Wildpinkelnde Fahrer und tanzende Pantomimen

Das Rennen am Lauberhorn bietet viele Geschichten – vom Start bis ins Ziel. Ein Augenschein.

  • loading indicator
René Hauri@tagesanzeiger

Wengen 3 Stunden Wartezeit in Lauterbrunnen oder Kalauer, die man lieber nie gesagt hätte: Das Rennen im Berner Oberland braucht Nerven und bietet Nebenschauplätze.

Wenn der Schnee zu gelb istDie Sauerei

Sie sollten doch bitte die mobilen Toiletten aufsuchen und nicht in den Schnee pinkeln. Diese Aufforderung ging nicht etwa an das johlende und trinkende Volk unten im Dorf, das ebenfalls so einige unschöne gelbe Verzierungen im heiligen Weiss der Berge hinterlassen hat. Nein, es sind die Rennfahrer gemeint, die hinter dem Starthäuschen offenbar das Häuschen kaum aufsuchen, sondern ihre Reviere vor den Trainingsfahrten nach alter animalischer Art abgepinkelt haben. Den Wunsch geäussert hatte Urs Näpflin vor der Kombination am Freitag. Der OK-Chef tat das ziemlich erfolgreich. Am Abfahrtstag waren im Startbereich nur noch wenige gelbe Spuren auszumachen. Dafür hatten Soldaten den Schnee eingefärbt: mit Rot. Es war noch Markierungsfarbe übrig, also sprayten sie das Schweizer Wappen neben das Starthaus, etwa zehn auf zehn Meter gross.

Buzzi gibt zu viel GuzziDer Spruch

«Buzzi gib Guzzi», kalauert es aus den Lautsprechern. Emanuele Buzzi hört es nicht – und macht es trotzdem. Sechstbester wird der Mann aus dem Südtiroler Pustertal, so gut war er nie im Weltcup. Und weil seine Energie mit dem Überqueren der Ziellinie aufgebraucht ist, stürzt Guzzi und schlittert in die Werbebanden. Der 24-Jährige verletzt sich am Knie, Otmar Striedinger, der sich schon auf der Strecke befindet, wird abgewunken und später mit dem Helikopter zurück zum Start transportiert. Buzzis Transportmittel ist ein Schlitten.

Franz geht die Kraft ausDer Ziel-S-Sturz

Max Franz gehört diese Saison zu den besten Abfahrern. Doch irgendwann ist auch seine Kraft zu Ende auf der 4480 Meter langen Strecke. Im Ziel-S rutscht der Österreicher aus und in die Netze. Er bleibt unverletzt. Franz ist an diesem Samstag der Einzige, dem dieses Missgeschick an dieser Stelle passiert. Es gab

Zeiten, da waren Abflüge dieser Art fester Bestandteil der Lauberhornabfahrt. Es erwischte schon Bode Miller, Andrew Weibrecht, Peter Fill oder Roland Fischnaller. Doch seit die Stelle 2009 – 18 Jahre nach dem tödlichen Unfall des Österreichers Gernot Reinstadler – entschärft und deutlich verbreitert wurde, sind Stürze wie der von Franz selten geworden.

3 Stunden, bis das Zügli kommtDie Warterei

Vincent Kriechmayr braucht Geduld. Bereits mit der Nummer 7 ist der Österreicher ins Ziel gekommen, entsprechend lange bangt er auf dem Leaderthron um seinen bislang grössten Sieg. Nach rund einer Stunde hat der 27-Jährige die Gewissheit: Er hat es vollbracht. Länger dauert die Warterei für viele andere an diesem Tag – die Erlösung dürfte bei ihnen aber ähnlich gross sein wie bei Kriechmayr auf dem Leaderthron: Wenn sie endlich in Wengen aus dem Zug stolpern können. Zu Tausenden haben sie sich unten in Lauterbrunnen getummelt und sehnlichst auf eines der kleinen gelb-grünen Zügli gewartet, das sie hochbringen soll nach Wengen zum Rennen. Drei Stunden dauerte die Warterei für manche – die ganz grosse Erlösung bleibt aber auch in Wengen aus. Weil Beat Feuz den dritten Sieg am Lauberhorn verpasst.

Der alte Mann will RuheDie Stille

Er war lange so etwas wie der Mister Lauberhorn: Hannes Reichelt. Fünfmal stand er hier schon auf dem Podest. Gestern verpasst er dieses deutlich. Rang 14 wird es für den Mann, den wir hier wohlwollend Routinier nennen – der Österreicher ist 38. Eigentlich ist es da nur verständlich, dass es Reichelt, der längst im Pensionsalter eines Sportlers ist, etwas ruhiger angehen will. Also sagt er, das Resultat möge zwar enttäuschend sein, die Atmosphäre aber mache dieses deutlich erträglicher. Nun, im Zielraum von Wengen herrscht für gewöhnlich das: die grosse Stille. Keine Schunkelmusik wie in Adelboden, kein schreiender Speaker, dem es die Stimme verschlägt. Rainer Maria Salzgeber, der Fernsehmann, der in die grossen Fussstapfen von Dagobert Cahannes trat, hält sich zurück. Das tut auch das Publikum. Es wird nur dann kurz nervös, wenn ein Schweizer startet, ein Fahrer stürzt oder einer eine Bestzeit fährt. Unnötige Euphorie ist das Ding des Wengener Zuschauers nicht.

Als ob Musik liefeDie Cheerleader

Dass die Stimmung unten im Ziel nicht allzu berauschend ist, ist offensichtlich auch den Organisatoren aufgefallen. Jedenfalls tanzen nun Cheerleader mit silbernen Pompons auf einer kleinen Bühne. Fährt ein Schweizer, schwenken sie sich selbst und auch noch kleine Fahnen. Weil aber nur ganz selten Musik aus den Lautsprechern ertönt, machen sie vor allem Trockenübungen. Das Ganze gemahnt eher an eine Vorstellung von Pantomimen, als an die von Animatoren, die sie eigentlich sein sollten. Reichelt wird es ihnen danken.

Die Very Important PeopleDer Flugverkehr

Das kleine Dorf am Fusse von Eiger, Mönch und Jungfrau erschüttert mächtig kurz vor dem Start zur Abfahrt. Die Flugstaffel der Patrouille Suisse donnert mit fünf Maschinen darüber. Dann kehrt Ruhe ein. Doch nicht für lange, nun heben die Helikopter ab und fliegen rauf und runter, hin und her. Very Important People wollen schneller an ihr Ziel kommen, Material muss transportiert werden. Und wer des Wartens in Lauterbrunnen überdrüssig ist, kann sich für 150 Franken von der Air Glacier zur Lauberhornschulter fliegen lassen.

Kaum Schweizer am StartDie Abwesenden

Es ist die grösstmögliche Bühne für einen Schweizer Skifahrer. 9 Startplätze kann der heimische Verband für die Abfahrt in Wengen vergeben. Doch: Nur fünf Schweizer stehen am Start. Als Niels Hintermann mit der Nummer 29 ins Ziel kommt, wars das mit der Fähnchenschwenkerei der Cheerleader. Es kommt kein Mani mehr, kein Rogentin, kein Rösti, kein Kohler, kein Amstutz oder Kryenbühl. Sie alle haben diese Woche getestet in Wengen. Dann aber sind sie frühzeitig abgereist: Weil das Europacuprennen auf der Streif in Kitzbühel vom Montag auf heute Sonntag vorverschoben wurde.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt