Missbraucht – und dafür soll sie auch noch bezahlen

Der Prozess gegen Turnarzt Larry Nassar treibt immer skandalösere Blüten: Die Opfer erhalten bis heute Rechnungen für seine «Behandlungen».

Deutlich mehr als 140 Turnerinnen hat Larry Nassar wohl missbraucht. Im Bundesstaat Michigan steht er vor Gericht. Video: Tamedia
David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Tag 6 im Prozess gegen Larry Nassar, und der Skandal hält den US-Turnsport weiter in Atem. Nachdem Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina entschieden hatte, dass jedes Opfer des 54-Jährigen vor Gericht aussagen kann, meldeten sich bislang 144 von ihnen. Und jedes erhält die Zeit, seinem Peiniger ins Gesicht zu sagen, was es von ihm hält. Zum Beispiel die 15-jährige Emma Ann Miller: «Larry, ich hasse dich. Ich finde es eine gute Sache, dass die einzige Frau, mit der du künftig noch Kontakt hast, eine Pistole und einen Taser trägt.»

Für den Rest seines Lebens wird der frühere Chefarzt von USA Gymnastics hinter Gitter müssen, so viel ist längst klar, auch wenn der aufsehenerregende Prozess am Bezirksgericht von Lansing im Bundesstaat Michigan noch läuft. 60 Jahre muss er wegen des Besitzes von Kinderpornografie in einem ersten Prozess im Dezember ins Gefängnis. Die Maximalstrafe von 125 Jahren könnte es nun in Lansing sein, und Ende Januar steht ihm eine dritte Verhandlung wegen Kindsmissbrauch bevor. Um lebenslänglich geht es da.

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Ursprünglich waren die Ermittler von rund 140 Mädchen und jungen Frauen ausgegangen, die Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht haben dürfte – diese Zahl ist wohl viel zu tief gewesen. Denn das Gericht rechnet mit noch mehr Zeuginnen, die sich melden. Die Resonanz auf den Aufruf des Gerichts war so gewaltig, dass der Prozess verlängert werden musste. Wann Richterin Aquilina das Urteil verkündet, ist noch unklar, sie deutete aber bereits an, dass sie in Sachen Schuldspruch «bereits gewisse Ideen» habe.

Hört man den Zeuginnen zu (sie selbst bezeichnen sich als «Überlebende»), wird klar, dass sie Nassar nicht als alleinigen Täter sehen. Schon Ende letzter Woche hatte die dreifache Olympiasiegerin Aly Raisman dem Turnverband USA Gymnastics (Usag), dem nationalen Olympischen Komitee (Usoc) sowie der Michigan State University (MSU) eine Mitschuld angelastet, weil sie Nassar trotz klarer Hinweise weiter beschäftigten. Über das Wochenende sind drei ranghohe Usag-Funktionäre zurückgetreten, am Montag trennte sich der Landesverband von John Geddert. Der langjährige Erfolgstrainer hatte 2012 der Olympiadelegation angehört und betreibt in Michigan ein Turnzentrum. Auch er hatte Nassar beschäftigt.

USA Gymnastics laufen Sponsoren davon

Der Imageschaden beim einflussreichen Verband ist riesig. Mit Procter & Gamble, Under Armour, AT&T und Kellogg's haben wichtige Sponsoren die Zusammenarbeit bereits beendet oder zumindest eingefroren. «Wir sind bereit, wieder einzusteigen – falls USA Gymnastics diese Tragödie vollständig aufarbeitet», schreibt der Telekomriese AT&T.

Auch die zweifelhafte Rolle der angesehenen Michigan State University akzentuierte sich am späten Montagnachmittag Ortszeit, als Emma Ann Miller vor Gericht auftrat. Die 15-jährige Turnerin war im August 2016 von Nassar behandelt und dabei missbraucht worden, sie könnte sein letztes Opfer gewesen sein: Eine Woche später rückte die MSU als letzte der drei Institutionen von Nassar ab, vier Monate danach wurde er verhaftet. Ausgelöst hatte die Ermittlung die einstige MSU-Studentin Rachael Denhollander, die am 29. August 2016 Klage gegen den Skandalarzt einreichte.

Die Hochschule reagierte auf diese Klage also mit der sofortigen Entlassung Nassars. Und trotzdem, berichtete Miller mit brüchiger Stimme an der Seite ihrer Mutter, habe sie von der MSU weiterhin Rechnungen für eben diese Behandlungen erhalten. «Wir bekommen bis heute welche zugeschickt», fügte sie an. Ein MSU-Sprecher bestätigte diesen Vorgang sogar, indem er gegenüber dem TV-Sender NBC klarstellte, dass Nassars früheren Patienten künftig keine Rechnungen mehr zugestellt würden.

Lokalpolitiker fordern inzwischen MSU-Präsidentin Lou Anna Simon zur Demission auf, auch auf dem Campus in East Lansing regt sich Widerstand: Am Freitag wollen die Studenten mit einem Protestmarsch ihren Rücktritt verlangen. Im Editorial der Hochschulzeitung «The State News» steht die Forderung in Grossbuchstaben geschrieben: «Präsident Simon, TRETEN SIE ZURÜCK.»

Doch die angezählte Präsidentin denkt nicht daran. Stattdessen hat Simon die Eröffnung eines Fonds über 10 Millionen Dollar angekündigt, mit denen den Opfern geholfen werden soll, ihr Trauma zu überwinden. Deren Wohl liege ihr am Herzen, sagte Simon, als sie letzte Woche im Gerichtssaal vor die Medien trat. Es war ihr erster und einziger Besuch an diesem Prozess.

baz.ch/Newsnet

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