«Diesen Marathon muss ich mit Köpfchen laufen»

Hitze und Luftfeuchtigkeit – Tadesse Abraham sagt, er müsse im heutigen Rennen gut rechnen.

Hat sich im Süden Äthiopiens auf die «brutal schwierigen» Bedingungen in Doha vorbereitet: Tadesse Abraham.

Hat sich im Süden Äthiopiens auf die «brutal schwierigen» Bedingungen in Doha vorbereitet: Tadesse Abraham.

(Bild: Keystone Jean-Christophe Butt)

Er hat Tests gemacht nach seiner Ankunft in Doha am Mittwoch, ist jeweils um Mitternacht laufen gegangen, dann, wenn der WM-Marathon am Samstagabend Lokalzeit (22.59 Uhr MEZ) gestartet wird. Zwar nur elf Kilometer, aber diese haben gereicht, dass der Schweizer Rekordhalter Tadesse Abraham sagt: «Es sind bizarre Bedingungen – aber sie sind für alle gleich.» Und er schiebt nach, dass sie nicht nur bizarr, sondern «brutal schwierig» sein werden.

Die IAAF hat den Start aller Ausdauerdisziplinen auf Mitternacht angesetzt, doch auch dann herrschen in Doha noch Temperaturen von 30 bis 32 Grad, die Luftfeuchtigkeit beim Rennen der Frauen am letzten Samstag betrug 73 Prozent. Von 68 Gestarteten haben 28 aufgegeben.

«Es sind bizarre Bedingungen – aber sie sind für alle gleich.»Tadesse Abraham

Abraham, der EM-Silbergewinner des vergangenen Jahres in Berlin, hat trotz seiner 37 Jahre kaum Erfahrung mit einem Rennen bei solch extremen Verhältnissen. Mit Viktor Röthlin aber hat er sich über das WM-Rennen von 2007 unterhalten, jenen Triumphlauf des Schweizers in Osaka bei ebenfalls 33 Grad und über 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Röthlin gewann Bronze, sagte gegenüber SRF aber diese Woche, dass er damals seinen Namen kaum hätte sagen können, wenn man ihn danach gefragt hätte.

Kühlweste und viel trinken

Abraham ist direkt aus Äthiopien angereist, wo er in den vergangenen Wochen nicht wie üblich in Addis Abeba trainierte, sondern weiter südlich in Assela, im Heimatort Haile Gebrselassies. Er hat die Wärme in der Vorbereitung gesucht, und er hat das Training angepasst. «Es wird ein Rennen gegen die Hitze werden und nicht gegen die Zeit, es werden jene vorne sein, die den Wettkampf am besten einteilen», sagt Abraham. Auf höchster Intensitätsstufe habe er deshalb nicht trainiert. Er hat auf eine Zielzeit von 2:08 bis 2:09 Stunden fokussiert bei einer Bestzeit von 2:06:40. «Im Frauenrennen haben wir gesehen, dass alle rund zwölf Minuten über ihren Bestmarken geblieben sind, ich werde also gut rechnen müssen.»

Zwei Schweizer Marathon-Grössen fachsimpeln: Tadesse Abraham und Viktor Röthlin, der an der WM vor 12 Jahren in Osaka Bronze gewann. (Bild: Jean-Chrostophe Butt)

Mitentscheidend wird heute sein, dass Abraham mittels Kühlweste vor dem Rennen versucht, die Körperkerntemperatur möglichst lange tief zu halten. Und spätestens seit dem Missgeschick 2015 an der WM in Peking, als er bei Kilometer 30 seine Verpflegung nicht vorfand und danach entsprechend litt, weiss er um deren Bedeutung. «Wir werden sowieso viel mehr trinken müssen als üblich», sagt er.

Pille mit Chip? Nein

Dass es Läufer gibt, die eine Pille schlucken, die einen Chip enthält, der die Temperatur misst und andere Daten aufzeichnet, damit hat sich Abraham gar nicht auseinandergesetzt. «Für dieses Rennen nützen einem diese Angaben ja nichts», sagt er lapidar.

«Es wird ein Rennen gegen die Hitze werden und nicht gegen die Zeit.»Tadesse Abraham

Rund ein Dutzend Läufer tritt mit besserer Bestmarke an, alle vier Kenianer, alle vier Äthiopier, doch heissen will dies nichts. Im Frauenrennen gaben alle Äthiopierinnen auf. Nach dem 7. Platz bei Olympia in Rio und Rang 5 beim New York Marathon 2017 ist sein Ziel ein Spitzenplatz. «Dafür muss ich aber mit Köpfchen laufen», sagt er. Er werde sein eigenes Tempo anschlagen, «wenn jemand den gleichen Rhythmus läuft, dann werde ich mitgehen». Was er aber nicht tun werde: zu Beginn einer schnellen Gruppe folgen. «Die werde ich wohl später wiedersehen», sagt er und schmunzelt.

baz.ch/Newsnet

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