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«Lieber ausscheiden als sicher fahren»

Trainer Jörg Roten erwartet von seinen Athleten, dass sie im Riesenslalom von Adelboden das volle Risiko suchen.

Jörg Roten benötigte Zeit. Und das im schnelllebigen Skizirkus. Der Riesenslalom, einst die Paradedisziplin der Schweizer mit Ausnahmekönnern wie Michael von Grünigen, Steve Locher oder Urs Kälin, war zur Sorgendisziplin verkommen. Das Team, das an die früheren Erfolge hätte anknüpfen sollen, war auseinandergebrochen. «Daniel Albrecht stürzte schwer, Marc Berthod hatte Rückenprobleme, Didier Défago fuhr kaum noch Riesenslalom, Marc Gini setzte auf den Slalom, Didier Cuche trat zurück. Und plötzlich war da niemand mehr. Das war der Wahnsinn», blickt Roten zurück. «In Sölden 2013 ist beispielsweise Didier Défago gefahren, Jahrgang 1977, der Nächstälteste war Thomas Tumler, Jahrgang 1989. Es fehlten 12 Jahre.»

Der Trainer des Riesenslalomteams und ältere Bruder der einstigen Spitzenfahrerin Karin Roten war also gefordert. Zwar verfügte Swiss-Ski über zahlreiche hoffnungsvolle Talente. Aber eben: Roten brauchte Zeit. «Doch Geduld ist nicht die Stärke der Fahrer, nicht die Stärke der Trainer und nicht die Stärke der Öffentlichkeit», stellte er fest. Schnell kam Kritik auf, «und die Jungen standen mit einem Mal im Fokus, obwohl sie noch gar nicht in der Lage waren, Spitzenplätze herauszufahren», sagt Roten. «Es fehlte die letzten zwei Jahre ein Athlet, der Podestplätze holte und so als Schutzschild für die anderen hätte wirken können.»

Dreimal Schweizer Bestzeit in vier Riesenslaloms

Carlo Janka, der diese Rolle hätte übernehmen können, kämpfte mit Herzrhythmusstörungen, musste Rennpausen einlegen, wurde im Februar 2011 operiert, litt danach an chronischen Rückenbeschwerden und kam mit dem Material lange nicht zurecht. Er war in der FIS-Punkterangliste derart weit zurückgefallen, dass er nur noch mit hohen Startnummern antreten konnte. «Umso höher ist einzustufen, dass er überhaupt wieder so zurückkam», sagt Roten.

Janka, der im Sommer von Atomic zu Rossignol wechselte, ist zurzeit Zwölfter und bester Schweizer im Gesamtweltcup, im Riesenslalom liegt er auf Position 9, vier Plätze vor dem jungen Gino Caviezel. Der 22-jährige Bündner überraschte zuletzt mit der Bestzeit im 2. Lauf von Alta Badia, die ihn vom 24. auf den 9. Rang nach vorne brachte. «So muss es sein», kommentiert Roten. «Wir hatten auch im letzten Winter ab und zu eine gute Ausgangslage. Aber dann verbremsten die Fahrer den Lauf, weil sie ein paar Pünktchen holen wollten. Das bringt nichts, wenn man es in die ersten 30 der Startliste schaffen will. Sie müssen Vollgas geben, auf tutti gehen. Mir ist es lieber, wenn sie dann einen Fehler machen oder ausscheiden, als wenn sie auf Sicherheit fahren.»

Seine Athleten scheinen das verinnerlicht zu haben. Jedenfalls fuhr in drei der vier bisherigen Riesenslaloms jeweils ein Schweizer Bestzeit im 2. Lauf: Manuel Pleisch (Sölden), Janka (Beaver Creek) und eben Caviezel (Alta Badia). Beim Klassiker in Adelboden vom Samstag wollen die Schweizer nicht erst im 2. Lauf Vollgas geben.

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