Kampf gegen das Kartell

In den USA droht sowohl in der NFL als auch in der NBA ein Ausfall der Saison. Warum immer diese Streiks?

Der vielleicht kompletteste Quarterback in den USA klagt gegen die potenteste Sportliga der Welt: Tom Brady der New England Patriots, verlangt stellvertretend für die Footballspieler einen grösseren Anteil am Umsatz der NFL.

Der vielleicht kompletteste Quarterback in den USA klagt gegen die potenteste Sportliga der Welt: Tom Brady der New England Patriots, verlangt stellvertretend für die Footballspieler einen grösseren Anteil am Umsatz der NFL.

(Bild: Reuters)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Der Fall könnte den Sport in Nordamerika verändern. Er geht am 6. April in Minneapolis vor Gericht, genannt wird er «Tom Brady vs. NFL». Der eine ist der vielleicht kompletteste Quarterback in den USA, die andere ist die potenteste Sportliga der Welt. Neun Milliarden Dollar setzt sie Jahr für Jahr um. Und weil die Spieler mehr von diesem riesigen Kuchen möchten, zerrten sie die Liga vor Gericht. Es droht nicht nur ein langwieriger Prozess, es droht vor allem ein Lockout, der Ausfall der jeweils im September beginnenden Saison.

Beim Phänomen eines Lockouts zeigt sich der vielleicht grösste Unterschied zwischen europäischem und amerikanischem Sport: Die Klubs sind keine Klubs im hier bekannten Sinn, sondern Franchises, wie sie Fastfoodketten wie McDonald’s betreiben – die Klubs sind Filialen der Liga. Das bedeutet, dass die Spieler wohl vertraglich an die Klubs gebunden sind, aber die Liga die kontrollierende Instanz ist; in der Fussball-Liga MLS zum Beispiel bezahlt sie sogar den Lohn des «designated players» – jenes Spielers, der von der Gehaltsstruktur ausgenommen ist und deutlich mehr erhält. Bei Los Angeles ist das David Beckham, bei Vancouver der frühere FCZ-Stürmer Eric Hassli.

Im Widerspruch zur Verfassung

Im Prinzip ist die Liga also der Arbeitgeber. Sie schreibt den Klubs vor, wie viel der Mindestlohn eines Spielers betragen darf und wie hoch die Gehaltsobergrenze der Teams ist. Und weil Profiligen geschlossene Zirkel sind ohne Auf- und Absteiger und ihre Spieler kein Recht auf freie Arbeitsplatzwahl besitzen, wären sie eigentlich ein Kartell und daher verboten: Der «Draft», bei dem die Universitäts-Abgänger von den Klubs verpflichtet werden, widerspricht ebenso den Verfassungen der USA und von Kanada wie der ungefragte Transfer in eine andere Organisation.

Legal wird das erst dank der Gewerkschaft, einer «player’s union». Diese handelt mit der Liga und den Klubs Gesamtarbeitsverträge (GAV) aus und fordert natürlich jedes Mal mehr Lohn für die Spieler, wenn der GAV ausläuft. So geschehen nun in der NFL – die Gewerkschaft will eine gerechtere Verteilung der Einkünfte. Ausserdem wehren sich die Spieler gegen eine Verlängerung der Qualifikation von 16 auf 18 Spiele.Das effektivste Mittel der Gewerkschaft, Druck zu erzeugen, geht so: Sie löst sich auf. Denn ohne zertifizierte Spielergewerkschaft ist die Liga ein Kartell, und ihre Struktur und ihr Monopol sind rechtlich belangbar. Dem folgt die Einreichung einer Sammelklage der Spieler. Worauf die Klubs ihren Spielern Hausverbot erteilen, sie aussperren.

«Die Kluft ist riesig»

Das droht 2011 nicht nur den Footballern, sondern – bereits zum vierten Mal in 16 Jahren – auch wieder den Basketballern der NBA. Bis zum 1. Juli müssen sich Liga und Spieler über den neuen Vertrag einigen, ansonsten dürfte die Saison ausfallen. Ligapräsident David Stern ist pessimistisch: «Die Kluft zwischen den Parteien ist riesig.» Ein Tarifstreit muss nicht zwingend im Lockout enden. In der berühmten Eishockey-Saison 2004/05, die Spieler wie Joe Thornton oder Dany Heatley in die Schweiz führte, hatte die Gewerkschaft darauf verzichtet, sich aufzulösen. Rechtlich gesehen war diese Situation ein Streik der Spieler und nicht ein Lockout, als der sie landläufig meist bezeichnet wurde.

Der Ausgang des Falls «Brady vs. NFL» ist noch offen. Zwar liegen die Ansichten meilenweit voneinander entfernt – aber: Die NFL hat eine solche Ausstrahlung, dass man sich einen Herbst ohne sie kaum vorstellen kann. Dazu kommt die enorme Wirtschaftskraft – der Superbowl-Sonntag ist jener Feiertag in den USA mit dem zweitgrössten Umsatz in den Supermärkten. Und nicht zu vergessen ist, welch massiven Zweig in der Wettbranche der Sport darstellt – und welches Zugpferd für Sportbars. «Das wäre ein gigantischer Verlust», fürchtet zum Beispiel Jim Speros im «Washington Business Journal». Speros betreibt in New York fünf Bars, er glaubt, dass die Sportfans komplett ausbleiben würden. Immer wieder sonntags wird die NFL von 13 Uhr bis nach Mitternacht Ostküstenzeit übertragen. Speros ahnt: «Die Menschen würden sich sofort andere Aktivitäten suchen.»

Tages-Anzeiger

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