Zum Hauptinhalt springen

Das erste und letzte «beste Sportmagazin»

«Das beste Sportmagazin der Welt» sollte es werden. Nur eine einzige Nummer wurde gedruckt. Jetzt liegt das 212 Seiten dicke Heft vor.

N°1: «Das beste Sportmagazin der Welt». (Bild: Tamedia)
N°1: «Das beste Sportmagazin der Welt». (Bild: Tamedia)

Sie waren Helden und sind es bis heute. Helden der Schweizer Fussballgeschichte. Namen wie Ohrel oder Sutter, Herr oder Chapuisat. Und an diesem Sommertag sind sie alle da, fast alle jedenfalls. 16 dieser Helden sehen sich gemeinsam ein Fussballspiel an – ein ziemlich wichtiges in der Geschichte der Nationalmannschaft sogar: das famose 4:1 an der WM 1994 in den USA. Die 16 Helden waren dabei damals, und nun sitzen sie zusammen im Stadion von Solothurn und schauen Fernsehen. Und quatschen über die goldene Ära.

Gelungen ist das besondere Klassentreffen den Autoren des Sportmagazins «No.1». 838 Gramm ist es wuchtig, 212 Seiten dick. 900'000 Anschläge lang und 32 Geschichten reich: «No.1» ist ein Schwergewicht, und die Geburt war zäh. Doch jetzt ist es da, «das beste Sportmagazin der Welt». So grossspurig – und kein bisschen weniger – hatten es die Macher um die «Magazin»-Journalisten Christof Gertsch und Mikael Krogerus sowie die frühere Spitzen-Snowboarderin Ursina Haller angekündigt. So waren sie mittels Crowdfunding auf die Suche nach Geld gegangen. Fast ein Jahr dauerte die Produktion.

Was den Erstling so besonders macht: Es ist zugleich der Letztling – ein «No.2» wird es nicht geben. «No.1» ist das erste, einzige und letzte seiner Art. Knapp 10'000 Exemplare wurden bestellt, nachgedruckt wird nicht. Bis Weihnachten, rechnet Gertsch, dürfte das Heft ausverkauft sein. Unter www.dienummereins.ch und in der Calvados-Bar am Stadtzürcher Idaplatz sind die letzten Exemplare für 35 Franken zu bekommen.

Vom Ölbild über den Dopingsünder zur Cheerleaderin

Wie also rührt man die Werbetrommel für etwas, das ohnehin bald vergriffen ist? Ganz einfach: gar nicht. Ein Marketingbudget existiert in der improvisierten Redaktion so wenig wie genug Geld, um all die Stunden im Kernteam überhaupt marktgerecht zu entschädigen. Die Mundpropaganda dagegen funktioniert. So überwältigt er vor einem Jahr gewesen sei, als rund 7500 Hefte vorzeitig verkauft wurden, so erstaunt ist Gertsch jetzt über die Fülle der Nachbestellungen.

Da das Heft auch keinen Konsumententest am Kiosk bestehen muss, kommt es gemächlich daher, abseitig, entschleunigt. Auf dem Cover ein Ölbild mit Surferin. Dann der erste lange Text: Er widmet sich der Erfolglosigkeit Indiens im internationalen Sport. Weiter lesen wir vom dramatischsten Duell in der Geschichte der Tour de France. Vom Leben des überführten Dopingsünders Ben Johnson. Von Rüdiger, der einmal die Nummer 10 der deutschen Tennisrangliste gewesen war. Von Bailey Davis, der Cheerleaderin. Wir lesen Texte in starkem Layout, die wir nicht vermissen würden, wüssten wir nichts von ihnen. Und für die wir doch dankbar sind.

Rocky starb mitten in der Arbeit

Das beste Beispiel dafür ist das Gespräch mit Graciano Rocchigiani. Richtig verstanden! Der deutsche Boxer kam Anfang Oktober bei einem Verkehrsunfall auf Sizilien ums Leben, doch davor hatte er «No.1» im Sommer ein Interview gegeben, sein letztes. Mitten in der Produktionsphase ereilte das Team die Nachricht seines Todes. Das Interview wurde dann trotzdem gedruckt – zusammen mit dem besten Nachruf, der im deutschsprachigen Raum über den grossmäuligen Berliner erschienen ist. Wenn Christof Gertsch von «einer Hürde nach der nächsten» spricht, die es im letzten Jahr zu überspringen galt: Der Tod von «Rocky» war auch so eine.

Und trotz der vielen internationalen Artikel trügt der Schein: «No.1» wurde für den Schweizer Markt produziert. Zu Wort kommen Motorradpilot Tom Lüthi und (die liechtensteinische) Skirennfahrerin Tina Weirather. Zu Wort kommen auch Snowboarder Iouri Podladtchikov und YB-Sportchef Christoph Spycher, die frühere Kunstturnerin Ariella Kaeslin und Olympiasiegerin Nicola Spirig. Den Gisin-Schwestern ist eine Geschichte gewidmet wie auch der Schützin Heidi Diethelm Gerber oder Marathonläufer Christian Kreienbühl.

Nicht alles in «No.1» ist so gelungen wie das Treffen der Helden von 1994. Auch Christof Gertsch gefallen nicht alle Texte gleich gut (besonders seine eigenen nicht). So trägt der glühende Formel-1-Fan, dessen Liebe langsam erlischt, etwas sehr dick auf. «Wie Rafael Nadal Roger Federer sieht», ritzt bestenfalls die Oberfläche, und der Artikel über Indien, geschrieben von «Magazin»-Autor Bruno Ziauddin, erschlägt einen allein layouterisch. Es fehlen grösstenteils die kleinen Texte, die Spielereien, das unterhaltsame Kurzfutter.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch