«Ich lagerte das Epo im Kühlschrank»

Hintergrund

In seiner Autobiographie berichtet Bjarne Riis, der Teamchef von Fabian Cancellara, ausführlich über seine Dopingpraktiken, wie viel er für Doping ausgab und wen er einweihte.

Haus mit Aussicht in Lugano: Bjarne Riis lud dänische Medien zu sich in die Schweiz ein, um über seine Autobiographie zu informieren.

Haus mit Aussicht in Lugano: Bjarne Riis lud dänische Medien zu sich in die Schweiz ein, um über seine Autobiographie zu informieren.

Heute erscheint in Dänemark die Autobiographie von Bjarne Riis, dem Gewinner der Tour de France 1996, die in rund einjähriger Zusammenarbeit mit dem Journalisten Lars Steen Pedersen entstanden ist. «Ich habe Dopingmittel für gut und gerne eine halbe bis eine Million dänische Kronen (heute rund 180'000 Franken; die Red.) gekauft», sagte der Teamchef von Saxobank, bei dem Fabian Cancellara noch bis ende Jahr unter Vertrag steht, der dänischen Tageszeitung «Politiken». Wie Riis in einigen Interviews mit dänischen Zeitungen erklärte, habe er sich schon in den Achtzigerjahren gedopt.

Begonnen habe er mit Cortison und habe seit 1993 regelmässig Epo benutzt. «Das schwerste war die erste Spritze mit Vitaminen und Mineralien, die wir alle bekommen haben, und mit der Zeit lernten wir, sie uns selbst zu geben. Deshalb hatte ich keine Probleme mit den ersten Dopingspritzen, das war völlig undramatisch. Es war ja nur etwas anderes in der Spritze drin als Vitamine», sagte Riis.

Partnerinnen waren informiert

Das Epo habe er zu Hause im Kühlschrank gelagert. So sei es zur täglichen Routine geworden, sich nach dem Training im Schlafzimmer noch schnell eine Spritze zu setzen. «Es war reine Routine – wie der Toilettenbesuch», erklärte Riis in einem längeren Gespräch mit «Söndagsavisen». Seine Lebenspartnerin Anne Dorthe Tanderup, eine ehemalige Handballspielerin, war über die verbotenen Praktiken von Riis stets informiert, wie auch Riis’ erste Frau Mette.

Im Gespräch in Riis’ Haus in Lugano erzählte der Däne auch, wieso er überhaupt zu den verbotenen leistungssteigernden Mitteln griff. «Ich konnte stehen bleiben oder meinen Ambitionen folgen, und ich wollte meinen Ambitionen nachgehen», erinnert er sich. In einem weiteren Interview mit der Internetseite Sporten.dk betonte der 46-Jährige, dass in seiner aktiven Zeit «alle» über den Gebrauch von Dopingmitteln Bescheid wussten: «Das war nichts, was ich als etwas total Verbotenes erachtete, das war etwas völlig Natürliches. Die Presse wusste es auch, das war nichts Heimliches.»

Epo während Tour weggespült

So berichtet Riis, wie er 1998 bei einer Polizeirazzia beinahe erwischt worden wäre. Es war die Tour de France des Festina-Skandals, im Zuge dessen Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier der Epo-Einnahme überführt worden waren. Das Team Deutsche Telekom, für das er damals fuhr, sollte ebenfalls Ziel einer Razzia sein, kam ihm zu Ohren. «In meinem Zimmer hatte ich keine Wahl. Meine Ampullen mit Dopingmitteln mussten schnell verschwinden. In wenigen Minuten sammelte ich meine Epo-Dosen zusammen und spülte sie die Toilette hinunter», erzählt Riis.

Danach hatte Riis eigenen Angaben zufolge genug vom Doping. Im Frühjahr 1999 sammelte er alle seine Trainingstagebücher, in denen er über Hämatokritwert (sein Übername war Mr. 60%), Epo-Dosen, Puls sowie Dopingmittel Buch geführt hatte, und schuf sie aus dem Haus. «Es war eine Befreiung. Es hing mir schon zum Hals heraus. Noch heute graut mir, auch nur eine Vitaminpille zu nehmen», sagt er. Im gleichen Jahr beendete er seine Karriere nach einem schweren Sturz bei der Tour de Suisse. 2007 gestand er erstmals die Einnahme von Doping, sein Name wurde aus der Siegerliste der Tour de France gestrichen.

Doch auch in seiner Autobiographie hält sich Riis an die Omerta, das Gesetz des Schweigens, das dem Radsport auch heute noch genauso oft wie systematisches Doping vorgehalten wird. Denn in einem anderen Interview präzisiert Riis nicht, wer denn nun ganz genau «alle» sind: «Das Buch erzählt nur meine Geschichte, meine Wahrheit. Mein Ziel ist es nicht, andere zu beschuldigen. Ich wurde nicht unter Druck gesetzt, es war meine Entscheidung. Es ist kein Klatsch-Buch.»

baz.ch/Newsnet

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