Hirscher war nah am Rücktritt

Der Dominator auf Skis startet 29-jährig in Sölden in seine 11. Saison. Fast hätte sich der beste Skifahrer anders entschieden.

«Ich war echt nahe dran, aufzuhören», sagt Marcel Hirscher. «Skifahren ist mittlerweile der kleinste Teil meines grossen Jobs. Das zu erkennen, war ziemlich ernüchternd.»

«Ich war echt nahe dran, aufzuhören», sagt Marcel Hirscher. «Skifahren ist mittlerweile der kleinste Teil meines grossen Jobs. Das zu erkennen, war ziemlich ernüchternd.»

(Bild: Keystone)

René Hauri@tagesanzeiger

Irgendwann an diesem viel zu warmen Herbstnachmittag senkt Marcel Hirscher auf seinem Barhocker den Blick und sagt vor sich hin: «Eigentlich will ich doch nur Skifahren.»

Es ist kaum hörbar, geht unter im Gemurmel der Handvoll Journalisten in diesem kleinen, stickigen Nebenraum der Fabrik seines Skiausrüsters in Altenmarkt im Pongau, in Salzburg, seiner Heimat. Es mag ja auch gänzlich banal klingen, was da aus dem Mund des überragenden Technikers der letzten Jahre kommt. Für Hirscher aber bedeuten die Worte viel. Sie bringen in all ihrer Einfachheit seine Gedanken auf den Punkt, die er sich diesen Sommer über ­gemacht hat.

Es gab Tage, da traute er sich nicht mehr aus dem Haus, fürchtete er sich vor unangenehmen ­Begegnungen.

Will er noch, kann er noch nach diesem einmal mehr sagenhaft ­erfolgreichen Winter mit zweimal Olympiagold und dem siebten ­Gesamtweltcupsieg in Serie, mit dem er den Rekord noch weiter ausbaute? Mag er sich den Strapazen noch einmal aussetzen, jetzt, da er bald Vater wird? Er will noch, er kann noch, ja, «aber ein paar ­Sachen müssen sich ändern». Zu diesem Schluss kam der 29-Jährige nach Monaten des Ringens mit sich selbst. «Ich war echt nahe dran, aufzuhören», sagt er. «Es war die Summe an Nebenbelastungen, die mich in diese Richtung drängte. Skifahren ist mittlerweile der kleinste Teil meines grossen Jobs. Das zu erkennen, war ziemlich ernüchternd.»

Der Überskifahrer ist in seiner Heimat eine riesige Figur, ein öffentliches Gut, sie reissen sich um ihn. Es gab Tage, da traute er sich nicht mehr aus dem Haus, fürchtete er sich vor unangenehmen ­Begegnungen. Und reden mochte er erst recht nicht mehr, aus Angst, dass ihm die Worte im Mund umgedreht werden von den «Sensationsjournalisten», wie er sie nennt. Hirscher zog sich zurück, schützte seine Nächsten, «meine Mutter hat mit dem, was ich mache, nichts zu tun», sagte er. «Ich muss darauf achten, dass das alles nicht auf die Familie übergreift.» Längst redet er zwar wieder, doch noch immer achtet er peinlichst genau auf den Schutz seines Privatlebens.

Er wird Vater – und liest in der Zeitung davon

Diesen Sommer heiratete er seine langjährige Freundin Laura Moisl auf Ibiza – weit weg von den Sensationsjournalisten daheim. Vor zwei Wochen kam ihr erstes Kind zur Welt, auch das war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. «Und was passierte?», fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: «48 Stunden später stand das in der Zeitung. Das ist doch verrückt», sagt er, «Wahnsinn!» Wenigstens ist es dem Ehepaar bislang gelungen, den Namen des Buben geheim zu halten.

Es sind Geschichten wie diese, die Hirscher beschäftigen. Deshalb ist es ein stickiger, kleiner Raum in Altenmarkt im Pongau, sind es eine Handvoll Journalisten, die sich dort um ihn tummeln, ist es der banale Satz «Eigentlich will ich doch nur Skifahren», der einen ­tieferen Sinn ergibt. Tags zuvor hat Hirscher sämtliche Einzelinterviews abgesagt, einzig die Pflichttermine nimmt er noch wahr.

Noch nie aber war der Rücktritt so nah wie in diesem Frühsommer. 

Anderes ist in den Vordergrund gerückt, er ist jetzt Vater, und das wird auch seine Saison beeinflussen, die am nächsten Sonntag mit dem Riesenslalom in Sölden beginnt. «Wenn ich woanders gebraucht werde, lasse ich ein Rennen aus. Weil es Wichtigeres gibt. Fertig!», sagt er. Oder: «Fahre ich in den USA, wenn mich das zehn Tage kostet inklusive Jetlag und Akklimatisierung? Ich weiss es nicht. Ich kann entscheiden, dass es mir das nicht mehr wert ist. In meinem ganzen Leben war der Sport die Nummer 1. Alles, wirklich alles habe ich ihm untergeordnet. Das ist nun nicht mehr so.»

Geblieben ist die Liebe zu seinem Sport, der Hunger auf Siege, die Gewissheit, dass er dazu noch in der Lage ist. Die kam diesen Sommer, als Hirscher wie so oft auf seiner Motocrossmaschine sass und merkte, «dass der Körper pusht, dass der Kopf mitmacht, dass es schon Jahre gab, in denen ich wesentlich mehr Mühe hatte im Training. Ich spürte, dass es schade wäre, jetzt zu sagen: Es ist aus und fertig.» Diese Überlegungen gab es nicht zum ersten Mal beim dauernd zweifelnden Ausnahmeathleten, beim vielleicht besten Skifahrer der Geschichte. Noch nie aber war der Rücktritt so nah wie in diesem Frühsommer.

Das hat vor allem mit dem Wandel in seinem Leben zu tun, aber auch mit den sportlichen Perspektiven. Hirscher dominiert den Slalom und den Riesenslalom seit Jahren in einer Manier, dass er sich stets selbst neue Herausforderungen suchen musste, die Gegner gaben schlicht zu wenig her. Er stürzte sich aufs Material, testete wie ein Besessener, verlor sich auch einmal im ganzen Pröbeln mit Ski und Schuhen. Henrik Kristoffersen, einer, der mit besonderer Vehemenz anrennt gegen die Dominanz des Österreichers, sagte der SonntagsZeitung einmal: «Manchmal denke ich: Der trainiert gar nicht, der testet nur.»

An die Olympischen Spiele in Südkorea soll Hirscher 92 Paar Rennski mitgenommen haben. Er war ständig auf der Suche nach dem nächsten Detail, das ihn noch mehr abheben könnte von der Konkurrenz, alles drehte sich darum, um ihn, immer. Das reibt auf, frisst Energie und Zeit, doch es war der Weg, den Hirscher mit seinem Team um Vater Ferdinand für sich gefunden hatte, um die Motivation hochzuhalten.

Ein Fussbruch als Abwechslung

Vor dem letzten Winter eilte ihm auf der Suche nach neuen Zielen sein Körper zu Hilfe. Hirscher erlitt einen Bruch im linken Fuss. Es war eine Verletzung, die er dankend annahm. Er hatte wieder einen Wettstreit, arbeitete über Wochen und Monate mit reichlich Akribie an seinem Comeback, kam zurück – und wie. Er gewann sein zweites Rennen in Beaver Creek, feierte zwölf weitere Triumphe im Weltcup, es gab die Gold-Läufe in der Kombination und dem Riesenslalom von Pyeongchang. Es war seine erfolgreichste Saison überhaupt. Und es kam die Frage: Was soll da noch als Steigerung kommen? Ist das Risiko nicht zu gross, den Moment des rechtzeitigen Rücktritts zu verpassen, wenn er weitermacht?

«Ich kann in der Abfahrt noch besser werden. Ob ich im Slalom besser werde? Vielleicht. Um Nuancen.»Marcel Hirscher

Auf dem Sitz seiner Motocrossmaschine wusste er: Er will es noch einmal versuchen. Der innere Drang ist noch gross. «Ich möchte nicht Zweiter werden», sagt der Salzburger, «ich will und wollte schon immer alles aus mir herausholen, das war bereits bei Kinderrennen so. Daran wird sich nichts ändern, das ist in mir drin.» Also sucht er weiter nach Nischen, in denen er Potenzial ortet.

In Hirschers Welt tönt das so: «Wenn ich momentan einen Handstand mache, kann ich ihn 30 Sekunden halten. Da ist noch viel Luft nach oben. Wenn ich Kniebeugen mache, dann mache ich die mit so und so viel Kilogramm auf den Schultern. Es ist noch Luft nach oben. Ich habe noch nicht ausgelernt in meinem Leben, auch nicht beim Skifahren. Ich kann noch ein besserer Buckelpistenfahrer werden, ich kann in der Abfahrt noch besser werden. Ob ich im Slalom besser werde? Vielleicht. Um Nuancen.»

Nun wird Hirscher kaum ­Buckelpistenfahrer, und auch die Abfahrt ist kein Thema mehr. «Das wäre ein zu grosses Projekt. Ich hätte mir fünf Jahre Zeit genommen, um mich den Besten anzunähern. Das geht sich nun nicht mehr aus», sagt er. Vor zwei Jahren noch, bei einem Treffen in Val-d’Isère, sagte er: Wenn er die Abfahrt für sich entdecke, einen neuen Reiz habe, dann könne er sich vorstellen, länger zu fahren als bis 2019. Sonst aber? Wars das. Das Ende der anstehenden Saison wäre das Ende seiner grossen Karriere. «Dann bin ich 30 und 12 Jahre im Weltcup. Das ist genug», sagte er damals. Nun sagt er: «Nichts ist in Granit gemeisselt.»

Mit dem Rücktritt zu kokettieren, mag schon immer eines seiner Spielchen gewesen sein. In diesem Frühsommer aber wäre aus dem Spiel beinahe Ernst geworden. Wie lange er noch die Kraft aufbringt für den Sport? Hirscher weiss es nicht. Er sagt: «Vielleicht finde ich einen Weg, wie ich dem Ganzen noch lange erhalten bleiben kann, indem ich mich ganz gezielt nur noch fürs Skifahren zur Verfügung stelle.» Das ist doch eigentlich das Einzige, was er noch tun will.

baz.ch/Newsnet

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