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Mit Sisyphus und Raclette im Schnee

Die Lauberhornabsage ist ärgerlich: Für die Zuschauer, aber auch für die Veranstalter. Ein Rundgang in Wengen.

Frust und Verständnis: Die Reaktionen der Besucher in Wengen auf die Lauberhorn-Absage. Video: Fabian Sanginés.

Sepp Brunner steht draussen im Schneegestöber, lauscht mit anderen Trainern gespannt am Funk. Plötzlich streckt er seinen Kopf ins Zelt, sagt: «Abgesagt!» Brunner schüttelt Hände und ruft beim Weg­gehen: «Bis in Kitzbühel.» Auf die Ski, und weg ist er, der Abfahrtstrainer der Schweizer. Der Österreicher hat es eilig, als sein Arbeitstag bei der Bahnstation Allmend kurz nach 11 Uhr endet. Dort hat er auf die Nachricht des Organisationskomitees gewartet.

Jetzt zurück ins Hotel, Gepäck holen, mit der Bahn hinunter nach Lauterbrunnen und ins Auto, in dem er die nächsten Stunden verbringen wird. Über 700 Kilometer liegen vor ihm, es geht heim zur Familie in die Steiermark. Wenigstens ein kleines bisschen mehr Zeit kann er so mit ihr verbringen, mit der Frau, der Tochter, 27, und den Söhnen, 13 und 25. 250 Tage im Jahr ist Brunner unterwegs. Doch auch wenn sich der 58-Jährige auf das Zuhause freut, er hätte gern einen etwas längeren Arbeitstag gehabt. 9.30 Uhr, eineinhalb Stunden zuvor: Brunner hat seine Position bei Langen­trejen eingenommen, wo er seit Jahren steht, bei der Passage mit den lang gezogenen Kurven.

Alles schaufeln nützte nichts, das Rennen muss abgesagt werden. Bild: Urs Jaudas
Alles schaufeln nützte nichts, das Rennen muss abgesagt werden. Bild: Urs Jaudas

Er ist ganz zuversichtlich, obwohl es heftig schneit. «Für mich ist das fahrbar. Die Sicht ist gut. Wenn es aufhört zu schneien, ­kriegen sie die Strecke in einer Stunde hin.» Dann kommen ­seine Fahrer vorbei, Brunner gibt Anweisungen: «Das Tempo ist bei weitem nicht mehr so hoch wie im Training. Darauf müsst ihr euch einstellen. Direkter fahren. Sauber auf dem Ski stehen, es gibt weiche Abschnitte und pickelharte Stellen, vor allem in den Kurven.»

In Garmisch oder Beaver Creek dürfte die Abfahrt nachgeholt werden

Als Feuz, Küng, Janka und die anderen wieder verschwunden sind, taucht Urs Lehmann auf, der Präsident von Swiss-Ski. Er schwärmt noch vom Vortag und dem Überraschungssieg von Niels Hintermann, dem jungen Zürcher, in der Kombination. Und sagt dann mit Blick auf die Piste: «Let’s make it happen!» Sie tun auch alles dafür, dass irgendwie doch noch zur Lauberhornabfahrt gestartet werden kann.

Ablenkung hilft gegen die Enttäuschung. Bild: Keystone
Ablenkung hilft gegen die Enttäuschung. Bild: Keystone

Weiter oben, bei der Minschkante, liegt der viele Neuschnee – es gab über Nacht 30 Zentimeter – in besonders grossen Mengen. Mit Schaufeln und Schneeschleudern gehen die Helfer dort zu Werke, doch: Es hört eben nicht auf zu schneien, an eine Durchführung ist nicht zu denken. Der Klassiker wird zum 14. Mal seit der Einführung des Weltcups 1967 abgesagt, zum ersten Mal seit 2004. Das ist ärgerlich für die Speed-Fahrer, die damit Mitte Januar noch immer nur zwei Abfahrten bestritten haben, weil auch das Rennen in Santa Caterina nicht ­hatte durchgeführt werden können. Verlieren dürften sie die Abfahrt aber nicht. ­Garmisch oder Beaver Creek stehen als ­Ersatzorte zur Debatte.­

Ärgerlich ist die Absage auch für Zuschauer und Organisatoren. Erstere bewegen sich langsam zurück ins Dorf. Einige bleiben in der Bahn sitzen, fahren direkt ins Tal. ­Andere wollen trotzdem einen lustigen Tag verbringen: Weltcup-Dörfli, Bars und Restaurants erwarten sie. Vor dem Schulhaus hat sich gegen Mittag eine grosse Menschentraube gebildet: Hier werden die Tickets unbürokratisch zurückerstattet.

980 Helfer schaufeln ab 5 Uhr morgens

Die Wengener sind für eine Rennabsage versichert. Die Police deckt allerdings nicht das ganze 7-Millionen-Budget. Was sie das kosten wird? «Weil 2004 letztmals eine Abfahrt abgesagt wurde, fehlt uns die Erfahrung, um präzise Aussagen über die finanziellen Folgen zu machen», sagt Markus Lehmann, der Geschäftsführer der Lauberhornrennen.

Gut ausgerüstet sein, hilft. Bild: Urs Jaudas.
Gut ausgerüstet sein, hilft. Bild: Urs Jaudas.

Auf der Rennpiste verbleiben nur die ­Helfer. 980 haben seit 5 Uhr früh versucht, den Neuschnee von der Strecke zu befördern. Nun beginnen sie, die Fangnetze ­abzubauen. «Wir brachten einen grossen Teil des in der Nacht gefallenen Neuschnees raus. Aber immer wenn ein Abschnitt frei war, war ein anderer wieder voll. Es war eine ­Sisyphusarbeit», muss Urs Näpflin zugeben, der OK-Präsident. Als er in aller Herrgottsfrüh auf den Berg gefahren ist, hat er dies noch mit einem gewissen Optimismus ­getan. Der Meteorologe hatte von der Chance auf ein Wetterfenster am Mittag gesprochen, wo der Schneefall für ein, zwei Stunden ausgesetzt hätte und auch die Sicht «akzeptabel» gewesen wäre.

Doch die Chance entschwindet im ­Laufe des Vormittags vollends, um 11 Uhr fällt der Juryentscheid einstimmig: Absage. Eine Verschiebung der Abfahrt auf den Sonntag, ­anstelle des Slaloms, steht nie zur Debatte. «Für uns haben alle Disziplinen die gleiche Wertigkeit, für die FIS ebenso», sagt Näpflin. Immerhin kann er für das Abschlussrennen des Wochenendes schon am Samstagnachmittag grünes Licht geben. «Der Slalom ist für mich gesichert. Zu 100 Prozent.»

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