«Diesmal dauert das Leiden deutlich länger»

Viktor Röthlin begibt sich am Samstag beim Jungfrau-Marathon auf ungewohnt steiles Terrain. Für ihn ein harter Brocken, für den Veranstalter ein Segen.

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Zurück zum Start. So ist Viktor Röthlins nächstes Vorhaben, das in gewisser Weise auch ein grosses Abenteuer ist, zu verstehen. Nach 25 Marathons über flache Strecken will er seine erste Ausdauerprüfung im hochalpinen Gelände meistern. Von Interlaken hinauf auf die Kleine Scheidegg. Nach dem eher sachten Einstieg bis zu Kilometer 25 folgt der giftige Aufstieg hoch nach Wengen. Die Gesamtdistanz bleibt mit 42,195 Kilometern unverändert, angereichert ist die Route allerdings mit nahezu 1900 Höhenmetern.

Der Europameister geht von einer ganz neuen Erfahrung aus und bedient sich einer metaphorischen Sprache. «Über all die Jahre habe ich ganz viele Erkenntnisse gesammelt und sie zu einem dicken Marathonbuch zusammengefasst. Doch nun blättere ich weiter zu zwei noch gänzlich leeren Seiten.» Diese will der 38-Jährige mit spannendem Inhalt füllen und am liebsten die Überschrift «Weiterer Triumph» darüber setzen.

Röthlin macht kein Geheimnis aus seinen Ambitionen, möchte bei seinem ersten Gebirgsmarathon auf Anhieb den ganz grossen Coup schaffen und verweist auch auf eine günstige Ausgangslage: «Ich verspüre viel weniger Druck als gewöhnlich. Denn niemand erwartet von mir gleich den Sieg.» Dadurch wiederum könne er sich mental extrem pushen. Dies soll zur gewohnten Konzentration und Aggression, die er sich in der aktuell finalen Phase des Taperings (Reduktion des Trainingsumfangs unmittelbar vor der grossen Belastung) aufbaut, zusätzlichen Schub verleihen.

Der Blick richtet sich nach Zürich

Mit dem Geländeumstieg versucht Röthlin auf dem Weg zu seinem letzten sportlichen Ziel, der Heim-Europameisterschaft im kommenden Sommer in Zürich, neue Akzente zu setzen. Er berücksichtigte dabei, dass die EM-Strecke viermal mit einem kurzen Aufstieg zur Polyterrasse gespickt ist. Und er liess sich von persönlichen Befindlichkeiten leiten. 2011 war Röthlin als Gast auf die Kleine Scheidegg geladen, 2012 gab er den Startschuss ab, und er staunte damals über einen «wahnsinnig coolen Event, über die wahre Marathongrösse in unserem Land».

Schnell war ihm klar, dass er den Jungfrau-Marathon gerne auch einmal als Hobbysportler bestreiten möchte. Später kam die Idee, dass ein Start als Profi mit der Aussicht auf ein Spitzenresultat viel reizvoller sein würde. Diese Pläne zogen einen Strategiewechsel nach sich, der Langstreckenspezialist musste stark von seiner standardisierten, akribischen Marathonvorbereitung während zwölf Wochen abweichen. Er musste sich darauf einstellen, den ersten Teil wie gewohnt in durchschnittlich drei Minuten pro Kilometer zurückzulegen und am Berg dann plötzlich nur noch mit sieben oder gar acht Minuten voranzukommen. Dazu trainierte er viel am Berg, investierte mehr in die Grundlagenausdauer und in den Kraftbereich. Die Umfänge, die er zurücklegte, wurden länger, dafür reduzierte sich das Gesamtpensum.

Die einst ungeliebten Wanderferien

Spannend dürfte sein, wie er auf die Wettkampfdauer reagieren wird. «Normalerweise ist nach etwa 2:10 Stunden Schluss, doch diesmal dauert die Leidenszeit deutlich länger», gibt er zu bedenken. Dabei bleibt vielleicht sogar etwas Zeit, um frühen Kindheitserinnerungen nachzuhängen. Röthlin verbrachte mit seinen Eltern regelmässig Wanderferien in Grindelwald. «Und dabei habe ich es nicht immer cool gefunden, die Berge hochkraxeln zu müssen», sagt er. Mittlerweile macht er es freiwillig. Am Samstag kalkuliert Röthlin mit einer Endzeit knapp unter drei Stunden. Inhaber des Streckenrekords ist in 2:49:02 Jonathan Wyatt – der Neuseeländer gilt erneut als zäher Rivale des Schweizers.

Nach dem Experiment Jungfrau-Marathon kehrt Röthlin auf die Strasse zurück und muss in erster Linie an seiner Tempohärte arbeiten. Seine nächste Station führt ihn sinnigerweise nach Japan, von dort stammt das Gros der Touristen mit Endpunkt Jungfraujoch. Am 1. Dezember will er beim Fukuoka-Marathon das nächste Kapitel in seinem Buch aufschlagen. Es wird dies eines sein, das ihm wieder vertraut ist.

Ein gefeierter, aber bescheidener und genügsamer Star

Seit Röthlins Zusage für den Jungfrau-Marathon wird OK-Präsident Christoph Seiler mit Anfragen überhäuft, er stellt ein klar gesteigertes Interesse an der Veranstaltung fest. Damit erlebt der Anlass unmittelbar nach dem 20-Jahr-Jubiläum 2012 und der damit verbundenen Ausweitung auf zwei Tage und 8000 Teilnehmer das nächste Hoch. Als Strahlkraft wirkt auch, dass ein Heimrennen Röthlins über die Marathondistanz Seltenheitswert hat. Letztmals trat der Schweizer 2007 in Zürich über 42,195 km an. «Die Resonanz der Medien ist sehr hoch und auch jene aus den Läuferkreisen ist äusserst positiv», bestätigt Seiler.

Es gab spontane Sympathiebekundungen, das Parkhotel Wengen lud den prominenten Gast ein, um ihm eine optimale Vorbereitung vor Ort zu ermöglichen. «Das war eine sehr schöne Geste», sagt Seiler. Ansprüche oder gar Sonderwünsche gab es nicht zu erfüllen, im Ziel auf der Kleinen Scheidegg könnte ohnehin schlecht ein roter Teppich ausgerollt werden. «Wir hatten keinen zusätzlichen Aufwand. Im Gegenteil», versichert der 44-jährige Rennverantwortliche. «Viktor hat im Vorfeld unbezahlbare Werbung für uns gemacht.»

«Viktor für uns jeden Franken wert»

Einen Preis hat Röthlins Engagement trotzdem. Über die Höhe der Startgage schweigt sich Seiler allerdings aus. «Ganz generell.» Er könne aber so viel verraten, «dass es sich um eine sehr moderate Forderung handelt und Viktor für uns jeden Franken wert ist». Zu seinen Spitzenzeiten konnte der Obwaldner Athlet als WM-Bronzemedaillengewinner etwa beim Tokio-Marathon Anfang 2008 eine geschätzte Antrittsprämie in der Höhe von rund 100'000 Franken aushandeln. Dazu kam in jenem Fall ein Siegeshonorar von 30'000 Franken, Röthlin triumphierte damals übrigens mit Streckenrekord und der noch immer gültigen Landesbestleistung in 2:07:23 Stunden. Einen Vertrag schlossen die Berner Oberländer mit ihrem Aushängeschild nicht ab. «Die Zusammenarbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen», sagt Seiler. Und sie wird, wenn auch in abgewandelter Form, im kommenden Jahr fortgeführt. Denn nach seinem angekündigten Karriereende nach der EM 2014 in Zürich will sich Röthlin selbst als Organisator etablieren und in Sarnen den Switzerland Marathon light über die halbe Distanz von 21 Kilometern durchführen. Er soll künftig eine Woche vor dem Jungfrau-Marathon stattfinden – als Warm-up für den grossen Kraftakt, bei dem er sich am Samstag im längst ausgebuchten Startfeld zusammen mit 4000 anderen Gipfelstürmern zunächst noch selber ins Ziel schleppen muss.

baz.ch/Newsnet

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