Wie gut ist die «Cobra» wirklich?

Der Boxer Arnold «The Cobra» Gjergjaj weist nach 21 Profikämpfen eine weisse Weste auf. Experten sagen, was dem Prattler noch für einen Titelkampf fehlt.

Weisse Hose, weisse Weste: Arnold Gjergjaj nach dem K.o.-Sieg gegen Janne Katajisto am Samstag.

Weisse Hose, weisse Weste: Arnold Gjergjaj nach dem K.o.-Sieg gegen Janne Katajisto am Samstag.

(Bild: Patrick Straub)

So langsam könnte man den Eindruck gewinnen, Arnold Gjergjaj habe das Vertrauen in die Menschheit verloren. Es war am 1. Oktober 2011, als Gjergjaj in der Turnhalle Gebenstorf im Ring stand, schwer gezeichnet von einem tiefen Cut. Es wäre ja durchaus denkbar gewesen, dass Gjergjaj mit ­dieser Verletzung am Ende als Verlierer dagestanden hätte, die Punkterichter hatten es in der Hand. Es wäre die erste Niederlage seiner Karriere gewesen. Aber Gjergjaj siegte. «Künftig», wird er sich nach diesem Kampf gedacht haben, «haue ich meine Gegner lieber schnell um, dann muss ich mich nicht mehr auf andere verlassen.» Acht Knock-outs folgten. Und der Sprung unter die ­besten 100 Schwergewichte.

Das «Projekt Arnold», wie Trainer Angelo Gallina es nennt, ist im Zeitplan, die «Aufbauphase» abgeschlossen, die «nächste Epoche» wartet auf den 28-Jährigen. Von Trainingseinheiten mit den übermächtigen Klitschkos ist nach dem jüngsten Sieg an diesem Wochenende die Rede, von Titelkämpfen, Gürteln. Grosse Boxträume eben. Aber ist der Prattler gut genug für all das? ­Ungeachtet der Tatsache, dass Gjergjaj mit kaum einem seiner 21 bisherigen Gegner übermässige Mühe bekundete, war ja zuletzt immer wieder nach dem Potenzial der Gegner und jenem Gjergjajs gefragt worden. Hat er das Zeug, den Durchbruch zu schaffen? Zeit, mit Leuten zu sprechen, die sich auskennen.

«Ein guter Eindruck»

Einer, der sich auskennt, ist Hagen Doering, Anfang 40, unscheinbar. Er setzt Kämpfe beim deutschen Boxstall Sauerland an, sucht nach passenden Gegnern, hat ein Auge für Talente. Er hat Robert ­Helenius entdeckt, einst sah er einen Boxer ­na­mens ­Arthur Abraham und befand, der Mann habe Talent. Doering hat Gjergjaj boxen sehen, auch wenn das mittlerweile zwei Jahre her ist. «Gjergjajs Kampfrekord ist ­ordentlich», sagt er. Zwar seien die Gegner des Prattlers keine grossen Namen, aber mit dem Sieg gegen den Finnen Janne Katajisto habe Gjergjaj unterstrichen, dass er auch für grössere Aufgaben infrage komme. Gegen Francesco Pianeta, der Gjergjaj bereits als Gegner angefragt hat, «hätte Gjergjaj eine Chance. Nun boxt Pianeta gegen Wladimir Klitschko.»

«Es fehlt noch an Kondition»

Die körperlichen Anlagen dafür sind gegeben, das sagt auch Jopo Pötschger. Beim Personal Trainer, der auch schon mit den zwei ukrainischen Dominatoren gearbeitet hat, hat sich Gjergjaj erst vor einem Monat Tipps geholt, und Pötschger war besonders angetan von der Einstellung des Schweizers: «Bei Arnold ist mir als Erstes aufgefallen, dass er einen hungrigen Blick hat und sehr wissbegierig ist. Er saugt alle In­formationen in sich auf und ist sehr aufmerksam.» Zwar müsse sich der 28-Jährige in Bereichen wie der Feinmotorik oder der Kondition noch verbessern, um irgendwann mal einen intensiven Kampf über acht oder sogar zwölf Runden zu überstehen. Aber viel wichtiger sei es, dass Gjergjaj trotz seiner 114 Kilo sehr beweglich, sehr variantenreich, sehr schnell sei. Schnell und beweglich genug jedenfalls, um Pötschger zu den Worten «Ich traue dem Jungen auf alle Fälle einiges zu» zu verleiten.

«Gjergjaj bräuchte einen Investor»

Ganz ähnlich sieht das auch ­Andreas Anderegg, der Präsident von Swiss Boxing. Allerdings weiss Anderegg auch, dass es im Boxen eben nicht nur um ­Fitness, Beweglichkeit und austrainierte Muskeln geht. Sondern oftmals auch ums liebe Geld. «Gjergjaj bräuchte jetzt einen Investor, der Geld vorschiesst, um ihm die bestmöglichen Bedingungen zu ermöglichen, was Trainingspartner und -orte anbelangt», sagt Anderegg. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass er bei grossen Boxern, die ihn herausfordern, verheizt werde. Aber eben einen solchen grossen Namen braucht Gjergjaj in seinem Lebenslauf, wenn er beweisen will, dass er einst auf Augenhöhe mit Boxern wie Odlanier Solis oder Robert Helenius, die beide schon in Basel nach der «Kobra» gefragt haben, kämpfen will. «Zu was er ­wirklich im Stande ist, zeigt sich, wenn Arnold gegen einen wirklich guten ­Boxer kämpft», sagt Anderegg.

Geduldiger Aufbau ohne Hektik

Der Plan ist es, Gjergjaj langsam aufzubauen, behutsam, ohne Hektik. Mit dieser Devise ist Trainer und Manager Angelo Gallina bisher gut gefahren, als er zum Beispiel am Wochenende ein kurzfristiges Angebot für einen Kampf gegen Solis ausschlug. Aber in den kommenden Monaten und Jahren, wenn Gjergjaj weiter an seinen Defiziten gearbeitet hat, wird er den Schritt wagen müssen und gegen einen grossen Namen antreten. Nur so macht er auf sich aufmerksam. Nur so kommt er in den Ranglisten weiter nach oben. Und kann beweisen, dass jene, die jetzt schon an seine Qualitäten glauben, sich nicht geirrt haben.

Basler Zeitung

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