Beim 25. Team spielt er die Saison seines Lebens

Erik Kratz hat in 16 Profi-Jahren vor allem eines gelernt: entlassen zu werden. Nun fordert er im MLB-Playoff die Grossen.

Er ist mit den Milwaukee Brewers auf Erfolgskurs: Erik Kratz.

Er ist mit den Milwaukee Brewers auf Erfolgskurs: Erik Kratz.

(Bild: Keystone Matt Slocum)

Anna Baumgartner@tagesanzeiger

Er hatte es jahrelang nicht mehr gespürt, dieses Gefühl, aber nun war es da. Erik Kratz stand mitten auf dem Feld in diesem Playoff-Spiel der Major League Baseball. Die Hände in der Luft, schaute er seine Teamkollegen mit grossen Augen an und rief: «Ich habe es geschafft!» Erik Kratz ist angekommen.

In der MLB laufen zurzeit die Playoff-Halbfinals. Neben Titelverteidiger Houston Astros, Vorjahresfinalist Los Angeles Dodgers und Qualifikationssieger Boston Red Sox spielt da ein viertes Team, mit dem vor der Saison nur die wenigsten rechneten: die Milwaukee Brewers.

Das Team aus dem Norden der USA gewann in der Qualifikation 96 seiner 163 Spiele und die Viertelfinalserie ohne Niederlage. Im Halbfinal gegen die Los Angeles Dodgers liegen sie zwar mit 2:3 Siegen zurück, doch so lange hat ihre Saison in den letzten 35 Jahren nur einmal gedauert (2011).

Seit vor zwei Jahren Sportchef und Trainer ausgetauscht wurden, geht es aufwärts. Das liegt auch daran, dass die Brewers trotz des kleinen Budgets die richtigen Puzzleteile finden. So gaben sie zwar 80 Millionen Dollar für den Feldspieler Lorenzo Cain aus. Doch sie holten auch viele, die anderswo nicht mehr gebraucht wurden.

Auf diesem Weg kam auch Erik Kratz im Mai in einem Tauschgeschäft mit den New York Yankees zu den Brewers. Nur wenige kannten da den 38-Jährigen, denn Erik Kratz hat in den 16 Jahren als Baseball­profi vor allem eines gelernt: entlassen zu werden.

Es ist nie das Ende

Das dunkelblaue Trikot der Milwaukee Brewers ist das 25., das er in seiner Karriere trägt. Er sagt: «Jedes Mal, wenn ich zu einem Team komme, denke ich: ‹Hier werde ich meine Karriere beenden.› Und zwei Wochen ­später heisst es: ‹Nein, wirst du nicht, tschüüss!›» 2002 wurde er von den Toronto Blue Jays gedraftet. Seither sahen die Transferperioden für ihn immer gleich aus: Er wurde ins Büro gerufen, ihm wurde gesagt, dass man für ihn keine Verwendung mehr habe, dass er einem anderen, Besseren Platz machen müsse, dass sein neuer Arbeitgeber auf ihn warte, tausend Kilometer weit weg.

Er ging von New Haven, Connecticut, nach Charleston, West Virginia, nach Auburn, New York, und weiter. In acht verschiedenen Ligen hat Kratz bereits gespielt, erhielt teilweise gerade einmal 1000 Dollar im Monat.

Seine Frau Sarah arbeitete ­anfangs als Primarlehrerin und übernahm zusätzliche Schichten in einem Warenhaus. Seit seinem MLB-Debüt 2010 beschränken sich die Transfers auf die obersten zwei Ligen. Nun kümmert sich Sarah um die drei Kinder – und die Umzüge. In ihrem Computer hat sie eine Liste gespeichert, in der jeder Gegenstand ihres Haushalts einer Kiste zugeordnet ist. Sie hat das Zügeln perfektioniert und kann es ­mittlerweile orchestrieren, ohne überhaupt zu Hause sein zu müssen.

Er kann die Menschen lesen

Als Fänger muss Katz die bis zu 150 km/h schnellen Zuspiele seines Werfers fangen. Doch was er vor allem tun muss, ist, seinen Gegenspieler zu lesen und dem Werfer zu sagen, wie er am besten an ihm vorbeizielt.

Die Eigenschaft hat er auch in manchen Büros verfeinert. Er hat gelernt, darauf zu schauen, ob es der Trainer ist, der ihn anruft, oder der Assistent des Koordinators, der für die Spielerentwicklung zuständig ist. Und er hat gelernt, einfach Tag für Tag zu nehmen oder: Team für Team. Auch die Brewers hatten ihn zuerst als Ersatz geholt. Doch Coach Craig Counsell erkannte, wie gut Kratz das Spiel lesen kann und wie wichtig er für das Team wurde – auch neben dem Feld. Nach der Partie, in der er erstmals in einem Playoff-Spiel eine Base erreichte, warteten sie in Schlangen, um mit ihm abzuklatschen – Teamkollegen, Video- und Werfercoaches.

In den USA nennen sie Erik Kratz «Journeyman», Geselle. Seine Wanderjahre werden wohl bald vorbei sein. Noch kann er sie als Meister abschliessen.

baz.ch/Newsnet

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