schweizer Meisterschaften im vergangenen Jahr hatte sie sich diese gebrochen. «Ich hatte meine Emotionen nicht im Griff. Und dann werden meine Bewegungen unkontrolliert», analysiert Kars. Nur eine Woche später erschien sie wieder zum Training, was bei ihrem Arzt auf wenig Begeisterung stiess. Noch immer müsste sie sich zurückhalten, die Hand schonen. «Aber an der EM klappt das schon», sagt sie. «Schmerzen habe ich praktisch keine mehr. Und in einem Wettkampf spüre ich sie dank dem Adrenalin sowieso nicht.» Ein Verzicht auf die EM war für Kars keine Option.

Auf den Spuren des Vaters

Kars Vater hatte in der Türkei direkt neben einem Dojo – einem Trainingsraum für die japanischen Kampfkünste – gewohnt und war selbst ein Karateka. Als seine Tochter in der Schweiz sechs Jahre alt war, schickte er sie ebenfalls zum Karate. «Ich sollte lernen, mich selbst zu verteidigen», erklärt Nur Kars. Sie interessierte sich vor allem für Kumite, für den direkten Kampf zwischen zwei Sportlern. Beim Kata, dem Schattenkampf, in dem ohne Gegner Figuren gezeigt werden, kam die Action zu kurz. Und bald war klar: Kars hat Talent.

2015 gewann sie zum ersten Mal Gold an einer Schweizer Junioren-Meisterschaft, seither hat sie in ihrer Kategorie national keine Gegnerin mehr. Es folgten erste Erfolge bei internationalen Anlässen und eine Intensivierung des Trainings. Auf bis zu 15 Stunden pro Woche kommt sie inzwischen, trainiert mit dem Nationalteam und schiebt Krafteinheiten ein. Bauch, Rücken, Arme – beim Karate wird der ganze Körper beansprucht.

Hohe Ziele

Um dieses Programm zu bewältigen, musste sie ihre Ausbildung anpassen. Mit Karate lässt sich in der Schweiz kein Geld verdienen. Also brauchte sie eine Möglichkeit, neben dem Sport ihre berufliche Laufbahn voranzutreiben – und fand sie in der Sport-Lehre. In Liestal absolviert sie derzeit eine KV-Ausbildung, in der ihr zusätzliche Zeit für Trainings zur Verfügung steht. Nur so hat sie eine Chance, ihre Ziele zu erreichen – denn diese sind hoch. Bereits Ende März wird Kars erstmals an einer Elite-EM antreten. «Und danach will ich mich für die WM qualifizieren.»

In der Gegenwart aber steht ihr nun zunächst der erste Einsatz an einer Nachwuchs-EM bevor. Nervosität verspüre sie noch keine, die komme erst in der Halle. «Aber sobald der Kampf beginnt, vergesse ich sowieso alles, was um mich herum passiert.» Angst kenne sie dann keine mehr. Sie liebt das Risiko und den Nervenkitzel. Nur auf brennende Strassen kann sie dieses Mal gut verzichten.

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