Ein Rock'n'Roller rockt Sanremo

Der Franzose Alaphilippe holt sich den ersten Erfolg bei einem der fünf Radsport-Monumente.

Julian Alaphilippe kann nach 291 km jubeln. Er gewinnt Mailand San Remo.

Julian Alaphilippe kann nach 291 km jubeln. Er gewinnt Mailand San Remo.

(Bild: Keystone)

Emil Bischofberger@bischofberger

Jedes Jahr im Februar schaut Italien nach Sanremo. Dort findet das Festival della Canzone Italiana statt, der Event alleine sorgt dafür, dass die italienischen Schnulzen nie ausgehen werden. Am frühen Samstagnachmittag verlängert ein recht schmächtiger Franzose das Festival um einen Tag. Wobei sein Musikgeschmack nicht so ganz nach Sanremo passt. Julian Alaphilippe gibt gerne den Rock 'n' Roller, bei der Musikwahl im Teamauto wie auf dem Rennvelo.

26 ist er mittlerweile, und hat eine schöne Karriere gemacht, indem er sich regelmässig foutierte, was die Leute sagten. Mit 22 war er plötzlich da, fuhr bei den so anspruchsvollen Ardennenklassikern stinkfrech vorne mit, als wäre nichts dabei, gewann die Rennen beinahe. Vielleicht war es gut, dass er damals Zweiter wurde, sicher für sein Image als wilden Draufgängers.

Dieses hat er sich weiter entwickelt, wobei: Er ist einfach geblieben, wie er schon damals war. Direkt, ungeschliffen. Nur fährt er nun die Radrennen zwei Mal klüger. Vor einem Jahr gewann er den Flèche Wallonne, und dann im Sommer an der Tour de France zwei Etappen, das Bergtrikot – und die Herzen der Landsleute.

In diesen Wochen nun fliegt er durch Italien. Vor zwei Wochen gewann er das Eintagesrennen Strade Bianche. Dann zwei Etappen des Tirreno–Adriatico. Spätestens mit jenen Siegen rückte er in jene Position, die ihm nicht immer gut bekommt: Die des grossen Favoriten, für Mailand–Sanremo.

Als solcher startet er am Samstagvormittag in der norditalienischen Metropole. Und wie es sich für den Favoriten gebührt, agiert er, als gut sechs Stunden später die entscheidende Rennphase gekommen ist, hinauf zum Poggio, dem letzten Hindernis vor dem Ziel. Dass sich um ihn herum eine Zahl von weiteren Hochkarätern schart, für die zwei Hände nicht reichten – geschenkt. Alaphilippe zieht sein Ding durch, ignoriert die Komplexität dieses Rennens hinunter zur ligurischen Küste, indem er auf die Pedalen drückt.

Klar kann man anmerken: Mit so einer Topform ist das auch ein Leichtes. Nur: Ist das wirklich so? Wie viele Ausgaben von Mailand–Sanremo waren da in der Vergangenheit, als all die grossen Namen warteten und warteten, bis dass etwas geschähe, bis dass irgendein anderer Fahrer die Initiative übernähme, auf dass sie selber davon profitieren könnten?

Vielleicht war Vincenzo Nibali vor einem Jahr der Neuerfinder von La Primavera, das nun so anders, viel offensiver, gefahren wird: Der Sizilianer gewann, weil er zuoberst am Poggio angriff und damit all den Sprintern ein Schnippchen schlug. Aber eben: Das gelang in den vergangenen 20 Jahren genau zwei Fahrern.

Rekord am Poggio

Alaphilippe ist das egal. Er geht ebenfalls in die Offensive, folgt einem Angriff des Italieners Alberto Bettiol. Der Franzose löst damit eine Kettenreaktion aus. Keinem der grossen Namen ist nun noch nach Pokern zu Mute, sie alle wollen dabei sein, wenn «Loulou», wie sie den Spassvogel beim Deceuninck-Quickstep rufen, sein Ding macht. Sie alle bezwingen den Poggio – laut «Gazzetta dello Sport» – so schnell wie noch nie. Kein Wunder schütteln sie so alle Sprinter ab.

Als es in die Abfahrt geht, hat sich die hochkarätigste Sanremo-Spitzengrupp formiert. Mit Alaphilippe, mit Kwiatkowski, dem Sieger 2017, mit Weltmeister Valverde, mit Europameister Trentin und mit Dauerfavorit Sagan.

Ein, zwei Vorstösse gibt es noch, aber es ist klar, dass es zum Endspurt kommen wird. In diesem ist Alaphilippe erst gar noch eingeklemmt. Aber ein Fahrer in Topform lässt sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen. Ausgerechnet Peter Sagan ist es, der die Lücke öffnet, so zugleich selber den Abgang des Sprints verpasst und damit erneut ein Duell auf der Zielgeraden von Sanremo verliert. Alaphilippe dagegen übernimmt auf so überzeugende Art die Spitze, dass er den Sprint vor der Linie abbrechen und zum Jubel übergehen kann. Mailand–Sanremo soll das schwerste zu gewinnende Radmonument sein? Für Peter Sagan ja. Für Julian Alaphilippe? Pha.

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