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Mit Hokuspokus und kaputtem Daumen

Ramon Zenhäusern startet heute trotz Verletzung. Sein Erfolg ist speziell. Nun droht ein unschönes Kapitel.

Mit Ski und Schiene am Start: Ramon Zenhäusern. Foto: Keystone
Mit Ski und Schiene am Start: Ramon Zenhäusern. Foto: Keystone

Es will so gar nicht passen zur jüngsten Geschichte von Ramon Zenhäusern. Eine Verletzungspause zur Unzeit, jetzt, da es endlich weitergeht für die Slalomfahrer nach vierwöchiger Pause? Nein, das wäre ein zu grosser Bruch im steilen Aufstieg des Wallisers. So weit kommt es auch nicht. Zumindest: noch nicht. Zenhäusern startet heute zum Slalom in Saalbach. Oder wie er es sagt: «Ich versuche es einmal.»

Am Sonntag trainierte er für das Parallelrennen in Alta Badia – und stürzte aus dem Starthaus. Er hatte sich zu früh hinausgezogen, flog über das Startgatter, überschlug sich und landete auf dem Daumen. Die offizielle Verletzung: knöcherner Abriss des inneren Seitenbandes beim linken Daumengrundgelenk.

Mit Schiene und angeklebtem Finger will er es trotzdem probieren. «Danach schauen wir weiter», sagt er. Die Frage lautet: Fährt er mit lädierter Hand weiter, oder lässt er sich operieren, was unumgänglich scheint? Acht Wochen würde er dann ausfallen. Es wäre ein Rückschlag für Zenhäusern. Gerade weil der 4. Rang zum Auftakt in Levi zeigte: Eigentlich sollte auch diese Saison einiges bereithalten für den Sportler mit der besonderen Geschichte.

Abfahrt auf den Langlaufski

Es ist die Geschichte eines gross gewachsenen Mannes, dem sie nicht allzu viel zutrauten in der Kinder- und Jugendzeit. Schlaksig war er, bald 2 Meter gross, das ist nicht die Postur eines Skifahrers. Und dann wagte er sich auch noch auf die kürzesten Latten. Das kann nicht gut gehen, war die Meinung vieler Trainer. Nun ist Zenhäusern 26. Und er ist angekommen an der Slalomspitze. Weil er unkonventionelle Wege ging.

Mit 15 traf er auf Didier Plaschy, den einstigen Weltcup-Fahrer, in dessen Fanclub er lange gewesen war. Ein eigener Geist im Skizirkus, ein Querdenker. Der Walliser war nun Trainer – und er sah Potenzial im langen Jungen. Würde dieser seinen Körper beherrschen, könnte er die langen Beine und die Hebelwirkung zu seinen Gunsten nutzen, war er sich sicher. Plaschy liess Zenhäusern mit Langlaufski die Berge hinunterschwingen, «da das Gleichgewicht zu halten mit meiner Grösse – brutal», sagt dieser. Die Füsse schmerzten am Abend, weil die kleinen Fussgelenke derart strapaziert wurden bei den kühnen Abfahrten. «Es stärkt diese Muskulatur, das ist ideal», sagt Zenhäusern, der Plaschy einen «Quell der Ideen» nennt. Bis heute sind die beiden in der Vorbereitung gemeinsam unterwegs.

Im Herbst reiste Zenhäusern nicht nach Neuseeland wie seine Kollegen vom Slalomteam, er trainierte mit Plaschy in Saas-Fee. Das ersparte ihm lange Flüge, nach denen er jeweils «fast eine Woche» braucht, bis sich seine langen Beine erholt haben.

Zenhäusern hat für sich den Weg gefunden, wie er, der Daniel Yule, Luca Aerni und den anderen im Team im Training schon lange um die Ohren fuhr, auch in den Rennen schnell sein kann.

Unheimliche Vorhersehung

Dafür arbeitet er auch mit einem Sportpsychologen zusammen. «Hokuspokus» nannte er deren Tun früher. Doch als er an der WM in St. Moritz mit nur zwei Zehnteln Rückstand auf einen Podestplatz zum 2. Lauf startete und ausschied, wusste er, dass es mehr gibt als den Körper. Auch der Kopf will trainiert sein. Er fuhr danach im Auto des Sportpsychologen mit, der seine Tennis spielende Schwester seit Jahren betreut. «Es entstand etwas zwischen uns», sagt Zenhäusern. Seither arbeiten sie zusammen. Und die Arbeit fruchtet.

Eineinhalb Monate vor den Olympischen Spielen schrieb der Psychologe auf ein Papier: «22.2., 2 Meter, 2. Platz.» Ganz witzig fand das Zenhäusern. Am 22. Februar stand der Slalom an in Pyeongchang, 2 Meter ist er gross, aber ein 2. Platz? Er, der noch nie auf einem Slalompodest gestanden war? «Red du nur», dachte er sich. Es kam der 22. Februar. Es gab Silber für Zenhäusern. Er war endgültig der Schweizer Aufsteiger der Saison.

Zenhäusern also ist Olympiamedaillengewinner, er ist unterhaltsam, nie um einen Spruch verlegen. Und doch schien das alles nicht zu reichen, war er lange auf der Suche nach einem Kopfsponsor. Er konnte sich die vielen Absagen nicht erklären.

Als er vor einem Jahr in der gleichen Situation war, machte er sich im Rahmen seines Wirtschaft-Fernstudiums, das er vor drei Wochen abschloss, auf die Suche nach den Gründen. Er schickte den Firmen Fragebogen zu, wertete die Antworten empirisch aus und schrieb darüber eine Seminararbeit. Das Fazit: «Fährst du nicht aufs Podest, bist du uninteressant.» Er fuhr aufs Podest, holte sogar Silber an den Olympischen Spielen. Geklappt hat es trotzdem lange nicht.

Erst Anfang November wurde er fündig, seither prangt das Logo eines Verbandssponsors auf seinem Helm. «Nun bin ich nicht mehr kopflos unterwegs», sagt er. Jetzt muss nur noch der Daumen mitmachen.

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