Reisst der Sport den Schleier auf?

Die Öffnung des Sports für die Frauen bereitet der islamischen Welt grosse Probleme. Denn religiöse Vorschriften aus dem Mittelalter und die moderne Sportkluft lassen sich nur schwer vereinbaren.

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Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Der Fussball, in der westlichen Welt nun schon seit Jahrzehnten nicht nur Männersache, hat einen kleinen Fortschritt gegen die Unterdrückung der Frauen in der muslimischen Welt erzielt. Anlässlich der Internationalen Konferenz der Sportverbände (Sportaccord) in Dubai sagte Sepp Blatter: «Wir haben es schriftlich.» Der mächtige Präsident des Weltfussball-Verbandes (Fifa) wies auf einen Fax hin. In diesem steht, dass das Nationale Olympische Komitee von Iran angeboten habe, den Hijab, den von Sittenwächtern streng auf Sitz und Verhüllungsgrad überprüften Kopfputz, für seine Fussballspielerinnen zu lockern. «Wenn sich das realisiert, ist es ein grosser Schritt für den Frauenfussball», meinte Blatter in Dubai.

Die in Dubai anwesende Korrespondentin von Faz.net interpretiert dieses Schreiben aus dem Iran folgendermassen: «Der Schleier über dem muslimischen Frauensport reisst damit überraschend auf – als Reaktion auf die noch unerbittlichere Haltung der Fussball-Regelwächter.» Vor drei Wochen zeigte Blatters Organisation, wer die Macht im Sport besitzt: Nach monatelangen Verhandlungen hatte der Verband das Mädchen-Team der Republik Iran von den Olympischen Jugendspielen im August in Singapur ausgeschlossen, weil die Sportführung des islamischen Landes auf der traditionellen Verhüllung bestand.

Der Grund für die «rote Karte» der Fifa: Der Sport-Verband bezog sich auf die Bekleidungsregel, die eine Kopfbedeckung für Feldspieler nicht vorsieht. Das unter dem Kinn geschlossene und mit einem Stirnband fixierte Tuch wurde als zu gefährlich eingestuft. Blatter erklärte nun, dass «sie nun nicht mehr mit dem Hijab spielen wollen, sondern mit einer Art Mütze oder Schal.» Noch im Mai werde die Fifa den Fall abgeschlossen haben.

Auch Rogge hebt den Zeigefinger

Die Öffnung des Leistungssports für die Frauen bereitet den strikten islamischen Nationen Probleme, die weit über sportpolitische Aspekte hinausgehen. Letztlich geht es auch um die gesellschaftspolitische Stellung der Frau in der islamischen Welt. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) hat indessen angekündigt, dass es Olympia-Teams, die nur aus Athleten bestünden, nicht mehr tolerieren würde. Angestrebt wird ein Dorf mit Olympioniken, das zur Hälfte von Sportlerinnen bewohnt wird. Bereits in London 2012 dürfte das IOK diesem Ziel schon wieder ein Stück näher rücken.

Blatter, der in den letzten Jahren stets betont hat, dass die Zukunft im Fussball weiblich sei, erhält Rückendeckung vom Belgier Jacques Rogge. Der Boss des IOK meinte in Dubai über arabische Länder, die nur Männer nach Olympia entsenden: «Wir sind nicht auf einen Ausschluss aus. Aber wir haben klar gesagt, dass es in jeder Mannschaft auch Frauen geben muss. Das IOK droht nicht, wir wollen effektiv verhandeln. Wir arbeiten daran. Es ist aber nicht leicht.»

Der Geist der Sittenwächter und die Regeln des Sports

Tatsache ist, dass vor allem die Öl-Staaten den Sport als Spielwiese entdeckt haben. Neben tollen Formel-1-Anlagen in der Wüste sind reiche Fürsten gewillt, Olympia oder gar die Fussball-WM auf die arabische Halbinsel zu bringen. Doch die Gratwanderung mit den immensen Sport-Events und den Vorschriften aus dem Mittelalter für die sportbewusste arabische Frau ist heikel, gerade in einem traditionellen Land wie Saudiarabien. «Die Geistlichen des Landes verlangen, dass die Frauen nicht Sport treiben, sondern im Haus bleiben, um Mann und Kinder nicht zu vertreiben», weiss die FAZ-Korrespondentin. Private Fitnessklubs würden durch eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) als schamlos gebrandmarkt und würden von der Polizei kurzerhand wieder geschlossen.

Selbst wenn muslimische Frauen-Equipen gegeneinander antreten, kann es wegen den strengen, religiösen Regeln zu Absagen und Konfrontationen kommen. Ein geplantes Frauen-Länderspiel der Basketballerinnen zwischen Saudiarabien und Jordanien konnte nicht stattfinden. Die Erklärung: Der saudiarabische Verband wollte den jordanischen Trainer nicht in die Halle lassen – er war ein Mann.

baz.ch/Newsnet

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