Zum Hauptinhalt springen

«Wir brauchen keine Hanteln»

Philipp Geisenhoff erzählt, was Amateure beim Klettern immer falsch machen und was einem Athleten in der Wand durch den Kopf geht.

Philipp Geisenhoff zeigt eindrücklich, wie einfach es ist, an der Kletterwand nach oben zu kommen.
Philipp Geisenhoff zeigt eindrücklich, wie einfach es ist, an der Kletterwand nach oben zu kommen.
Nicole Pont

Philipp Geisenhoff, was ist ein guter Kletterer: Artist, Ausdauerathlet oder Kraftsportler?

Er muss alles sein. Die Kraft ist sicher entscheidend, doch beim Seilklettern zum Beispiel muss man auch eine gute Ausdauer haben. Die richtig schwierigen Routen fühlen sich in dieser Disziplin wie Marathons an, oben angekommen brennen die Muskeln. Ausserdem muss man kreativ sein. Man muss die Lösungen finden in der Wand, die anderen verborgen bleiben.

Kann jeder ein guter Kletterer werden oder braucht es Talent, körperliche Voraussetzungen?

Grundsätzlich kann jeder Mensch klettern, der Arme und Beine hat. Aber das Körpergewicht darf man schon nicht vernachlässigen. Jemand der 1,50 gross ist und 100 Kilo wiegt, kann nicht erfolgreich sein, da das Verhältnis Kraft zu Körpermasse entscheidend ist. Wer keine Klimmzüge schafft, ist chancenlos.

Was unterscheidet einen guten Kletterer von einem Weltklasse-Kletterer?

Beide sind technisch stark. Was am Schluss den Unterschied ausmacht, ist oft die Fingerkraft. Eine beinahe glatte Wand kann für einen Hobbykletterer unmöglich sein, ein Profi jedoch sieht auch dort Möglichkeiten, sich zu halten.

Was machen Anfänger immer falsch?

Sie verlagern das Gewicht oft falsch, stehen zum Beispiel auf dem linken Bein und halten sich mit der linken Hand fest, woraufhin es den Körper verdreht. Vielmals sehe ich auch, dass Amateure den Unterschied zwischen Fussgriffen und Handgriffen nicht kennen. Die kleinen Vorsprünge sind meistens für die Füsse gedacht, die grossen für die Hände, nicht umgekehrt.

Wie viele Stunden trainiert ein Profi?

Zwischen 15 und 20 Stunden. Ich trainiere im Moment maximal 16 Stunden pro Woche, sonst komme ich ins Übertraining. Kletterer trainieren auch die Ausdauer, so kann der Körper in den Armen schneller das Laktat abbauen, das sich bei schwierigen Routen bildet.

Stemmt man auch Gewichte?

Nein, aber Krafttraining ist trotzdem entscheidend. Wir trainieren die Fingerkraft, machen Klimmzüge an kleinen Vorsprüngen, wo wir uns nur mit den Fingerspitzen halten können. Auch das ist Krafttraining, aber Hanteln brauchen wir keine.

Wie viele Klimmzüge schaffen Sie?

Ich bin erst kürzlich ans Maximum gegangen, da hab ich 40 geschafft.

Wo trainiert man mehr, in der Halle oder in der Natur?

In der Halle kann man effizienter trainieren, da man verschiedene Schwierigkeiten auf einem kleinen Raum findet. Dagegen macht es in der Natur mehr Spass, da man dort die eigene Lösung am Fels suchen muss Ausserdem gelten die Schwierigkeitsgrade draussen viel mehr als in der Halle. Eine Wand an einem Berg ist immer da, für jeden gleich und immer kletterbar. Drinnen in der Halle kann man Griffe ab- oder dazuschrauben, und schon ist die Schwierigkeit völlig anders.

Wie funktionieren die Schwierigkeitsgrade?

Auf der Welt gibt es viele verschiedenen Standards, je nach Land oder Kontinent unterschiedlich. Es gibt das französische System, das amerikanische, und viele weitere. Was sie gemeinsam haben: Sie ordnen die Schwierigkeit nach Zahlen, angefangen bei 1 nach oben aufsteigend, für die genauere Einordnung gibt es zu den Zahlen Buchstaben.

Welches ist die schwierigste Route, die jemals geklettert wurde?

Adam Ondra, ein Tscheche, ist mal eine 9c in der französischen Skala geklettert, als erster Mensch überhaupt. Er hat vier Jahre dafür trainiert, nur um diese Wand zu schaffen.

Wie schwierig ist 9c?

Nur wenige Menschen auf der ganzen Welt können überhaupt eine 9a klettern, danach kommt noch 9b und erst dann 9c. Ich selbst werde demnächst eine 9a klettern. Ondra ist ein riesiges Talent, seit vielen Jahren Profi, er hat eigene Physiotherapeuten und Trainer. Nun ist er auch bei Olympia am Start, dort ist er Favorit für Gold.

Sie selber sind nicht für Olympia qualifiziert, sind aber seit Jahren in der Nationalmannschaft. Was fehlt noch bis Olympia?

Sagen wir es mal so: Wäre ich mit 13 oder 14 schon auf dem Niveau wie heute gewesen, dann hätte ich vielleicht eine Chance für Tokio gehabt. Weltweit werden nur 20 Männer und 20 Damen für Olympia zugelassen.

Was überlegt sich ein Kletterer in der Wand?

Nicht viel, vieles passiert intuitiv. Ich selber schaue mir die Wand vorher an, überlege mir die Route. Während ich klettere, höre ich auf meinen Körper. Habe ich genug Kraft? Stehe ich sicher? Bin ich mit meinem Rumpf stabil und so weiter.

Kann man in der Wand in einen Flow kommen?

Ja, an einem guten Tag kann das passieren. Du kletterst eine schwierige Route, und plötzlich geht alles von alleine, bist voll mit Adrenalin und „latschst“ alles einfach durch.

Kommt ein guter Boulderer auch die Eiger Nordwand hoch?

Ja, ich bin selber rauf, letztes Jahr. Ich bin mit dem Basler Christian Frick die Route „Deep Blue Sea“ geklettert, das ist eine 7b+. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung. Wir waren stundenlang in der Wand, du musst ständig konzentriert bleiben, darfst keine Fehler machen. Ausserdem kann das Wetter schlagartig ändern. Als ich unter der Wand stand und nach oben schaute, hatte ich schon Respekt.

Was isst ein Kletterer?

Ich achte nicht speziell auf die Ernährung. Wichtig sind Proteine und Kohlenhydrate für die Regeneration nach harten Trainings, aber sonst esse ich, auf was ich Lust habe.

Muss ein Kletterer nicht Diät halten? Ist er zu schwer, kann er sich nicht hochziehen.

Klar. Vor allem bei Frauen ist das ein Problem. Im Weltcup gibt es viele Frauen, die übertreiben es mit dem runtermagern, das kann nicht gesund sein. In gewissen Ländern hat man nun einen Mindest-BMI eingeführt, damit sich die Frauen nicht zu sehr runterhungern.

Wird im Klettersport gedopt?

Ich glaube es nicht. Wobei doch, einen hat‘s mal erwischt, weil er vor dem Wettkampf zu viel gekifft hatte (lacht).

Was ist die typische Kletterverletzung?

Das Ringband im Finger kann reissen, man kann sich die Schulter verletzten. Ausserdem kann es passieren, dass es zu Entzündungen in den Unterarmen kommt, wenn diese zu sehr anschwellen und der Muskel zu wenig Platz hat.

Woher kommen die besten Kletterer?

Aus Slowenien, Tschechien, Österreich. Dort hat das Klettern eine riesige Tradition und es wird viel Geld in die Trainingsmöglichkeiten investiert. Auch die Japaner sind stark, seit ein paar Jahren herrscht dort ein Kletterboom.

Und die Schweizer?

Sascha Lehmann ist bei den Männern der beste, bei den Frauen Petra Klingler. Sie ist für Olympia qualifiziert, Sascha Lehmann kann es noch schaffen. Was den Schweizer Kletterern fehlt, ist die Konstanz. Einmal reicht es an einem Weltcup für einen Sieg, und das nächste Mal qualifiziert sich keiner für den Final.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch