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Von gestohlenen Steinen und gestohlenen Siegen

Am Sonntag greifen die 120 stärksten Schwinger am Unspunnen-Schwinget zusammen. Der Traditionsanlass erfährt nach 206 Jahren ein Novum.

Gestellter Schlussgang: Silvio Rüfenacht (r.) verpasst 1999 gegen Christian Vogel den Unspunnen-Triumph.
Gestellter Schlussgang: Silvio Rüfenacht (r.) verpasst 1999 gegen Christian Vogel den Unspunnen-Triumph.
Andreas Blatter

Unspunnen – das traditionellste aller Schwingfeste. 1805 wurde bei der Burgruine «Unspunnen» erstmals geschwungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, während der Mediationszeit, existierte im Bernbiet ein tiefer Graben zwischen Stadt und Land. Der Berner Schultheiss von Mülinen entschied deshalb, mit dem Oberamtmann Thormann von Interlaken ein grosses Volks- und Hirtenfest zwecks Bildung einer regionalen Einheit zu organisieren. Der erhoffte politische Effekt sollte ausbleiben, weshalb das Unspunnenfest nach der zweiten Austragung 1808 für fast 100 Jahre von der Bildfläche verschwand. 1905 wurde die Tradition wiederaufgegriffen, ehe ein neuerlicher Unterbruch bis nach dem Zweiten Weltkrieg folgte. Seit 1946 findet der urchige Anlass regelmässig statt. Ein paar Auszüge:

1968: Zwei Schlussgänge. 1968 gab es am Unspunnenfest zwei Schlussgänge. Warum sich das Kampfgericht dazu entschloss, in einem Schlussgang die beiden Oberaargauer Peter Gasser und Alfred Fankhauser gegeneinander antreten zu lassen, während im anderen die Mittelländer Rudolf Hunsperger und Christian Eggler miteinander kämpfen mussten, ist unklar. Gasser und Schwingerkönig Hunsperger teilten sich letztlich den Festsieg.

1984: Der gestohlene Stein. Seit mehr als 100 Jahren wird der Unspunnenstein in Interlaken bei den Wettkämpfen der Steinstösser verwendet. 1984 wurde der 83,5 Kilogramm schwere Stein von Separatisten aus dem Kanton Jura, den Béliers, aus dem Touristikmuseum der Jungfrauregion gestohlen. Erst 2001 wurde er von den Béliers, welche sich für die Eingliederung des zum Kanton Bern gehörenden Südjuras in den Kanton Jura einsetzen, zurückgegeben. In den Stein waren Europasterne und das Datum des umstrittenen EWR-Neins von 1992 eingemeisselt. Er wurde nach Interlaken transferiert, vor 6 Jahren jedoch erneut entwendet. Der Stein hatte sich in der Lobby des Viktoria-Jungfrau-Hotels befunden. Zurück blieb ein Pflasterstein mit aufgemaltem Jurawappen. Der Stein gilt als verschollen; der offizielle Kampfstein jedoch ist verfügbar.

1987: Keine Kränze, aber eidgenössischer Charakter. 1987 triumphierte mit Niklaus Gasser letztmals ein Berner Schwinger am Unspunnen. Seit 1987 zählt der Anlass neben dem Eidgenössischen Schwingfest und dem Kilchberg-Schwinget zudem als Wettkampf mit eidgenössischem Charakter. Zuvor hatten sich jeweils Berner und Innerschweizer bekämpft. Wie am «Kilchberger» werden in Interlaken keine Kränze abgegeben. Und: Noch nie gelang es einem Athleten, zweimal den Titel zu holen.

1999: Rüfenachts zu tiefe Note. Vor 12 Jahren wurde Silvio Rüfenacht von den Platzkampfrichtern um den Festsieg gebracht. Nachdem der Berner die Schwingerkönige Jörg Abderhalden und Arnold Forrer bezwungen hatte, musste er in einem auf Biegen und Brechen geführten Gang die Punkte mit Urs Bürgler teilen. Unverständlicherweise wurden dem Schwingerkönig in diesem Gang nur 8,75 Punkte geschrieben. Der fehlende Viertelpunkt sollte Rüfenacht nach dem gestellten Schlussgang gegen Christian Vogel fehlen. Als lachender Dritter ging Jörg Abderhalden als Sieger vom Platz.

2005/2006: Hochwasser und Wengers Duftmarke. 2005 wurde der Unspunnen-Schwinget wegen des Alpenhochwassers im Spätsommer abgesagt. Ein Jahr später wurde das Fest nachgeholt, in den Anlass war auch der erstmals durchgeführte Eidgenössische Nachwuchsschwingertag integriert. In der Kategorie Jahrgang 1990 setzte sich Kilian Wenger durch und lancierte damit seine erfolgreiche Karriere.

2011: Tradition weicht der Sicherheit. Am Sonntag wird erstmals nicht mehr nahe der Ruine Unspunnen in Matten geschwungen, sondern auf der Höhematte im Zentrum Interlakens. Nach 206 Jahren beginnt eine neue Ära, wobei die Umsiedlung nicht aus wirtschaftlichen, sondern infrastrukturellen Gründen erfolgt. Auf dem früheren Gelände hat die Brauerei ihren Standort erweitert, zudem ist ein Seilpark entstanden. Der Wechsel auf die Höhematte bringt mehr Platz (150'00 Zuschauer), mehr Parkplätze, mehr Fluchträume, kurz: mehr Sicherheit.

2011: Das «unvollständige» Fest. Wer 2011 reüssiert, gilt nicht als Sieger des Unspunnenfests, sondern «bloss» des Unspunnen-Schwinget. Das klassische Fest beinhaltet neben Schwingen und Steinstossen auch Volkstänze, Festspiel und Umzug. 2017 wird das nächste Mal im Rahmen des Unspunnenfestes geschwungen.

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