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Hals über Kopf ins neue Abenteuer

Giulia Steingruber ist längst viel mehr als nur eine Sprungspezialistin – an der EM in Moskau traut ihr der Trainer drei Gerätefinals zu.

Sechsmal nur nahm sie Anlauf, und noch ehe die Viertelstunde verstrichen war, die ihr offiziell zusteht, hatte Giulia Steingruber ihr EM-Training vorzeitig beendet. Sie erkannte: Die Sprünge sitzen, die Geräte passen – was wollte sie noch weiter Kraft und Energie aufwenden? Also setzte sie sich auf eine Bank am Rand der mächtigen Arena im Norden Moskaus und betrachtete entspannt einige ihrer Konkurrentinnen.

An den übrigen drei Geräten verliefen die Einheiten ähnlich gelungen, dieses Podiumstraining, das den Turnerinnen dazu dient, die Wettkampfanlage kennen zu lernen. Und Nationaltrainer Zoltan Jordanov meldete hinterher so gelassen wie nur möglich: «Wir haben keinerlei Probleme.» Dass er just den Tag des Podiumstrainings dazu nutzte, um mit Steingruber und deren junger Teamkollegin Ilaria Käslin Moskauer Sehenwürdigkeiten wie den Roten Platz zu besichtigen, ist Ausdruck dieser Lässigkeit.

Das Vertrauen und der Glaube des Ungarn in seine Vorzeigeturnerin scheint vor der Qualifikation an der Turn-EM in Moskau heute Donnerstag nahezu grenzenlos. Gleich an drei Geräten traut er ihr eine Finalqualifikation zu: am Sprung natürlich, ihrer besten Disziplin, sowie am Balken und Boden. «Wenn sie im Wettkampf so turnt wie im Training», glaubt Jordanov, «dann hat sie das Potenzial dazu.» Dass Steingruber unlängst an einem Weltcupturnier in Frankreich reichlich überraschend den Wettkampf am Stufenbarren gewann, kommt hinzu. Der Coup im Loiretal verwundert sie bis heute.

Noch eine Höchstschwierigkeit

Zwei Jahre sind mittlerweile vergangen seit der EM in Berlin, ihrem Durchbruch, und Steingruber ist zur Spitzenturnerin gereift, die längst nicht mehr nur am Sprung brilliert. Jetzt setzt sie Massstäbe: Am Boden zeigt sie einen gestreckten Doppelsalto mit Schraube – eine Höchstschwierigkeit, die neben ihr nur die Rumänin Diana Bulimar und einige US-Amerikanerinnen beherrschen. Ihre Barrenübung wiederum hat sie um das Flugelement Chorkina erweitert, benannt nach der zweifachen Olympiasiegerin Swetlana Chorkina. Dabei wechselt Steingruber - eine halbe Drehung ausführend - vom unteren an den oberen Holmen. Am Balken schliesslich turnt sie ja gar ihr eigenes Element, den Auerbachsalto als Abgang.

Ausgerechnet am Sprung jedoch stockt die Entfaltung der Ostschweizerin. Bei ihrem zweiten Sprung, dem Tsukahara, bereitet ihr die Doppelschraube mehr Mühe als erwartet. Obschon sie schon lange daran feilt und das Element im Trainingsalltag auch sitzt, wird Steingruber in Moskau den Sprung wie vor einem Jahr beim Bronzegewinn in Brüssel mit einfacher Schraube präsentieren. Es ist die Sicherheitsvariante: An den Olympischen Spielen war sie zum Risiko gezwungen gewesen, zwei Schrauben zu zeigen – sie stürzte und verpasste als Neunte den Gerätefinal denkbar knapp.

Ein überschaubares Feld von bloss 15 Turnerinnen stellt sich nun in Moskau der Sprungqualifikation, für die man (anders als im Mehrkampf) zwei Sprünge zeigen muss. Die rumänische Titelverteidigerin Sandra Izbasa wurde wegen Trainingsrückstands kurzfristig aus dem Aufgebot gestrichen, derweil die WM-Zweite von 2010, die wiedererstarkte Russin Aliya Mustafina, sich auf den Mehrkampf konzentriert. So gehört Steingruber zum engen Kreis der Favoritinnen. Zoltan Jordanov erwartet die Russin Maria Paseka und die Holländerin Chantysha Netteb als härteste Gegnerinnen im Kampf um Gold.

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