«Ich habe brutal Angst vor Kobras»

Wie viel weiss Profiboxer Arnold Gjergjaj (28) über die Schlange, die ihm seinen Übernamen gibt? Vor seinem 22. Sieg im Grand Casino Basel gab uns der Prattler ein tierisches Interview.

Die «Cobra» gewinnt auch ihren 22. Kampf: Arnold Gjergjaj bezwingt am 11. Mai im Grand Casino Basel den Argentinier Nelson Dario Dominguez durch KO in der dritten Runde 3.

Die «Cobra» gewinnt auch ihren 22. Kampf: Arnold Gjergjaj bezwingt am 11. Mai im Grand Casino Basel den Argentinier Nelson Dario Dominguez durch KO in der dritten Runde 3.

(Bild: Facebook/Shpend)

Arnold «The Cobra» Gjergjaj, was wäre, wenn Sie alleine im Ring mit einer Kobra stehen würden?
Was dann wäre? Ich würde sofort abhauen.

Es gäbe keinen Kampf?
Nein, nach einer Sekunde wäre ich schon draussen. Der Ringrichter müsste den Kampf abbrechen. Das Publikum hätte also nicht viel von so einem Kampf. Ich habe brutal Angst vor Kobras, überhaupt vor Schlangen. Als ich mit der Lehre als Heizungsmonteur anfing, mussten wir uns vorstellen. Ich sagte: «Ich heisse Arnold Gjergjaj und habe Angst vor Schlangen.» Kürzlich traf ich einen Kollegen von damals, der sich noch daran erinnerte. «Ausgerechnet du», sagte er, «ausgerechnet du heisst nun ‹The Cobra›.» Es sind aber nicht nur Schlangen. Alles, was kriecht, ist mir unheimlich. Auch Ratten finde ich ganz schlimm.

Sind Sie schon mal einer Schlange begegnet?
In der Schweiz nur im Zolli, früher in Kosovo in freier Natur. Da hatte es viele giftige Schlangen. Gebissen hat mich aber noch nie eine. Zum Glück.

Wie viel wiegt eine Kobra?
5 Kilogramm?

Kommt auf die Kobra-Art an. Königskobras werden bis zu 20 Kilogramm schwer. Wie schwer sind Sie?
112 Kilogramm ist mein ideales Kampfgewicht.

Wie gross kann eine Kobra werden?
Zweieinhalb Meter?

Es gibt Exemplare, die über dreieinhalb Meter lang werden können. Königskobras werden sogar bis zu 5 Metern lang.
Da bin ich mit meinen 1,97 Metern ja ein Zwerg dagegen. Ein Grund mehr, um so schnell wie möglich aus dem Ring abzuhauen!

Was isst eine Kobra?
Ich glaube, die isst alles, was ihr gerade in den Weg kommt. Und ganz bestimmt besonders gerne Fleisch.

Kleine bis mittelgrosse Säugetiere, Vögel, Schlangen, Eidechsen, Amphibien. Und Sie?
Sicher keine Eidechsen. Am liebsten habe ich Pasta mit viel Tomatensauce. Oder mageres Fleisch. Und ich liebe weisse Bohnen, die habe ich früher als Kind in Kosovo immer gegessen. Ganz schlimm finde ich rohes Fleisch.

Wer ist der gefährlichste Feind der Kobra?
Das weiss ich, das habe ich in einem Dokumentarfilm gesehen. Das sind Adler sowie Mungos. Die sind sehr schnell – zu schnell für die Kobra.

Wer ist Ihr gefährlichster Feind?
Wladimir Klitschko.

Kobras kommen in Asien und Afrika vor. Sie sind in Kosovo geboren. Wann kamen Sie in die Schweiz und wie gefiel es Ihnen in Ihrem neuen Territorium?
Ich kam mit 14 in die Schweiz, und ich fühlte mich sehr fremd. Mir fehlten meine Freunde. Ich habe damals wohl jeden dritten Tag geweint. Heute habe ich mich gut eingelebt hier, ich fühle mich wohl. Ich glaube, heute würde ich in Kosovo jeden dritten Tag weinen, wenn ich dort leben müsste. Ich gehe pro Jahr zwar ein- bis zweimal zurück, doch leben möchte ich in der Schweiz.

Wie viel haben Sie vom Krieg mitbekommen?
Es war eine schlimme Zeit. Krieg verändert das Leben auf einen Schlag. Ich lebte in einem kleinen Dorf, in dem alle bestens miteinander auskamen. Unsere Nachbarn waren Serben und unsere besten Freunde. Als der Krieg ausbrach, war nichts mehr wie vorher. Unsere Nachbarn brachen den Kontakt ab. Ich konnte es nicht verstehen. Es war irgendwie unwirklich. Krieg hatte doch immer irgendwo anders stattgefunden. Weit weg von uns auf anderen Kontinenten. Und nun war er plötzlich bei uns und wir mittendrin. Heute kommt es mir vor, als hätte ich zwei Leben gelebt – eins vor und eins nach dem Krieg.

Wie wurden Sie zur «Cobra»?
Ein Kollege fragte mich, ob ich mal im Kickbox-Training vorbeischauen will. Ich ging hin, bekam am nächsten Tag fürchterlichen Muskelkater. Trotzdem machte ich weiter. Mein Vater war jedoch dagegen. «Geh lieber zum Basketball mit deiner Grösse!», sagte er. In den Ferien ging ich dann jobben und verdiente 1000 Franken. Damit zahlte ich die Mitgliedschaft im Thaibox-Gym und die Ausrüstung. Ich hielt meinem Vater den Vertrag hin und forderte ihn auf, zu unterschreiben. Seitdem hat er nie mehr etwas gegen den Kampfsport gesagt. Später wechselte ich zum Boxen, wo ich Angelo Gallina begegnete. Wir verstanden uns sofort, nach dem Schweizer Meistertitel wurde ich schliesslich vor viereinhalb Jahren Profi. Angelo fand, dass ich einen Kampfnamen benötige. Da kam er auf «The Cobra», weil ich im Ring so unvermittelt zuschlug, wie eine Kobra zubiss. Zuerst wollte er mich «Baby-Cobra» nennen, doch das fand ich gar nicht gut. «The Cobra» gefällt mir.

Ist es nicht ein wenig heikel, dass Sie als Kobra von einem Huhn betreut werden?
Von einem Huhn?

Ja, von einem Huhn. Angelo Gallina bedeutet zu Deutsch ja Huhn, sein Kampfname hiess «Speedy Chicken» – zu Deutsch: schnelles Huhn.
Ach so. Nein, Gallina muss nicht befürchten, dass ich ihn verschlinge. Damit würde ich mir selber schaden. Er behandelt mich fair und versucht mit dem Stil zu arbeiten, den ich von Natur aus mitbringe. Im Übrigen wissen Kampfhühner, wie sie sich am besten verteidigen können: Zum Beispiel, indem sie das Auge ihres Gegners ausstechen.

Wird es am Samstag nach dem Kampf gegen Nelson Dario Dominguez heissen: Die «Cobra» hat wieder zugebissen?
Das werden wir sehen. Ich weiss, dass Dominguez keiner ist, der lange abwartet. Er ist schnell und hat einen guten Punch. Ich muss deshalb machen, was ihm nicht passt.

Nämlich?
Es ist klar, dass ich das hier nicht verraten darf. Aber ich hoffe, dass man es im Kampf sehen wird.

Eine Kobra hat keine Ziele. Sie hingegen schon.
Da muss ich Ihnen widersprechen. Auch eine Kobra hat ein Ziel: Einmal pro Monat muss sie etwas Schönes zwischen die Zähne kriegen. Mein Ziel ist es, ganz nach oben zu kommen. Ich möchte dies jedoch nicht durch Reden erreichen, sondern durch harte Arbeit.

Haben Sie manchmal Zweifel, ob es gelingt?
Ich glaube, die hat jeder Boxer. Denken Sie nur daran, wie sehr Wladimir Klitschko nach seinen drei K.o.-Niederlagen an sich gezweifelt hat. Heute ist er der unbestrittene Weltmeister.

Eine Kobra hat sicher kein Vorbild. Sie hingegen schon – welches?
Lennox Lewis. Ich habe den Briten genau studiert. Er beobachtete zuerst den Gegner und suchte Schwächen und Lücken. Wenn er sie dann gefunden hatte, war für den Gegner zumeist Feierabend. Lewis hatte schnelle Fäuste und einen harten Schlag.

Folgt die Kobra ihrem Dompteur, gibts zur Belohnung einen Happen. Was bekommen Sie von Ihrem Promoter?
Ich kann Ihnen jetzt nicht mal sagen, wie viel es ist. Geld hat für mich keine Priorität. Natürlich hätte ich nichts gegen einen guten Zahltag. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich in den Ring steige. Ich habe beim Boxen noch nie daran gedacht. Ich boxe, weil ich diesen Sport liebe und besser sein will als meine Gegner. Und weil ich Weltmeister werden will. Das geht auch deshalb, weil ich von meiner Familie unterstützt werde und mit wenig Geld auskommen kann.

Welche Happen können Sie schlucken, welche wären noch eine Spur zu gross?
Wladimir Klitschko wäre derzeit wohl unverdaulich. Er hat mehr Erfahrung, ist körperlich und mental unglaublich stark. Und nicht zuletzt hat er perfekte Trainingsbedingungen. Vor seinem Kampf gegen Pianeta wurden ihm jede Woche neun Sparringpartner vor die Fäuste gestellt. Das ist natürlich traumhaft. Möchte ich Sparring machen, steht mir gerade mal Nuri Seferi zur Verfügung. Weitere Trainingspartner müssen wir einfliegen lassen.

Welches ist Ihr Lieblingstier?
Sie werden lachen: Es sind Hühner. Wir hatten früher in unserem Garten in Kosovo diese kleinen farbigen Hühner, die wild herumrannten. Ich fand die witzig. Hätte ich heute einen Garten, würde ich mir sofort ein paar von diesen kleinen Tieren besorgen. Mit reiner Weste

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt